Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 30 (3.8.1906)
- Date
- 1906-08-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 4. Nr. 30 Die Wahrheit daß die Anforderungen desselben eine erhebliche Verminderung gegen frühere Zeiten erfahren haben. Das ist zweifellos darauf zurückzuführen, daß der Wiener Kultusvorstand darauf Bedacht nahm, den Religionsunterricht, respektive den zu bewältigenden Lehrstoff, dem herrschenden Zeitgeiste möglichst anzupassen und der nötigen Reduktion zu unterziehen. Da aber jedes Reduzieren feine Grenze haben muß, wenn nicht das zu reduzierende Objekt mit der Zeit in ein leeres Nichts aufgehen soll, und da dies bei dem in Rede stehenden Religionsunterricht umsomehr zutriffl, so muß auch hier die Parole lauten: Bis hieher und nicht weiter! Keine weitere Einschränkung und keine weitere Reduktion des Lehrstoffes, wenngleich dies der ..Moderne" noch so wünschenswert erscheinen mag! Vom pädagogischen Standpunkte aus sollen Schule und Haus Hand in Hand gehen, sich gegenseitig unterstützen und in der Erziehung und Bildung der Jugend eine gemeinsame Aufgabe erblicken. Legen wir nun die Hand aufs Herz und fragen wir uns: Erfüllen wir als Eltern auch wirklich unsere Pflicht gegenüber der Schule in Sachen der Religion? Unterstützen wir den Religionslehrer in seinen Bestrebungen, der Schuljugend das nötige Verständnis für die Religion und die wahre Liebe und Begeisterung für ihre Lehren und Vorschriften einzustößen? Wenn wir ehrlich sein wollen, dann müssen wir diese Frage mit einem entschiedenen Nein beantworten. Allerdings werden viele unter uns die Verletzung dieser Elternpflicht damit motivieren, daß es ihnen an der nötigen Zeit und Muße mangelt, andere wieder, daß sie nicht das Verständnis oder die Gabe besitzen, ihren Sprößlingen das Wahre und die Heiligkeit der Religion auseinander zu setzen. Allein gerade in dieser Motivierung liegt der Schwer- und Kernpunkt der Sache. Sind einmal unsere Kinder, was ihre religiöse Bildung betrifft, lediglich auf die Schule, respektive auf den Religionsunterricht in derselben angewiesen, wie sollte man das spärliche, das mit schwerer Not aus vergangenen Zeilen herübergerettete Restchen von Lehrstoff, das gleichsam nur noch an einem Faden hängt, immer wieder einschränken und aus zeitgemäßen Rücksichten zustutzen wollen?! Hat denn der Zahn der modernen Zeit nicht schon genug an unserer Religion genagt? Hat denn das religiöse Empfinden unserer Jugend durch die immer mehr umsichgreifende Indolenz unserer Glaubensgenossen noch zu wenig Schaden erlitten, daß man an dem ohnehin morschen Religionsgebäude weiter rütteln und ihm auch noch die letzte Stütze entreißen dürfte?! „Vor allem," heißt es in dem Aufruf, „sollte eine erhebliche Verminderung in den Anforderungen der toten hebräischen Sprache platzgreisen." Du lieber Himmel! Die hebräische Sprache, unsere uralte Volks- und Muttersprache, in der sich unsere Ahnen Jahrtausende hindurch verständigt haben; die hebräische Sprache, in der die göttliche Allmacht vom Sinai herab zu uns gesprochen und in der unsere heiligen Schriften und Gebete verfaßt sind: eine Sprache, vön der jedes einzelne THort, jeder einzelne Buchstabe Leben, Geist und Ethik enthält, die wird als die tote bezeichnet und soll gleich in der Schule als solche behandelt und präpariert werden! Wie stellt sich denn der Herr Einsender ein Judentum ohne die nötige Kenntnis der jüdischen Sprache vor? Welcher Zukunft würde das Judentum entgegen gehen, wenn es dieses Schatzes entbehren, oder sich desselben entledigen sollte? Wie stellt er sich, bei noch weiterer Einschränkung des hebräischen Sprachunterrichtes, einen zukünftigen öffentlichen Gottesdienst vor, wenn die Teilnehmer es nicht einmal bis zur Fertigkeit im Sid urle se n gebracht haben?! Wie malt er sich ein zukünftiges Gotteshaus aus, wenn die Besucher hebräische Analphabeten sein und stumm - .And teilnahmslos dasitzen werden! Könnte unter solchen Verhältnissen überhaupt noch auf eine Frequenz der Gotteshäuser