Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 28 (20.7.1906)
- Date
- 1906-07-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3062972-3063316-3063344--04356-3071190- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 28. und unsere Glaubensgenossen in Amerika, unsere Komitees sind aufs nachdrücklichste bemüht, ihre Besetzung in allen Staaten der amerikanischen Republik zu erleichiern, Zugleich wendet sich die Auswanderung nach allen freien Ländern. Baron Hirsch war von tiefem Mitgefühl für die Juden Rußlands erfüllt. Er halte einen Augenblick daran gedacht, die Verbesserung ihrer Lage in Rußland selbst dadurch anzubahnen, daß er mit der Regierung des Landes wegen Begründung einer Gesellschaft für den Unterricht der Jugend verhandelte; die Verhandlungen scheiterten. Sodann traf er Vereinbarungen mit der Regierung über die Auswanderung der Juden aus .Rußland. Es war ein glücklicher Gedanke, daß er in den Vereinigten Staaten eine Gesellschaft schuf und mit Mitteln versah, welche zur Unterstützung der Einwanderer bei ihrer Ankunft in diesem großen Lande bestimmt war. Dann nahm er ein bedeutsames Werk in Angriff: die Kolonisation i n A r g e n t i n i e n, deren Erfolg wir nach einer langen Reihe von Schwierigkeiten, Fehlschlägen und Enttäuschungen versichern können. In diesem Lande, wo das Klima gemäßigt, der Boden fruchtbar ist und die Bevölkerung nichr im Verhältnis zur Ausdehnung des Gebietes steht, gelang es uns, auf einem Territorium im Umfange von 463.716 Hektar 1251 Familien, die aus 9227 Personen bestehen, als Kolonisten anzusiedeln, ungerechnet eine 2195 Köpfe zählende Bevölkerung von landwirtschaftlichen Arbeitern, sowie Hausierer, Kleinhändler und Arbeiter jeder Art der landwirtschaftlichen Tätigkeit zuzuführen. Diese improvisierten Ackerbauer arbeiten nicht allein gut, sondern gingen auch mit Erfolg an ihre Selbstverwaltung. Sie nehmen an der Leitung der öffentlichen Angelegenheiten der Ansiedelung, an dem Bau der Landstraßen, an der Regelung der sanitären Verhältnisse der Krankenhäuser, des Genossenschaftswesens, der Schulen und des öffentlichen Kultus, teil; wir streben mehr und mehr danach, ihnen völlige Selbstverwaltung zu geben. Der wirtschaftliche Erfolg der Ansiedler wird am klarsten durch die Tatsache erwiesen, daß sie begonnen haben, die Darlehen zurückzuzahlen, welche die Gesellschaft für ihre erste Einrichtung gewährt hat. Im Jahre 1905 bezahlten die Kolonisten den Gesamtbetrag von 639.000 Francs. Ihr landwirkschaftlicher Erfolg kommt aber nicht ihnen allein zu gute. Nachdem wir den Bestand unserer Kolonien befestigt, den Plan und die Methoden für eine noch umfassendere Besiedelung festgestellt haben, gelang es uns, dank dem ausgezeichneten Rufe dieser Ansiedelungen, in Argentinien eine Stimmung zu schaffen, welche der Kolonisation und den Juden günstig ist, die in jenem Lande Zuflucht und Beschäftigung suchend anlangen. Die Bevölkerung nimmt sie gut auf, und die Regierung schützt sie. Rund um diese Ansiedelungen und in ihnen selbst ist eine fluktuierende Bevölkerung von mehr als 2000 Personen vorhanden, welche des Herannahens der Stunde harren, wo sie in den Kolonien angesiedelt werden. Die übrigen werden durch die Fürsorge und auf Kosten der Regierung in verschiedenen Provinzen untergebracht, wo Arbeit im Ueberfluß zu finden ist. Argentinien, das vor zehn Jahren für die jüdische Auswanderung fast noch gar nicht in Betracht kam, ist jetzt im Begriff, einer der wichtigsten Mittelpunkte des amerikanischen Judentums zu werden. Das Land enthält bereits dreimal so viele jüdische Einwanderer, als die Bevölkerung der Kolonien ausmacht. Jeden Tag treffen weitere ein. In den ersten fünf Monaten des laufenden Jahres sind 