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Die Wahrheit · 1906-07-27 · Heft 29 (27.7.1906) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 29 (27.7.1906)
Date
1906-07-27
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Leite 8. Die Wahrheit Nr. 29. m seien und damit war auch die schmähliche Haltung der Polizei und des Militärs zur Genüge aufgeklärt. Ueber deu direkten Anteil des Militärs an der grausamen Arbeit der Schwarzen Banden erzählt der Mitarbeiter des „Dwazaty Wjek" Herr W. W l a d i m i r o w, der eine gründliche Untersuchung der dortigen Judeumetzelei veranstaltete, in der „Frankfurter Zeitung" folgendes: Zwei Tage vor dem Pogrom wurde im Lokal des Divisionsstabes eine Versammlung abgehalten, an der nur die Regimentskommandeure und General Bogajewski teilnahmen; am nächsten Morgen konferierten die Regimentskommandeure mit den Eskadronchefs. Am Abend wurden die Feldwebel versammelt, die beim Zapfenstreich (im Kasaner Regiment) den Soldaten ankündigtcn, daß am nächsten Tag in die kirchliche Prozession eine Bombe geschleudert und dieses einen Pogrom Hervorrufen werde. Als nun die Krawalle begannen und das Gesindel, die „Huligans", einen jüdischen Laden plünderten, fragten die Soldaten der in der Nähe stationierten 4. Kompagnie des Wladimir'schen Regiments einander mit Erstaunen, warum denn ihr Leiter, Hauptmann Jakubow H., diese Gemeinheit geschehen und ihr nicht Einhalt gebieten lasse. Ein Schutzmann griff in das Gespräch ein und erklärte den Soldaten, daß da keine Gemeinheit vor sich gehe, sondern der Befehl des Gouverneurs ausgeführt werde, nach welchem drei Tage lang Raub und Mord an Juden geübt werden sollte, und daß das auch billig sei, damit sie fernerhin keine Polizisten mehr morden. In diesem Augenblick trat Leutnant Schischko mit deu Worten heran. „Nun, Kinder, wollen wir den Juden mal was zeigen." Hauptmann Jakubow n. schien das Gespräch und die für den Pogrom ungünstige Stimmung wahrgenommen zu haben,. und um die Leute zu animieren, nahm er dem Soldaten Gabatulin das Gewehr ab, zielte auf einen zufällig die Straße überquerenden alten Juden und schoß ihn nieder, worauf er der Kompagnie zurief: „Haut, Kinder, auf die Juden zu." Die Kompagnie gehorchte und begann zu schießen. Darauf entsandte Hauptmann Jakubow II. fünf Soldaten unter Leitung des Unteroffiziers Wassili Tupik nach der Alten Chausseestraße mit dem ausdrücklichem Befehl: „Begegnet ihr Juden, so schießt sie nieder." — Unterwegs geriet Tupik in Zweifel, ob sein Vorgesetzter den Befehl von Rechtswegen erteilt habe, und ließ sich mit den Soldaten in eine Diskussion des Falles ein. — Er meinte, daß, wenn jemand ein Verbrechen begangen hat, er erst vor Gericht gestellt werden und erst auf dessen Urteil hin erschossen werden müsse, daß aber niemand — und sei es auch ein Jude — aufs Geratewohl ermordet werden dürfe. Der Hauptmann habe also zu Unrecht befohlen. Die Soldaten waren derselben Ansicht und der befohleue Massenmord unterblieb. Auf der Neuen Chausseestraße kam es zu einer Probe. Tupik erblickte einen Haufen Gesindel, welches eine jüdische Bude plünderte, trat mit seinen Soldaten heran und befahl Einhalt. Die Huligans waren derart erstaunt, daß sie den Befehl als Scherz auffaßten, nach kurzer Verlegenheit laut auflachten und wiederum zugriffen. Tupik wiederholte seinen Befehl und drohte, zu den Waffen zu greifen, aber das Gesindel nahm das noch immer nicht ernst und achtete gar nicht mehr aus den Unteroffizier. Erst als Tupik seine Leute antreten ließ und „Anlegen" kommandierte, erkannte das Gesindel die Situation und im Nu war es auf und davon unter Zurücklassung der bereits geraubten Ware. Ein in der Nähe stationierter Schutzmann war nicht weniger, als das Gesindel über Tupik erstaunt und redete ihn folgendermaßen an: „Du hast wohl zwei Köpfe, daß du es mit dem Gouverneur aufnimmst. Der befiehlt, drei Tage lang die Juden zu morden und zu plündern, und du willst dich dem widersetzen". Tupik wurde nachdenklich. Es wollte ihm nicht