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Die Wahrheit · 1906-08-03 · Heft 30 (3.8.1906) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 30 (3.8.1906)
Date
1906-08-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. BO.!le Wahrheil. :eue o. Lebensnerv an greisen könnten. Ganz in derselben Weise beurteilte die Lage das Petersburger Kabinett, so daß, als nach einem wiederholt gepflogenen Gedankenaustausche aus schristlichem Wege der Letter der russischen auswärtigen Politik Ende Dezember 1902 in Wien erschien, das Einverständnis zwischen Oesterreich und Rußland über den einznschlagenden Weg sehr bald erfolgte. Zu allererst erkannten beide Staaten die Notwendigkeit in der prinzipiellen Behandlung der vorliegenden Fragen, einen andern modus proceclencli zu wählen, als den bisher gewöhnlich befolgten, der darin bestand, in solchen Fällen den ganzen europäischen Arevpag zu mobilisieren und den Komplex der zu lösenden Probleme seiner Beschlitßfassung zu überantworten. Die vielfachen ungünstigen Erfahrungen, die im Laufe der Jahre sowohl mit den Botschafterkonserenzen in Konstautinopel, wo eine Einigung selten zu erzielen war, als auch mit den viel Zeit raubenden Verhandlungen unter den Kabinetten, gemacht wurden, ließen beide Regierungen die neuerliche Anordnung dieser Vorgangsweise nicht als ratsam erscheinen und kamen demzufolge überein, die Angelegenheit zu zweien in die Hand zu nehmen, aus Grund eines von den Signatarmächten des Berliner Vertrages zu erwirkenden Mandates. Denn beide konnten sich darauf berufen, daß der schwerfällige Apparat des europäischen Konzertes angesichts der Gewandtheit der — (Pforten-) Regierung, aus komplizierten Situationen Kapital für ihre Untätigkeit zu schlagen, kaum irgend welche greifbaren Erfolge in den letzten Dezennien auszuweisen hatte, und daß dessen Versuche, im türkiftten .Gleiche Ordnung zu schaffen, leider nur zu oft vergeblich blieben, so lag auch die Erklärung nahe, daß, wie ein hervorragender Staatsmann der Gegenwart jüngsthin sehr treffend bemerkte, zwei Mächte, die einig sind, in Konstantinopel mehr ansznrichten vermögen, als viele, und daß somit das von beiden Regierungen zu inaugurierende System wirksamer sein werde, als die früheren Bemühungen. ' Nach einvernehmlicher Feststellung dieser Modalität handelte es sich nunmehr darum, einen passenden Aktionsplan zu entwerfen und über jene Mittel schlüssig zu werden, die den Bedürfnissen der Lage entsprächen, ohne solchen Weiterungen Tür und Tor zu öffnen, welche tiefgehende, für den europäischen Frieden gefahrvolle Umwälzungen zur Folge haben könnten. Die Aufgabe war keine leichte. Beider Aktion durfte sich nur innerhalb verhältnismäßig enger Grenzen bewegen, da beide zwar einerseits von dem Bestreben geleitet waren, eine Reihe von Maßregeln bei der türkischen Regierung durchznsetzen, welche eine wirkliche Sanierung der trostlosen Zustände in den zunächst betroffenen Vilajets von Kostowo, Monastir und Salonichi herbeizuführen und der dortigen christlichen Bevölkerung eine erträgliche Existenz verschaffen würden, anderseits aber beffisfen sein mußten, dabei nicht jenes Maß zu überschreiten, welches die Schonung der Lebensbedingungen des türkischen Reiches, sowie die Gefahr einer Abbröckelung derselben bei zu weit gehenden Forderungen, unbedingt auferlegten. Mit einem Worte, beide wollten für das eine sorgen, ohne das andere zu vernichten, und die Auffindung dieses Mittelweges bildete den Gegenstand eingehender Beratungen in den Dezemberkonferenzen 1902 zwischen dem österreichischen und russischen Minister des Aeußeren. Von diesen Prinzipien geleitet, mußten beide zunächst den vielfach in den Vordergrund geschobenen Gedanken der Vereinigung der sogenannten mazedonischen Vilajets zu einer autonomen Provinz mit einem christlichen Generalgouverneur an der Spitze, aus dem zu entwerfenden Programme ausschalten. Abgesehen davon, daß eine derartige Formation aus den ohne weitgehende Koerzitivmaßregeln nicht zu bezwingenden Widerstand des mohammedanischen Elementes gestoßen wäre, hätte sie auch die Gefahr in sich geborgen, aus dem fraglichen Gebiete ein zweites Ostrumelien zu machen, vor allem zum Schaden der Türkei, an deren Integrität beide Staaten festhalten, wie nicht minder zum Nachteile des Gleichgewichtes unter den auf der Balkanhalbinsel bestehenden