Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 29 (27.7.1906)
- Date
- 1906-07-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 29. Die Wahrheit. Seile 5. Du enthältst alles, alles, was mir teuer ist. Das Werk auch meiner Hände, den rechtschaffenen Greis, der mir das Leben gab, eine Familie ohne Tadel, Freunde, die den Grund meines . Herzens kennen, die es wissen, ob ich je etwas anderes als das Wohl meiner Mitbürger gewünscht habe. Empsange diesen Wunsch, der sich täglich meinem Herzen entwindet und in diesem Augenblick an alle deine tugendhaften und demütigen Bürger gerichtet ist. Ich schließe mit dem Gebete der Spartaner: O G o t t g i b u n s, daß wir die Ungerechtigkeit ertragen mögen." Dieser Carnot, welcher ein Ahne des durch Mörderhand gefallenen Präsidenten C a r n o t war, ist zur Deportation verurteilt worden und im Jahre 1889 wurden seine Gebeine aus Magdeburg nach Paris gebracht und im Pantheon am 4. August gleichen Jahres beigesetzt. In gleicher Weise wird der unsterblich bleibende Emil Zola, der Siegelbewahrer Gottes, dessen Wappen die Wahrheit ist, im Pantheon seine Ruhestätte finden. Empfehlend wäre es, daß man in diesem Jahre, wo die Wahrheit einen solchen Sieg errungen, des Wahrheitshelden Zola an unseren hohen Festtagen beim Seelengedüchtnis gedenke. * * * Durch einen Staatsstreich ist die russische Duma aufgelöst worden und die augenblicklich triumphierende Autokratie ist gerüstet, um das in allen Teilen des großen Reiches und in allen Schichten der russischen Gesellschaft mächtig auflodernde Freiheitsgefühl mit grausamer Hand zu ersticken. Das russische Volk und besonders unsere armen Glaubensbrüder in Rußland, die nach den letzten Nachrichten wieder von Pogroms bedroht sind, gehen schweren Zeiten entgegen; aber der endliche Sieg in dem Kampfe gegen die mit Blut und Eisen alles niederwürgende Despotie ist gewiß, denn auf die Dauer läßt sich ein Volk, das bereits auf den Spuren der Freiheit einherschreitet, nicht unterdrücken. * * * Für die Zustände in Rumänien ist die nachfolgende Korrespondenz eines antisemitischen Blattes aus Bukarest sehr charakteristisch: „Der Justizminister Badarau hat aus dem rumänischen Ministerium ausscheiden müssen, weil er in den Verdacht der Judenfreundlichkeit geraten ist. Der Vorfall ist charakteristisch für die Anffaffungen, welche das öffentliche Leben in Rumänien inbezug auf die Juden beherrschen. Der bloße Verdacht der Jndenfreundlichkeit genügt, um einen Minister absolut unmöglich zu machen und ihn zum Rücktritte zu zwingen. Wer eiir Judenfreund ist, in dem erblickt man keinen wahren Rumänen mehr. So empfindlich ist das rumänische Nationalgefühl gegen jede Beimischung jüdischer Einflüsse. Badarau war, bevor er Justizminister wurde, Advokat in Jassy, wo er viele reiche Juden zu Klienten hatte. Infolgedessen drängten sich an ihn als Minister wiederholt verschiedene Juden heran, die seine Protektion suchten. So kam er in den Verdacht der Judenfrenndlichkeit und verlor sein Portefeuille. Das Geheimnis des großen Aufschwunges, den Rumänien genommen, liegt darin, daß es seine demokratischen und freisinnigen Institutionen judenrein zu erhalten versteht, indem kein Jude in das Parlament und kein Jude in die Verwaltung Zutritt hat und überhaupt kein Jude als Rumäne angesehen wird, auch wenn er sich noch so sehr als Rumäne geriert. Magyaren, Polen und andere Nationen lassen es ruhig geschehen, daß sich Juden unter ihrer Maske in ihre nationalen Reihen drängen : die Rumänen wollen von dieser Maskerade nichts wissen und sehen darin nicht nur keinen Gewinn, sondern geradezu eine Gefahr." ..Das Geheimnis des großen Aufschwungs" von Rumänien ist allerdings auch ein Geheimnis für die Kulturwelt bisher geblieben! __ Zur Präsidentenwahl in der Kndapester Gemeinde. Nachdem Magnatenhausmitglied Sigmund Kornfeld die auf ihn gefallene Wahl zum Präsidenten der Pester israelitischen Religionsgemeinde dankend zwar, jedoch in aller Entschiedenheit abgelehnt hatte, begaben sich einige angesehene Mitglieder der Gemeinderepräfentanz bestehend aus den Herren Reichstagsabgeordneten Dr. Väzsonyi und Dr. Lettner, dem kön. Rate Med. Dr. Adler, dem Rechtsanwälte Doktor Jur. R o z s a v ö l g y i, den