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Die Wahrheit · 1906-08-03 · Heft 30 (3.8.1906) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 30 (3.8.1906)
Date
1906-08-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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In der Volksschule, wie in der Mittelschule werden namentlich den Dummköpfen und Faulenzern Aufgaben gestellt, die ihnen als eine schwere Bürde erscheinen. Da haben es die alten Deutschen besser gehabt.-Sie legten sich auf die Bärenhaut und tranken immer noch eins. Das beschwerte zwar manchmal den Kopf ein wenig, aber als Bürde wurde es nicht empfunden. Nun haben sich die Zeiten geändert. Anstatt mit wohlschmeckenden Getränken muß der Kopf beschwert weroen mit Schreiben, Lesen, Rechnen, mit toten und lebenden Sprachen und was weiß ich sonst noch. Zu all dem gesellt sich aber noch die Religionslehre als erster und wichtigster Gegenstand, und oft kommt es vor, daß Kinder im Alter von 8—9 Jahren das Schuljahr wiederholen müssen, weil sie z. B. den Beichtzettel nicht gut abfassen und auswendig lernen konnten. Es mag nun manchmal geschehen, daß katholische Eltern ihr Kind konsessionslos erziehen lassen, um ihm diese Ueberbürdung zu ersparen; es ist aber nicht bekannt, daß ein reicher, oder sagen wir ein einflußreicher katholischer Mann, der den Religionsunterricht in der Schule prinzipiell für notwendig erachtet, eine Aktion eingeleitet hätte, den Religionsunterricht zu reduzieren und zeitgemäß zu gestalten. Das überläßt ein vernünftiger Mensch wohlweislich den Fachmännern. Aber wir Juden bilden bekanntlich immer eine Ausnahme. Bei uns kann einer Kaufmann, Handwerker, Gelehrter oder auch nur — ein reicher Mann sein, er braucht von unserer Religion, von ihren Urkunden, von ihrer Geschichte keine blasse Ahnung zu haben, aber wie es mit der Religion zu hallen ist, wie sie unterrichtet werden soll, was zu ihrer Kenntnis unbedingt notwendig ist — das weiß er ganz genau, natürlich viel genauer und besser, als alle Fachmänner zusammengenommen! Ein Goethe, ein H e r d e r, ein N i e tz s ch e erklären unsere heil. Schrift für das Erhabenste in der ganzen Weltliteratur. Ein S t e i n t h a l, einer der feinsten und fteisinnigsten Köpfe, erklärt die Kenntnis der heil. Schrift im Original für die Kenntnis des Judentums als unbedingt notwendig. Aber was kümmert das Herrn Maximilian Paul Schiff? Der weiß es besser. Seine Parole lautet: „Weg mit dem Hebräischen, dieser toten Sprache! Weg mit dem Religionsunterricht, überhaupt nach dem 14. Lebensjahre!" Nun mag ja sein, daß in Herrn Schiff ein Genie der Menschheit geschenkt ist, das alle genannten Männer übertrifft. Die hebräische Sprache mag auch für ihn eine tote sein. Aber das Ehrgefühl — das setze ich bei ihm j voraus — ist bei chm doch sehr lebendig, und das sollte er! etwas besser zu Rate ziehen, ehe er daran ging, den jüdischen! Religionsunterricht zeitgemäß zu reformieren! Man denke? In Deutschland ist der Religionsunterricht für,Protestanten und Katholiken. bis zur Beendigung der Mittelschulen obligatorisch zweimal wöchentlich. Die Juden allein genießen den Vorzug (!)' öen Unterricht nur bis Terzia, d. i. etwa bis zum 14. Lebensjahr zu erhalten, natürlich weil die deutsche Regierung die jüdische Jugend ganz besonders ins Herz geschloffen hat und sie möglichst vor Ueberbürdung schonen möchte l | Ist Herr Schiff so naiv, die Sache so aufzufassen? Oder i ist es ihm nicht klar, daß seitens der deutschen Regierung I hiermit dem Judentum das gröbste Unrecht angetan und die j größte Geringschätzung entgegengebracht wird? Was sagt sein i Ehrgefühl zu der Forderung, daß auch in Oesterreich dem Juden-! tum dieselbe Schmach zugefügt werden soll? j Um gefällige Antwort bittet j Rabbiner Dr. Kahan, Znaim.! Der israelitische Religionsunterricht.! Unter dieser Spitzmarke brachte die „Neuen Freie Presse" vom 20. Juli d. I. einen von Herrn Maximilian Paul Schiff eingesendeten und gezeichneten Aufruf, in welchem ausgeführt wurde, daß der derzeitige Lehrplan für den Religionsunterricht an den Wiener Volks- und Mittelschulen ein unzeitgemäßer und äußerst drückender sei und einer gründlichen Umänderung in dem Sinne bedürfe, daß der Religionsunterricht nur bis zum 14. Lebensjahr, und zwar ohne Einfluß auf das Schulzeugnis erteilt werde; vor allem aber müsse eine erhebliche Verminderung in den grammatikalischen Anforderungen der toten hebräischen Sprache platzgreifen. Schließlich forderte der Einsender gleichgesinnte Glaubensgenossen auf, ihm behufs einer gemeinsamen Aktion ihre Zustimmungserklärungen schriftlich zu übermitteln, damit dann die betreffenden Reformwünsche an das Unterrichtsministerium geleitet werden. Wer den derzeitigen Lehrplan für den israelitischen Religionsunterricht an den Wiener Schulen einer genauen und objektiven Prüfung unterzieht, der muß, mag er auch zu den enragiertesten Reformern in Religionssachen zählen, zugeben,

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