Staaten, dessen Störung beide gleichfalls nicht zugeben wollen. Politisch bedenklich, weil sie, wie gesagt, eine unerwünschte Verschiebung der Machtverhältmsse am Balkan erzeugen würde, wäre eme solche Eventualität auch unbillig, da sie, im Falle der Lostrennung dieser Gebietsteile vom gegenwärtigen Verbände, den unversehrt aufrecht zu erhalten, beide Staaten bemüht sind, einem bestimmten Staatswesen allein zugute käme, unter Mißachtung nationaler Aspirationen anderer Völker, die nicht minderwertige Titel aus Berücksichtigung Vorbringen könnten, als jene sind, die den von bulgarischer Seite gern erhobenen Ansprüchen zugrunde liegen. Um nun dieser Gefahr zu steuern, waren beide wohl bedacht, bei Ausstellung ihres Sanierungsplanes nur solche Maßregeln in Aussicht zu nehmen, die geeignet wären, der christlichen Bevölkerung ernste Garantien für eine wirkliche und nachhaltige Besserung ihrer Lage zu bieten, ohne jedoch die Autorität des Landesherrn zu schwächen und das Gefüge des Reiches zu stören. Die Mißgriffe bei der Einhebui'.g der Stenern, die beständigen Ausschreitungen gegen die — Christen, welche in Ehre und Leben, sowie in Hab und Gut stets bedroht, der Willkür gewissenloser Funktionäre ansgeliefert sind, die totale Vernachlässigung der kulturellen Bedürfnisse der fraglichen Provinzen, deren Einkünfte teils vergeudet, teils zu anderen ihnen ganz fremden Zwecken verwendet werden, die höchst mangelhafte Organisation des Gendarmerie-, Polizei- und Feldhüterdienstes, waren ebensoviel Momente, die seit einer langen Reihe von Jahren zu immer lauteren Klagen Anlaß boten und zuletzt eine Altfregnng in der gesamten christlichen Bevölkerung hervorriefen, die Entschlüsse äußerster Verzweiflung ihrerseits befürchten ließ. Diesen Umständen abzuhelsen, war ein Gebot sich dringend empfehlender Voraussicht und dementsprechend faßten beide ihre Forderungen in einem Operal zusammen, das von den übrigen Signatarmächten des Berliner Vertrages gut geheißen, der Pforte übergeben und mittels Irades Seiner Majestät des Sultans zur Durchführung sanktioniert wurde. Den geflügelten Worten nämlich, daß die Türkei sich nicht ändert, stellte Gras Golnchowski die These entgegen, daß die Türkei sich ändern muß, wenn sie leben will, und da sie dies aus eigenem nicht zu bewerkstelligen vermag, so müssen diejenigen dafür sorgen, die an ihrer Erhaltung und Integrität ein unverkennbar aufrichtiges Interesse haben. Wir verhehlen uns nie die Schwierigkeiten, sagt der Minister, die mir der Ausführung dieses Pensums verbunden fein würden, und die auch schon im ersten Stadium unserer Aktion zum Vorschein gekommen sind, beni* kaum hatte unser Programm das Licht der Welt erblickt, so stießen wir sofort ans Hindernisse, und zwar nicht allein ans solche, die uns die angeborene Sorglosigkeit, Unbeholsenheit und der nur allzu bekannte. passive Widerstand der Türkei gegen jede Neuerung bereiteten, sondern auf nicht minder ernste, die von einer Seite kamen, wo man sie am wenigsten gewärtigen dürste. Den Hauptherd der Opposition mußten wir sehr bald zu unserer Ueberraschung inmitten jener Elemente entdecken, die, allen voran, seit Jahr und Tag die Leidensgeschichte der christlichen Völkerschaften im ottomanischen Reiche in allen Tonarten vor dem europäischen Forum auszurollen bemüht sind, und bisher immer nur die Erlangung erträglicher Existenzbedingungen für die unterdrückten Glaubensgenossen als das einzige Ziel ihrer Bemühungen hinstellten. Im Augenblicke aber, wo wir mit dem Mandate der Großmächte ausgestattet, an die Arbeit schritten, um diesem letzteren Ruse gerecht zu werden, und sowohl Griechen als Serben, Rumänen rc., die insgesamt einen beträchtlichen Teil des christlichen Kontingents bilden, ruhig und vertrauensvoll unserer Aktion entgegenblickten, lehnten sich die sogenannten bulgarischen Mazedonier gegen dieselbe in der gewalttätigsten Weise aus, indem sie die in Aussicht genommenen Maßregeln als unzulänglich bezeichneten und gleichzeitig verkündeten, sich mit keiner Lösung zufriedengeben zu wollen, welche nicht ihren weitgehenden, von nationalen viel mehr als von Humanitären Rücksichten beeinflußten Postulaten Rechnung tragen würde. - Die revolutonären Komitees, deren Zentralleitung sich auf bulgarischem Boden befand, entwickelten dementsprechend und

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