Direktoren Beck de M a d a r a s, F a l u d i, K o h n und U l l m a n n de E r v n y in die Wohnung des Hofrates Berthold Weisz, um diesen zu bitten, die Kandidatur für die Präsidenteuwürde annehmen zu wollen. Hofral Weisz empfing die Deputation in einnehmender Liebenswürdigkeit und erklärte den Herren ehrlich und aufrichtig, daß es — seines Dafürhaltens nach — in Ungarn nicht einen Juden gibt, dem eine größere Ehre zuteil werden, und der eine größere Auszeichnung erhallen könnte als die: Präsident der größten Jfraelitengemeinde des Landes — fast könnte man sagen der ganzen Welt — zn werden. Durch das Anerbieten der Kandidatur fühle er sich hoch geehrt und überaus glücklich. Es sei der schönste Moment seines Lebens, daß hoctfftehende Männer ihn für das höchste Ehrenamt, das die Gemeinde zu vergeben hat, würdig erachtet haben und nehme er voll freudiger Genugtuung die ihm angebotene Kandidatur dankend an. Nur eines glaubte er sich Vorbehalten zu müssen: sollte er nämlich — während des Wahlkampfes — bemerken, daß das Gros der geehrten Wähler nicht für ihn sei, so ist er fest entschlossen, um die Harmonie in der Gemeinde nicht zu stören und um den Frieden inmitten der Gemeinde aufrecht zn erhalten — von seiner Kandidatur zurück zu treten. In beredter Weise gab der Sprecher der Deputation seiner innersten Ueberzeugung Ausdruck, daß diese Eventualität nicht eintreten werde. Gleichzeitig ersuchte er den Kandidaten, die Zeit bestimmen zu wollen, wann die große Deputation der „Weisz"-Partei bei ihm vorsprechen dürfe. Hosrat Weisz willfahrte diesem Wunsche und stellte den Herren in Aussicht, er beabsichtige gelegentlich des Empfanges seines Wahlkomitees, sowie der sich diesem anschließenden Wahlbürger sein Programm zu entwickeln, was die Anwesenden mit großer Begeisterung und mit Befriedigung zur Kenntnis nahmen. Hiermit war der offizielle' Akt beendet. Ueber freundliche Einladung des Hofrates Weisz blieben die Herren noch länger beisammen und es entwickelte sich bei Besprechung der demnächst stattzufindenden Präsidentenwahl ein äußerst animierter Ideenaustausch. Der eine meinte, dies sei zu eliminieren; der andere wieder, es sei jenes abzuschaffen. Reformen beim Gottesdienste und den bestehenden Kultuseinrichtungen seien zeitgemäß u. s. w. Nun ergriff Hofrat Weisz das Wort, und ersuchte seine „lieben Freunde," ihm zu gestatten, den verschiedenen hier vorgebrachten Reformprojekten mit einem passenden Gleichnisse zu begegnen: Ein Herr legte sich einst einen schönen Garten an und erlebte die Freude, denselben zur schönsten Blütenpracht gebracht zu haben. Voll innigster Befriedigung weilte er im Garten allfabbatlich, an den Festtagen, so auch in seinen Erholungsstnnden nach redlich getaner Arbeit. Ganz anders veranlagt war dessen Sohn, der keinerlei Mühe und Arbeit mit dem in vollendeter Pracht dastehenden Garten hatte. An den herrlichsten Blüten und an den duftreichsten Blumen des Gartens ging er achtlos vorüber und würdigte sie kaum eines Blickes. Als er aber in der Mitte des Gartens einen kräftigen, laub- und fruchireichen Baum erblickte, da ward dessen Sinnenreiz von den verlockenden Früchten dieses herrlichen Baumes derart rege, daß er ein nicht zu stillendes Verlangen hatte, diese Früchte für sich herabzuholen. Dies war dem Sohn ein Ding der Unmöglichkeit. Die Früchte hingen gar hoch am Baume und waren ihm demnach unerreichbar. Er bat nun den Vater, ihm eine Frucht herunter zu holen. So hole sie dir doch selber — meinte der Vater — doch der Sohn bemerkte, dies gehe nicht an, weil beim Klettern könnte er sich feine wohlgepflegten Hände an der rauhen Baumrinde verletzen, und nebstbei auch seine Kleider beschädigen. Der gutherzige Vater gab dem Bitten des Sohnes willig Gehör und schnitt einen Ast ab, an welchem eine gar edle Frucht hing. Des andern Tages erneuerte der Sohn seine Bitte, der Vater gab nochmals nach, und schnitt den zweiten Ast vom Baume ab. Als jedoch der Sohn, welcher sich an den überaus köstlichen Früchten nicht genug laben konnte, immer wieder und immer dringender den Vater gebeten, ihm noch mehr Früchte vom Baume herunter zu holen, da sprach der Vater mit ernster Miene: „Nein, mein Sohn, das geht nicht mehr! Es ist bereits