Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 29 (27.7.1906)
- Date
- 1906-07-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 29. Die Wahrheit Leite 7. ..Es werden so viele Rechtsirrtümer begangen, jammert die ,Staatsbürgerztg.', und das Leben flutet über sie hinweg, wenn es sich aber um einen gegen einen Juden begangenen Rechtsirrtum handelt, dann wird ein furchtbares Aufheben gemacht, und nicht eher geruht, bis Remedur geschaffen worden ist." „Wer — so schreibt die ,Deutsche Hochwacht' — den ganzen zwölfjährigen Dreysusrummel überblickt und sich sagt, daß um die Frage, ob ein französischer Hauptmann einen Verrat begangen habe, die ganze Erde ansgerültelt worden ist (von Staatshäuptern bis in die Verbrecherkaschemmen aller Welt) — und wer dann noch nicht erkennt, welche Riesenmacht das internationale verschworene Judentum unter den Völkern hat, dem ist nicht zu helfen, der ist mit Blindheit geschlagen." Nicht weil sie mit Blindheit geschlagen sind, sondern aus bösem Willen ignorieren die Antisemiten die Tatsache, daß es sich bei dem „Dreysusrummel" denn doch um ganz andere Dinge gehandelt hat, als bloß um die Frage, „ob ein französischer Hauptmann einen Verrat begangen habe". Nicht auch um einen Rechts i r r t u m nur handelte es sich, sondern um eine wissentliche und mit den gemeinsten und raffiniertesten Verbrechen ausgeführte Erdrosselung des Rechtes, und nicht um „einen französischen Hauptmann" nur handelte es sich — obschon auch das genug ist, alles daran zu setzen, ihm, wenn er unschuldig ist, der Teufelsiusel zu entreißen und ihn von der aus ihn mit Unrecht gehausten Schmach zu befreien —, sondern für die französischen Patrioten auch darum, ob eine Bande von Verbrechern unerkannt an der Spitze der Armee und des Staates stehen soll. Der Einblick, den die republikanischen Führer in Frankreich durch diesen „Dreysusrummel" in die Klüngelwirtschaft hinter den Kulissen gewonnen haben, hat ja denn auch zu den weitgehendsten Konsequenzen geführt, hat die Regierung veranlaßt, das Schulwesen zu reorgauisiereu, Staat und Kirche zu trennen u. s. w. Für die Jude n, die sich mit größter Lebhaftigkeit für den französischen Hauptmann interessiert und zum Teil für ihn eingesetzt haben, lag dazu noch ein ganz besonderer Grund vor. Oder machen gerade die Antisemiten, die über das internationale verschworene I u d e n t u m jammern, etwa nicht st e t s d r e g a n z e Iud ensch aft für jeden jüdischen Verbrecher verantwortlich? Haben sie etwa nicht aus den „Fall Dreyfus" den Schluß gezogen, daß Juden keinen verantwortlichen Posten im Staate erhalten dürfen? Die Juden halten es durchaus nicht für unmöglich, daß auch ein Jude, wie Hunderte von Angehörigen aller Religionen, Konfessionen, Nationalitäten und Rassen es zu allen Zeiten getan haben, auch zahlreiche Deutsche, wie man aus der Geschichte und aus Prozeßverhandluugen weiß, oft genug getan haben und noch tun, Verrat üben könnte. Wenn sie aber jedesmal, da ein Jude irgend ein Verbrechen begangen zu haben angeklagt ist, nervös werden und ein Mehr tun, um, falls die Anklage unbegründet ist, es wenn irgend möglich zu beweisen, das ist ganz selbstverständlich und lediglich eine Folge der üblichen Generalisierung auf antisemitischer Seite, sobald es sich mm einen Juden handelt, der etwas Böses getan haben soll. Manche Antisemiten „freuen" sich über den Sieg des Rechtes mit noch größerer Aufrichtigkeit, mit welcher sie die Judenmetzeleien in Rußland „bedauert" haben. In den Augen anderer Antisemiten aber muß trotz aller Beweise des Gegenteils Dreyfus der Schuldige bleiben, weil er ein Jude ist. Darum ist er nach ihren Preßorganen, den deutschen wie den österreichischen, nicht freigesprochen worden, weil die juristischen Beweise für seine Unschuld beigebracht worden sind, sondern weil die angebliche Macht und das Geld der Juden den Schuldigen der gerechten Strafe entzogen haben. Nicht weniger als 30 Millionen, nach einem anderen kundigen Thebaner unter den Antisemiten sogar 35 Millionen Frcs., sollen von den Juden aufgebracht worden sein, um Dreyfus rein zu waschen. Die braven Antisemiten vergessen nur, daß selbst diese Summe auch nicht entfernt hätte ausreichen