Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 29 (27.7.1906)
- Date
- 1906-07-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Uiebaftiou ». Slbmiiiitn anou : Wien. II/, dlnvaeagasse 27. T->lephvil Nr. i'er Druck-irei 15302. Hulcvatc ■ 25 vcr DloiiunvfiUf=,Heue. | Nboiiileineiiliiu. JuiellioiisbftTäije sind in Wie» zahlbar mib klagbar. nakhängige Heitfchrifi für jüöifch Interessen. Erscheint jeden Ar ei lug. Aotio: „I)ns 8>6z;vl (-iobl.tr.> >81. Wahrheit, jj :! ,j Ganzjährig ... ft jj; Halbjährig ft i>. - j Für CttltilSvenittte: jj 'i'ilUiiäbviii . ft ui _ : Für Ausland ^-»nftähriu . . . .- »i!>i»Vel aber >'■ F ii Marti! Ur. 29 Wie». 27. Anti 1906 Inhalt: Aus der Woche. — Zur Präsidentenwahl in der Budapester Gemeinde. — Das Ende der Dreysus-Asfaire. — Das Militär während der Schreckenstage in Bjelostok. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. Ans der Woche. Das österreichische Abgeordnetenhaus hat knapp vor Beginn der Sommerferien rasch noch die neue Gewerbenovelle und das Gesetz zur Beschränkung des Hausierhandels erledigt. Beide Gesetze, von ultra-reaktionärer Tendenz, treffen mit ihren geradezu mittelalterlichen Bestimmungen weite Kreise der städtischen und besonders der jüdischen Bevölkerung tief in ihrem ohnehin schweren Erwerbsleben und gelten als Geschenk an den sogenannten kleinen Mann, der freilich zu spät erkennen wird, daß er nur von politischen Strebern ausgenützt wurde und für seine Gefolgschaft ein Danaergeschenk erhalten hat. Die Hoffnung, daß das Herrenhaus einige der härtesten Bestimmungen mildern werde, ist leider eine sehr geringe. Erfreulicher als diese gesetzgeberische Tätigkeit des nur mehr von der Gnade der Wahlreform lebenden Abgeordnetenhauses ist die gleichfalls in letzter Sitzung erfolgte Annahme des P e n s i o n s g e s e tz e s für P r i v a t b e a m t e, das trotz seiner großen Mängel, dennoch als soziale Wohltat erscheint. Namentlich den Kultusbeamten der kleineren jüdischen Gemeinden in Oesterreich, die bisher in den Tagen des Alters und der Berufsunfühigkeit vollkommen schütz- und hilflos dastanden, eröffnet dieses Gesetz einen etwas erfreulicheren Ausblick in die Zukunft. Bedauerlich ist nur, daß die jüdischen Kultusgemeinden nicht aus eigener Initiative ein Pensionsinstitut für ihre Angestellten ins Leben gerufen haben, das wohl mit den gleichen Opfern eine ausreichendere Fürsorge für die Kultusbeamten ermöglicht Hütte. Da wäre dem allgem. österr. ifrael. Bund eine günstige Gelegenheit geboten gewesen, eine wirklich segensreiche, organisatorische Tätigkeit zu entfalten, aber leider haben alle Versuche, ihn nach dieser Richtung in Bewegung zu setzen, nichts gefruchtet. * Die Klage über den israelitischen Religionsunterricht ist, besonders in Wien, eine allgemeine und je nachdem die Eltern in engerer oder loserer Beziehung zu jüdisch-religiösem Leben stehen, lernen die Kinder dem einen zu wenig, dem andern zu viel. Zu den letzteren gehört unstreitig Herr Maximilian Paul Schiff, der jüngst in der „Neuen Freien Presse" folgendes Eingesendet veröffentlichte: „Bon vielen Eltern israelitischer Konfession werden^ das Ausmaß und der Lehrplan des Religionsunterrichtes, dem die überbürdete Jugend in den Volks- und Mittelschulen unterworfen ist, als äußerst drückend und unzeitgemäß empfunden. Dies um so mehr, als manche israelitische Religionslehrer so rigorose Anforderungen im Religionsunterrichte stellen, . daß wiederholt Nachprüfungen, eventuell die Wiederholung eines Schulj jahres die Folge waren. Während es keineswegs geboten erscheint, den j Religionsunterricht in der Schule prinzipiell abzulehnen, macht sich eine l gründliche Aenderung dringend fühlbar, und zwar in der Art, daß der j Religionsunterricht nach reichsdeutichem Muster nur bis zum 14. Lebens- | fahre und ohne Einfluß auf das Schulzeugnis, auch bei uns eingerichtet! werde, vor allem, daß eine erhebliche Verminderung in den schwierigen j grammatikalischen Anforderungen der toten hebräischen Sprache, in welcher! derzeit sechsjährige Kinder bereits unterwiesen werden, Platz greise. Der! Unterzeichnete ist nach Rücksprache mit einigen gleichgesinnten Eltern | israelitischer Konfession bereit, eine Aenderung und Erleichterung im israelitischen Religionsunterrichte anzuregen, und bittet gleichgesinnte Glaubens- I genoffen ihre prinzipielle Zustimmung zum Zwecke einer gemeinschaftlichen Aktion an ihm gelangen zu lassen. Nach Einlangen der Unterschriften werden die zu gemeinschaftlichem Vorgehen bereiten Persönlichkeiten zu einer privaten Besprechung eingeladen werden, damit bereits mit Beginn des neuen Schuljahres eine Eingabe an das Unterrichtsministerium gerichtet werde, welche die Resormmünsche präzise zum Ausdruck bringen soll. Maximilian Paul Schiss, Wien, IV., Alleegasse 20." Mit den vorstehend gegebenen Anregungen gedeiken wir uns demnächst eingehender zu beschäftigen, aber heute schon können wir ganz ruhig sagen, daß die Radikalkur des Herrn Schiff, der ganz einfach das Kind mit dem Bade ausschüttet, wohl nur in jenen Kreisen Anhänger finden wird, die dem Judentum Valet zu sagen gedenken. Jüngst wurde uns von einem Freunde unseres Blattes mitgeteilt, daß von drei Mittelschülern, die bei einem Samstag-Nachmittags-Gottesdienste im Leopoldstädter Tempel zur Thora gerufen wurden, nicht ein einziger die Segenssprüche fehlerfrei rezitieren konnte. Wohin dürfte es erst kommen, wenn der Religionsunterricht nach dem Rezepte des Herrn Schiff erteilt würde? Allerdings sind die Aussichten, derartige „Reformen" bei der österreichischen Regierung durchzusetzen, sehr geringe und auch die Kultusgemeinde dürfte in dieser Frage noch ein maßgebendes Wort dreinzusprechen haben. Gott sei Dank sind im gegenwärtigen Kultusvorstand die Stimmen nur vereinzelt, die den hebräischen Unterricht in den alten Plunder verweisen, aber merkwürdigerweise, so oft eine derartige Stimme laut wird, ertönt sie aus der Kurie der Höherbesteuerten! Da wird doch ein energischeres: „Hand weg!" am Platze sein. * * * Die auch in diesem Blatte jüngst veröffentlichte Nachricht, daß König Eduard von England die Hofkour von Freitag auf Donnerstag verlegt habe, um dem Oberrabbiner von London und anderen hervorragenden Juden die Teilnahme an derselben zu ermöglichen, liest sich in Ungarn und in Oesterreich wie ein Märchen, an dessen Wahrheit man gar nicht glauben mag. Das; es Regenten gibt, die den Juden zuliebe