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Die Wahrheit · 1906-07-27 · Heft 29 (27.7.1906) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 29 (27.7.1906)
Date
1906-07-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrhell Nr. 29. ein Hofzeremouiell abäudern, das gehört ins Reich der Unwahrscheintichkeileu. Das Hofzeremonie!!, welchen bei uns in lausenden Fällen die wichtigsten Staatsinteressen untergeordnet und hin- .geopfert werden; die spanische Etiquette, die jedermann, der mit dem Hose in Berührung kommt, das Almen erschwert und die Bewegung unmöglich macht. Der König von England scheiul unter die Revolutionäre gegangen zn mn. Und noch dazu den Juden zuliebe. Wie soll, wie kann man das mit klarer Vernunft verstehen? Bei uns werden die Juden ganz unauffällig aus allen öffentlichen Aemtern verbannt. In der hauptstädtischen Verwaltung gibt es vom Konzipisten auswärts kaum einen Juden; in den Bureaux der Regterung bildet etu jüdisches Geburtszeugnis das unüberwindlichste Hindernis eines Avancements; in der Komitatsverwaltung nimmt sich ein Jude wie ein weißer Rabe aus, und wenn man Professor an der Universität werden will, kann man die größte Kapazität sein, es nützt nichts, man muß sich vorerst getauft haben. Von Oesterreich gar nicht zu sprechen und von Wien noch weniger, wo nian so weit geht, daß man in gewissen Restaurationen jüdische Gäste überhaupt nicht bedient. Aber das Militär und vornehmlich unser Militär kennt doch gewiß keine konfessionellen Vorurteile, und dennoch hat man seit Jahren keinem jüdischen Hörer der Medizin ein militärärztliches Stipendium bewilligt, und seit ebenso langer Zeit keinen jüdischen Militärarzt ernannt. Und bei solchen Tendenzen ans dem Kontinent begeht der König von England die unglaubliche Unbesonnenheit, den Inden zuliebe ein Hofzeremoniell abznändern! Jetzt kann Lueger nicht nur über die Iudäo-Magyaren und Jüdäo-Rnmänen, sondern auch über die I u d äo - E n g l än d e r wüten. ¥ Bei der Schlußberatung des Schulgesetzes im preußischen Herrenhause bat der bekannte Frhr. von Durant bei § 40, der von der Verwendung jüdischer Lehrer handelt, die Verwendung jüdischer Lehrer sehr einzuschränken. Ebenso wie das deutsche Volk sich nicht von jüdischen Richtern Recht sprechen lassen wolle, ebensowenig dürften die christlichen Kinder von jüdischen Lehrern erzogen werden. Und Ministerialdirektor Schwarzkopff beeilte sich zu erklären, die Anstellung solcher Lehrer solle, „wie bisher nur in Fällen dringendster Notwendigkeit erfolgen". Diese Aeußerung geschah, als Herr Schwarzkopff wußte, daß die Vorlage nicht mehr an das Abgeordnetenhaus zurückgelangen würde; vorher, solange er die Kritik des Landtages zu fürchten hatte, waren seine Erklärungen aus einen anderen Ton gestimmt. Wie die Bemerkung des Herrn v. Durant bezüglich der Anstellung jüdischer Richter in offenem Widerspruch mit Verfassung und Gesetz steht, so auch die Erklärung des Herrn Schwarzkopff. Denn die Zugänglichkeit zu den Aemtern ist allen Befähigten ohne Rücksicht auf ihre Konfession verheißen. Nun ist allerdings diese Verheißung, soweit die Juden in Betracht kommen, bisher gänzlich unerfüllt geblieben: aber mit gleich rückhaltloser Offenheit ist diese Uebertretung von Verfassung und Gesetz unseres Wissens noch nie vom Regieruugstische aus wie eine völlig einwandfreie Selbstverständlichkeit angekündigt worden. Major Alfred D r e y f u § ist vor der Front mit dem Kreuze der Ehrenlegion dekoriert worden, und damit ist dem schwer gekränkten Offizier seine Ehre, sein Name und seine Uniform wiedergegeben worden. Die französische Nation hat ein edles Beispiel gegeben, wie man Unrecht gutmachen kann, das böswillige Jntrigue und der Irrtum fehlbarer Menschen begangen hat. * * Wir haben schon manche antisemitische „Berühmtheit" hinter Kerkermauern, ins Ausland oder sonst in eine Versenkung verschwinden sehen. So schlimm wie dem General und Senator M e r c i e r, der ausgezogen war, den Drachen Dreyfus zu töten, ist es noch selten einem ergangen. Nicht genug, daß Dreyfus nicht getötet worden ist, sondern jetzt wieder mit höherem Rang der Armee angehört, nicht genug, daß der Monsieur Mercier hat erfahren müssen, wie man in den Verhandlungen des