5290 jüdische Einwanderer in Argentinien gelandet. Man lasse sie nur in großer Anzahl kommen, wenn sie nicht auf die Stunde warten können, in der Rußland sie von allen, ihre Entwicklung im Heimatlande hindernden Gesetzen befreit und ihnen ihre Würde als Menschen und Bürger gegeben haben wird. Sie werden in Argentinien die Gastfreundschaft, die Freiheit und die Beschäftigung finden, welche sie suchen. Aber wir führen das Kolonisationswerk nicht in Argentinien allein durch. In Canada hatte Baron Hirsch zusammen mit der Alliance israelite im Jahre 1892 in der Provinz Saskeschewan ein kleines Ackerbauzentrum geschaffen, wo nur wenige Ansiedler geblieben sind, nachdem der Rest entmutigt sich zerstreut hatte. Die Tackraft, die Ausdauer und der Erfolg einiger derselben hielt aber den Bestand der Kolonie aufrecht und führte zu einer Besserung ihrer Verhältnisse mit dem Ergebnis, daß neue Ansiedler eintrafen. Die Kolonie zählt jetzt 278 Personen. Eine andere, etwa 500 Personen starke Ansiedelung wurde von uns in Assiniboia (bei Fort Qu'Appelle) gegründet, und sie gedeiht gut. Außerdem nimmt, wie in der argentinischen Republik, die Einwanderung jüdischer Arbeiter in Canada jährlich größere Ausdehnung an. In Brasilien hat unsere Gesellschaft den Versuch einer landwirtschaftlichen Ansiedelung mit 40 Familien gemacht, und wir warten jetzt die Ergebnisse desselben ab, um ihn weiter auszugestalten. In den Vereinigten Staaten haben wir unsere unterstützende Tätigkeit sowohl auf dem Gebiete der Industrie, als der Landwirtschaft entfaltet: auf dem der Industrie durch unsere Subventionierung der Gewerbeschule in New Jork, welche ihre Schüler in sechs Monaten in Stand setzt, in Fabriken tätig zu sein, wo sie einen kleinen Lohn bekommen, und durch die Begründung eines industriellen Zentrums in Woodbine im Staate New Jersey; auf dem Gebiete der Landwirtschaft durch die Unterhaltung einer Ackerbauschule in Woodbine und durch Darlehen an zahlreiche Einwanderer- Familien, während sie sich der Landwirtschaft widmen. Unsere einzelnen Farmer, welche zeigen, daß keine Art Arbeit für ihre Bereitwilligkeit und Fähigkeiten zu schwierig ist, bewirtschaften 1250 Farmen, die sie mit unserer Unterstützung in Nen-England- und in anderen Staaten der Union erworben haben. Sie stellen mit ihren Familien eine Bevölkerung von 7000 Personen dar. Wir arbeiten ferner im Verein mit Baron Edmund von Rothschild an der Unterhaltung der landwirtschaftlichen Ansiedelungen in Palästina, welche er in so hochsinniger Weise vierundzwanzig Jahre hindurch unterstützt hat, und deren Lage, dank seiner unerschöpflichen Großmut, einer erheblichen Besserung entgegengeht, trotz der mit den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen des Landes verbundenen Schwierigkeiten.. In K le in as i e n unterstützen wir bei Eski-Schehir zwei Ackerbau-Ansiedelungen, die ohne unsere Beteiligung gegründet worden sind und, wenn wir sie nicht unter unseren Schutz genommen hätten, zu Grunde gegangen wären. Wir haben in Kleinasien bei Smyrna eine Ackerbauschule gegründet, die ein kleines Ansiedelungs-Zentrum darstellt, und die wir zu erweitern streben. Wir sind auch geneigt, noch weitere zu errichten. Ebenso wird die svrage der Ausdehnung der landwirtschaftlichen Tätigkeit außerhalb Europas, in verschiedenen Teilen der zivilisierten Welt erwogen. Wir hoffen Ansiedelungs-Zentren zu schaffen, wo immer Aussicht auf Erfolg vorhanden ist. Die Möglichkeiten, die ihr, wenn auch unruhevolles, Leben bot, haben die Juden in den Ländern, wo sie geduldet wurden, festgehalten. Wenn sie daselbst nicht mehr die Mittel zum Leben finden oder sie ihnen vorenthalten werden, wird ihre Entfernung von dort gebieterische Notwendigkeit. