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Die Wahrheit · 1906-07-27 · Heft 29 (27.7.1906) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 29 (27.7.1906)
Date
1906-07-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 29. übergenug, denn bedenke nur, sobald ich dem Baume immer neue Aeste raube, wird dieser schattenreiche Baum gar bald ganz kahl dastehen, keine Frucht mehr bringen und ein jeder wird dann achtlos an ihn vorübergehen! ... So, meine Herren, verhält es sich auch mit dem Lebensbaume unserer heiligen Religion, dessen unvergleichlichen Früchte die ganze gottgläubige Menschheit ergötzen und erquicken und ihr zur wahren Seelenlabung dienen. Wenn wir nun diesen Baum der wahren Religion allmälich entblättern und ihm seine Früchte rauben, dann kann uns dieser kahle, hinsterbende Baum unmöglich mehr das sein, was er schon an die sechs Jahrtausende gewesen: unser kostbarster Schmuck und unsere stolzeste Zier! Als Führer und Präsident der Pester Großgemeinde wäre Hofrat W e i s z ein zweiter W a h r m a n n, nur mit dem Unterschiede : W a h r m a n n forcierte das Ungartum auf Kosten des Judentums, während Hofrat Weisz vor allem glaubenstreue Juden will, die dann und eben aus diesem Grunde, auch treue Ungarn sein würden. Denn die Religion des Judentums will und fordert von ihren Bekenner» in allererster Reihe: Vaterlandsliebe! . .. Hofrat Weisz ist sich dessen bewußt, daß die „Pester israelitische Religionsgemeiude" — dies ihr stolzklingender Titel — nicht nur eine administrative, sondern vielmehr eine R eli gi o n s gemeinde ist. Soll sie nun ihrem Titel voll und ganz entsprechen, so muß sie in allererster Reihe und hauptsächlich die Religion hegen und pstegen. Und da haben wir einen gar heiklen, weil wunden Punkt berührt. Da gibt es keine Beschönigung und auch keinen Beschwichtigungshofrat. Denn wollen wir gerecht und dabei auch ehrlich sein, so müssen wir offen und ehrlich bekennen, daß in unserer Großgemeinde gerade die religiösen Dinge vieles zu wünschen übrig lassen. Nur ein Mann, wie Hofrat Weisz, mit dem stahlblausten Charakter und der felsenfesten Ueberzeugung, wäre berufen, als kundiger Arzt diese krankhaften Zustände einer baldigen Gesundung zuzuführen. Und somit wären wir bei dem inhalts- und ideenreichen Programm des Hofrates Weisz angelangt, das er in seiner großangelegten, formschönen Programmrede vor der großen, aus mehr als fünfzig Herren bestehenden Deputation seiner Wähler entwickelte und das mit ungeheurem Jubel ausgenommen wurde. Es ist derart beschaffen, daß es jedem Bekenner des Judentums aus der Seele gesprochen sein muß, und wer immer Präsident der Pester Großgemeinde werden wird, wird sich das Programm des Hofrates Weisz anzueignen haben. Wir kommen auf dasselbe noch zurück, da es wert und würdig ist, eingehender besprochen zu werden. Unserer Ansicht nach, dürfte Hofrat Weisz den Standpunkt Simon des Gerechten teilen. Dieser stellte als Grundsatz fest: Auf drei Dingen besteht die Welt — auf der Gotteslehre, dem Gottesdienste und der werktätigen Menschenliebe! (Sprüche der Väter 1, 2). Hofrat Weisz beabsichtigt — so er zum Präsidenten der Pester israelitischen Religionsgemeinde gewählt werden sollte, was noch immer möglich ist — diese schöne Theorie in eine noch schönere Praxis umzusetzen. Möge ihm das im Interesse der Großgemeinde, wie zum Frommen des ungarländischen Judentums auch möglich gemacht werden! . . . 8. Da» Ende der Dreisfus-Affaire. Der höchste französische Gerichtshof hat nach überaus eingehenden und sorgfältigen Verhandlungen sein En durteil in der Dreysus-Affaire gefällt. Es lautete auf Freisprechung des Kapitäns Dreyfus von jeder Schuld an dem Verbrechen, dessen er vor zwölf Jahren angeklagt worden war. Dieses Urteil hat die ganze gebildete Welt nicht nur Frankreichs bereits an dem Tage gefällt, an welchem das Kriegsgericht in Rennes Dreyfus unter Anerkennung mildernder Umstände — mildernde Umstände für einen reichen Offizier, der sein Vaterland verrät! — zu zehn Jahren verurteilt Hatte, ja lange bevor der Strafsenat des Kassationshofes am 27.- Oktober 189& die Revision des vor dem Kriegsgericht in Paris verhandelten Prozesses für zulässig erklärt hatte. Dieses Urteil des Kassationshofes war also, zumal was nach den Ausführungen des Generalstaatsanwaltes . bekannt worden war, erwartet worden. Von besonderem Interesse aber ist, daß von den neunundvierzig höchsten Richtern einstimmig die Aufhebung des Renner Urteiles beschlossen worden ist. Die ausführliche Begründung führt als neue Tatsachen, die die Revision rechtfertigen, an, die Ersetzung des Buchstaben P. durch den Buchstaben D., die Zurückdatierung des Schriftstückes über die Organisation der Eisenbahnen durch den Fälscher Oberst Henry u. s. w. und erklärt ferner, daß feststehe, daß das Bordereau von Esterhazy geschrieben worden ist. Zweifelhaft war gewesen, ob die Angelegenheit zu neuer Verhandlung an ein drittes Kriegsgericht verwiesen werden wurde. Die Zurückverweisung wurde gerade von vielen Freunden Dreyfus' gewünscht, um in offener kontradiktorischer Gerichtsverhandlung die volle Wahrheit an den Tag zu bringen. Der Kassatjonshof beschloß indessen mit 31 gegen 18 Stimmen, daß eine Verweisung der Anklage an ein neues Kriegsgericht nicht stattzufinden habe. Der erste Vorsitzende Ballot-Beauprs betonte in seiner Rede bei der Verlesung des Gerichtsbeschlusses eindringlich, daß eine Rückverweisung „angesichts des vollständigen Fehlens auch nur des kleinsten Verdachtgrundes gegen Dreyfus" eine Verhöhnung der Rechtspflege wäre. Wenn man bedenkt, wie sich die französischen Kriegsgerichte in den Prozessen gegen Offiziere, die sich bei der Aufnahme der Kircheninventare geweigert hatten, die Befehle ihrer Vorgesetzten auszuführen, über das strenge Recht hinweggesetzt haben, dann ist diese Entscheidung nur weise, zumal der oberste Gerichtshof durchaus souverän ist, und die endgiltige Aufhebung des Renner Urteiles nur im Interesse der öffentlichen Ordnung lag. So hat denn die Wahrheit gesiegt, gesiegt im Interesse der Wahrheit und des Rechtes allein; denn Dreyfus, der einmal begnadigt war, hätte doch nichts geschehen können; er war frei und mußte frei bleiben. Aber es konnte nicht fehlen, daß dem ehemaligen Bewohner der Teufelsinsel nicht nur das formale, nackte Recht, sondern auch eine gewisse Genugtuung zuteil wurde. Nicht genug, daß das Urteil des Kassationshofes im Amtsblatt und in fünfzig von Dreyfus auszuwählenden Zeitungen veröffentlicht werden muß, hat die Regierung sofort Vorlagen eingebracht, wonach Dreyfus wieder als Major und Picquart als Generäl in das Heer eingestellt werden sollen, so daß sie genau die Stellungen in der Armee einnehmen, die sie eingenommen hätten, wenn die Zwischenfälle sich nicht ereignet hätten, und daß ferner beide Offiziere in die Liste der Anwärter auf den Orden der Ehrenlegion eingetragen werden sollen. Die Deputiertenkammer nahm das Gesetz über die Rehabilitierung und das Avancement der beiden Offiziere mit 473 gegen 42, der Senat mit 183 gegen 30 Stimmen an. Bei der Bekanntgabe des Abstimmungsergebnisses in der Deputiertenkammer erklärte der Präsident Brisson, daß diese Abstimmung einen Triumph der Wahrheit bedeute, dem die ganze Welt zustimme. In Erwiderung auf die Gesuche mehrerer Deputierter wurde regierungsseitig erklärt, das Urteil des Kassationshofes solle in allen französischen Gemeinden zuni öffentlichen Anschlag gebracht werden. Erwähnt sei noch, daß auch den Männern, die für Dreyfus eingetreten waren, wenn auch nur posthume Ehren zuteil geworden sind. Gegen die Generale, die das ganze Unglück der ..Affaire" nicht nur über Dreyfus, sondern, auch über ganz Frankreich gebracht, kann zwar infolge des Ämnestiegesetzes nicht mehr strafrechtlich vorgegangen werden, aber in den sehr aufgeregten Verhandlungen der Kammer hat sich bereits gezeigt, daß sie nicht ganz den Folgen ihres verbrecherischen Treibens entgehen werden. Wir enthalten uns aller weiteren Betrachtungen über die eingetretene Wendung, zumal wir schön in einer früheren Nummer dem Gegenstände einen- Artikel gewidmet haben, und Mollen uns nur noch mit der Stellung d e r a n t i s e m i t i s ch e n Presse zu dem Urteile des Kassationshofes etwas beschäftigen.

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