in den Kopf, daß der Gouverneur einen solchen Befehl erlassen haben sollte, aber wie sollte er sich dann die Worte des Schutzmannes erklären, der doch auch nach Vorschrift seiner Vorgesetzten handeln müsse und schließlich war doch auch der Befehl seines eigenen Hauptmannes Jakubow II. da. Im Nachdenken vertieft kommandierte er „Kehrt", kam zum Hauptmann zurück und erstattete ihm Bericht. Dieser machte ein grimmiges Gesicht, sagte nichts, wies aber Tupik mit einer Handbewegung ab. Ein anderer Offizier, Namens Jelenewski, schenkte einem Soldaten, der tüchtig auf Juden feuerte und in seiner Gegenwart drei lotschoß, 50 Kopeken mit den Worten: „Brav Junge, das hast du gutgemacht". Besonders hervorgetan hat sich ein Hauptmann Osol. Er hatte keinen Dienst, sondern spazierte durch die Stadt und mengte sich überall ein. Als er einer Anzahl Soldaten von der 7. Kompagnie begegnete, fragte er sie, ob schon alle jüdischen Wohnungen demoliert seien und als er eine verneinende Antwort erhielt, sagte er: „Warum zögert ihr nun, es wird ja bald spät, also munter vorwärts" und die Soldaten setzten wiedervein. Derselbe Osol betrat zuerst ein Holzlager, in dessen Nähe die Soldaten ein Haus beschossen. Ohne jede Befugnis zog er die Wachtposten von den Offizierswohnungen zusammen und begab sich mit ihnen zur Schneidemühle, wo er den Vorschlag machte, keine Patrone unnütz zu verschwenden, sondern das Gebäude in Brand zu stecken. Nur wer entkommen wollte, sollte totgeschossen werden. Dem Hauptmann Michailow ist es zu verdanken, daß wenigstens Frauen und Kinder vor dem Brande entlassen worden sind. Nur eine alte Frari ist zurückgeblieben und in den Flammen umgekommen. Als nach dem Pogrom die Zeitungen Einzelheiten mit Namensnennung zu bringen begannen, entstand im Kasino eine gewisse Aufregung und die Offiziere wurden unruhig. Am 18. Juni ließ der Eskadronschef Jakubow II. seine ganze Kompagnie zu sich nach Hause kommen, stellte die Leute in Kreisform und wandte sich an sie mit folgenden Worten: ..Ihr wisset wohl, Kinder, was in der Stadt vom 1. bis zum 5. Juni vorging, als allerlei Gesindel Läden und Wohnungen plünderte und sogar unschuldige Juden totschlug. Saget nun, habt ihr denn mitgeholfen oder habt ihr den Pogrom zu dämpfen gesucht?" Die Soldaten antworteten: „Keineswegs, Ew. Hochwohlgeboren, haben wir mitgeholfen." „Gut", sagte der Hauptmann: „nun saget, was füv Befehle ich denn erteilte. Wem ich etwas befohlen habe, der soll vortreten und aussagen." Es erfolgte keine Antwort, sondern alles blieb in tiefem Schweigen und erst nach dreimaliger Wiederholung der Frage trat ein Soldat hervor und sagte schüchtern: „Jawohl, Ew. Hochwohlgeboren haben mir befohlen." „Und was habe ich dir gesagt?" fragte der Hauptmann schroff. „Ew. Hochwohlgeboren befahlen mir auszupassen, obnicht irgend ein Jude durch die Straße komme, und jeden solchen niederzuschießen." Kaum war dies ausgesprochen, als einer nach dem anderen hervortrat und das gleiche wiederholte. Einen von den Zeugen fragte der Hauptmann: „Und nun, hast du geschossen?" „Jawohl, Hochwohlgeboren mehrmals." „Wieviel?" „Sechs Schüsse habe ich abgegeben," antwortete der Soldat aufgeregt. Der Hauptmann wurde nachdenklich, denn eine derartige Wendung hatte er nicht erwartet. „Und wieviel hast du nun getötet?" „Das kann ich nicht.wissen, Ew. Hochwohlgeboren, aber einige wohl, da ich mehrere nach den Schüssen zusammenbrechen sah." Unter den Zeugen war auch der Unteroffizier Wassili Tupik, der an seinen Fall erinnerte. Jakubow H. verlor nun ganz die Fassung, wandte Tupik den Rücken und suchte den Blicken der Soldaten auszuweichen. Die Mannschaft verstand die Lage des Vorgesetzten, dachte sich wohl, was das Verhör bezweckte und lachte versteckt. — Endlich sagte der Hauptmann: Nun, Kinder, kam es denn vor, daß ich der Rotte voranging und ihr zurief: „Tod den Juden?" Hat jemand das von mir gehört?" „Jawohl, Ew. Hochwohlgeboren", antwortete die Rotte einstimmig.

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