Kassationshofes und in der Deputiertenkammer feiner gedacht, im Senat hat anhören müssen, was ihm unangenehm genug war, geben ihm die A n t i se mi t en i n Fr a n kreich jetzt noch den Eselstritt. Sie fordern ihn auf, zu offenbaren, was er bisher verschweigen zu müssen behauptet hat, zu sagen, welches die unanfechtbaren Beweise für Dreyfus' Schuld sind. Wenn er nicht rede, sondern schweige, dann müßte nian annehmen, daß er auch sich von d e u I u d e n habe bestechen lassen. Und dabei wissen die Herren von der „Libre Parole", in der diese fürchterliche Drohung ausgestoßen wird, recht gut, daß General Mercier aus dem denkbar triftigsten Grunde schweigt, nämlich weil er nichts zu sagen hat, keine Schuldbeweise besitzt. Also wird es dabei bleiben, daß nach antisemitischer Behauptung auch Mercier im Solde des Dreyfus-Syndikats steht. Und das ist der Humor davon. * * * Besonders hart setzt vem nach England abgeretsten ehemaligen Kriegsminister der antisemitische Pariser Stadtrat Gaston Mery zu, der seit Beginn des letzten Revisionsverfahrens vor dem Kassationshose den General Mercier mit der immer stürmischer werdenden Forderung verfolgt, endlich einmal mit den erdrückenden Beweisen der Schuld Dreyfus' herauszurücken, mit denen er stets den Politikern und Journalisten gegenüber prahlte, die seinem Worte blindlings glaubten. Gaston Mery veröffentlicht ein längeres Schreiben, das General Mercier an ihn gerichtet haben könnte, wenn er es nicht vor-, zöge, auch jenseits des Aermelmeeres das Stillschweigen zu wahren, das so sehr auf allen Verteidigern der Fälscher des einstigen Generalstabes lastet. Im Beginn der Kampagne, die Gaston Mery in. der „Libre Parole" gegen den General Mercier unternommen hat, weckte dieses Vorgehen bei den Republikanern einige Bedenken, da man dahinter irgend ein abgekartetes Manöver vermuten zu dürfen glaubte. General Mercier richtete allerdings zwei Schreiben an den Präsidenten des Kassationshofes, um gegen die scharfen Ausfälle des Oberstaatsanwalts Baudouin zu protestieren, allein was er darin über die Schuld Dreyfus' sagte, klang so jämmerlich, daß selbst seine intimsten Freunde nicht umhin konnten, ihr Erstaunen, ja ihre Entrüstung darüber auszudrücken. Man begreift jetzt die Hartnäckigkeit des Mitarbeiters der „Libre Parole", dem es nicht leicht wird, auf die immer zahlreicher und dringlicher werdenden Anfragen der irregeführten Leser des Blattes zu antworten, auf die die Verhandlungen vor dem Kassationshofe, die Debatten in der Kammer und namentlich der öffentliche Maueranschlag der Rehabilitierung Dreysus' zweifellos einen tiefen Eindruck gemacht haben. Man darf daher Gaston Mery aufs Wort glauben, wenn er versichert, er werde den General Mercier nicht eher los lassen, als bis dieser entweder mit seinen unwiderleglichen Beweisen hervorrückt oder durch sein ferneres hartnäckiges Stillschweigen gesteht, daß er seine Anhänger ebenso betrogen habe, wie die Mitglieder der Kriegsgerichte von Paris und Rennes. Sic transit gloria antisemitica! * * Die nunmehr beschlossene Beisetzung der sterblichen Reste Emil Zola's im Pantheon, ruft, wie ein geschätzter Mitarbeiter unseres Blattes, Herr Albert Löm, uns mitteilt, die Erinnerung wach, an einen anderen französischen Patrioten, der gleichfalls bei Lebzeiten von der oberflächlich urteilenden Menge verkannt und erst lange nach seinem Tode die ihm gebührende Ehrung fand. Graf L. N. M. Carnot, zu Nolay in Burgund am 13. Mai 1753 geboren, welcher sich in Frankreich durch Neuschaffung des Heeres rühmlichst auszeichnete, von seinem Kabinet aus 14 Armeen organisierte, ihre Generale ernannte, die französische Grenzen befestigte und geniale Kriegspläne entwarf, wurde als Royalist verdächtigt, von den Bourbonen verbannt und lebte, nachdem er aus seiner Heimat flüchten mußte, in Warschau und dann in Magdeburg. Unbeugsam in seinen Grundsätzen widerstrebte er den ehrgeizigen Plänen Bonapartes. Zn seiner Nechtfertigungsschrift an Frankreich lautet der Schlußsatz folgendermaßen: „O Frankreich! O mein Vaterland! Auf deinen Boden hatte ich das Glück, geboren zu werden, ich kann nicht eher aufhören, dir anzugehören, als bis ich zu sein aufhöre.

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