können, um das zuwege zu bringen, was die Wahrheit und das Recht zuwege gebracht haben. Man gedenke nur: Mit diesem Gelbe sollte Esterhazy abgeschoben, die Presse der ganzen Welt, soweit sie nicht antisemitisch ist, bestochen, die 49 den Kassationshos bildenden h ö ch ft e n R i ch t e r F r a n k r e i ch s, die 473 Mitglieder der D e p n t i e r t e n k a m m e r, die 183 des Senates gekauft worden sein, ganz abgesehen von den hervorragenden Männern, die wie Z o l a, S ch e u r e r - K ä st n e r, Trarieux, Clemenceau, Picquart, und wie sie sonst noch heißen, die schon früher für Dreyfus eiugetrelen waren. Zur Bestechung so vieler Personen in höchsten Stellungen und beiläufig zum großen Teil auch von anerkannter Ehrenhaftigkeit reichen nicht 30, nichl 35, nicht 100 Millionen und noch viel größere Summen aus, selbst wenn alle Welt für einen entsprechenden Preis käuflich wäre. Die Antisemiten beurteilen die Menschen und die Preise denn doch gar zu sehr nach sich. Wir unsererseits ziehen es vor, an die Macht der Wahrheit und nicht an die Macht des Judentums und an die Kaufkraft jüdischen Geldes zu glauben. Ganz überschlau wissen die „Leipziger Neuesten Nachrichten" ihren Aerger über den einem Juden und den Juden zugute kommenden Sieg zn verbergen. Sie meinen, Dreyfus habe es seinem Vaterlande gegenüber nicht verantworten können, in seinem persönlichen Interesse es. wie geschehen, zu beunruhigen. Für einen Soldaten gebe es noch höhere Pflichten als die Erkämpfung seines persönlichen Rechtes. Das Blatt führt als Beispiel den österreichischen Feldzeugmeister Benedek an. der. wie es schreibt, nach Königgrätz alle Schuld auf sich nahm, sich still in einen Winkel verkroch, und dort als vergessener Mann starb. Er konnte unschuldig dastehen, aber er schwieg, denn er war Soldat, er war ein großer, vornehmer Charakter, was von Dreyfus niemand behaupten werde. Wie doch Antisemiten unglücklich in der Wahl ihrer Gleichnisse sind und wie großmütig sie sein können, wenn ein Jude die Kosten zahlen soll! Daß es ein Ding ist. ob jemand sich als Feldherr verkannt sieht, ob er den Vorwurf tragen muß, eine Schlacht nicht gewonnen zu haben, was auch dem größten Feldherrn passieren kann und den größten Feldherren zu allen Zeiten passiert ist, ein ganz anderes Ding aber, als Verräter, als Schuft für alle Zeilen seiner Familie, seinem Vaterlande gegenüber gebrandmarkt zu sein, das übersehen die Hellen „Leipziger Neuesten Nachrichten", aber wohl nur weil Dreyfus ein Jude ist. Uebrigens ist es noch sehr fraglich, ob Benedek wirklich weise und vornehm gehandelt hat, da er schwieg. Wenn wirklich, was wir ja nicht wissen, nicht Benedek, sondern wie es in dem Leipziger Blatte heißt, die Korruption, die Unfähigkeit und die Schäbigkeit in den hohen Kreisen Schuld waren an dem Verluste des Feldzuges, daun war es sogar im höchsten Grade unpatriotisch, daß er nicht gerade im Interesse des Vaterlandes statt zu schweigen, sprach, statt sich zu verkriechen, hervortrat. Es wäre dann viel vornehmer gewesen, nicht vornehm zu sein. Daß es auch von höchster Wichtigkeit für Frankreich war, die Schufte, die Lügner, die Meineidigen, die Fälicher, die Mörder und die Dummköpfe im Generalsrabe bloßzustellen und sie unmöglich zu machen, das werden Antisemiten vielleicht einsehen, niemals aber zugeben, wenn der Enthüller ein Jude ist. Doch wozu noch lange rechten mit Blättern, die den Aufenthalt auf der Teufelsinsel, wie die „Slaatsbürgerztg." es tut, als ..einen vielleicht etwas warmen, aber im übrigen recht erträglichen B a d e a u f e n t h a l t" bezeichnen, die von einer „Judenmacht" fabeln, an die sie selbst nicht glauben, die mit jüdischen Millionen um sich werfen und alle möglichen Unmöglichkeiten eher als möglich hinstellen als den Sieg der Wahrheit und des Rechtes. Mögen sie weiter fabulieren und ihre Unvernunft zu Markte tragen sowie ihre heimlichen bösen Wünsche verraten, wenn nur immer die Wahrheit siegt und das Recht triumphiert. Das Militär Wahrend der Schreckenstage in Sjelostok. Die Enthüllungen des Fürsten Urussow in der Duma haben mit aller Deutlichkeit nachgewiesen, daß die Urheber der Greueltaten in Bjelostok in den höchsten Regierungskreisen zu suchen