gerechnet werden, und müßten diese heiligen Hallen dann nicht in die Klage ausbrechen: jessomiro. hojinu! Ach, wie verwaist, wie leer und verödet stehen wir da w’en aw, weil die Väter und Mütter unserer jetzigen Besucher es unterlassen haben, ihren Kindern die Kenntnis der heiligen Sprache beizubringen und in ihnen das Interesse für die Religion, für den Gottesdienst und die Gotteserkenntnis wachzurufen? Hätte der Herr Einsender in seinem Aufrufe nur seiner individuellen Anschauung Ausdruck gegeben und seinen Vorschlag ruhig dem öffentlichen Urteile überlassen, es wäre sicherlich niemandem in den Sinn gekommen, dagegen ein Veto einzulegen, so aber fordert er mit seiner Anregung die Judenschaft Wiens geradezu zu einem energischen Protest heraus, indem er für eine „Reform" Propaganda macht, die in unserer ohnehin an Jndifferentismus kränkelnden Zeit so manchen Wankelmütigen mitreißen und zur Anteilnahme an einem Zerstörungswerk verleiten würde. Und darum ist es an der Zeit, für die heilige Sache öffentlich das Wort zu ergreifen, und aus diesem Grunde sieht sich der Unterzeichnete, gestützt auf sein vieljähriges Wirken als öffentlicher Religiouslehrer und Jngendbildner, veranlaßt, seine Glaubens- und Stammesgenossen in nah und fern nachstehende Bitte zu richten: ..Getreue und gleichgesinnte Glaubensbrüder und Glaubensschwestern, Ihr zärtlichen und fürsorglichen Väter und Mütter, wenn Euch die Zukunft Eurer Kinder, Euer Stolz und Eure Freude am Herzen liegt, dann bezeuget dies hier, wo eine so ernste und heilige Sache auf dem Spiele steht; bezeuget es damit, indem Ihr mittelst einer Zuschrift an die Redaktion dieses Blattes oder an den Unterzeichneten Eure Gesinnung dahiti kund gebet, daß Her Lehrplan des israelitischen Religionsunterrichtes, wie er dermalen an den Wiener Schulen und den Lehrstätten anderer österreichischer Kultusgemeinden besteht, in seiner Form und. in seinem Umfange ungeschmälert erhalten bleibe, und daß jeder von inkompetenter Seite ausgehende Reformversuch auf energischen Widerstand stoßen werde." Falls die von Herrn Schiff gegebene Anregung, wider Erwarten, die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf sich lenken und die geplante Eingabe an die Behörde Tatsache werden sollte, dann würden die eingelaufenen Zuschriften die Gegenprobe liefern und den Anlaß bieten, die Einsender derselben zu einer mündlichen Besprechung einzuladen, zu der schon jetzt eine Anzahl anerkannter Schul- und Fachmänner ihr Erscheinen in Aussicht gestellt hat. Daniel Skuteziy, Religionslehrer, Wien, II., Große Schiffgasse 30. Heiliger Florian, schütz' unsere Häuser und;nnd' die anderen an! Molto: Friede ist nicht, solange ein Teil meiner Untertanen verfolgt wird. Heinrich IV. I. Teil: Aus dem Expose eines Ministers. H. Teil: „Die praktische Nutzanwendung empfohlen." Von Eduard E. Trnka. I. Teil. Als in den letzten Monaten des Jahres 1902 die Gärung unter der christlichen Bevölkerung d e r e u r o p ä i s ch e n Türkei einen geradezu bedenklichen Charakter angenommen hatte und die Pfortenregierung trotz wiederholter Mahnungen und Aufforderungen der Mächte zu einer gründlichen Umgestaltung ihres in jeder Hinsicht fehlerhaften und verderblichen Verwaltungssystems nicht zu bewegen war, konnte sich die österreichische R e g i e r u n g n i ch t mehr den ernsten Gefahren verschließen, die ein längeres Zuwarten zur Folge haben würde, und e n t s ch l o ß s i ch, einer eingehenden Prüfung der immer verzweifelter lautenden Klagen näher zu treten, sowie die Sanierungsmaßregeln zu erwägen, die dem gegenüber zu ergreifen wären. Es konnte die österreichische Regierung das sonst peinlich st zu beobachtende Prinzip der Nichteinmischung in die innerpoliiischen Angelegenheiten eines fremden Staates desto weniger ab halten, als das in nächster Nähe lodernde Feuer die eigene Sicherheit in Mitleidenschaft zu ziehen drohte und es doch niemandem zugemutet werden darf, mit verschränkten Armen der Entwicklung von Zuständen zuzusehen, die den eigenen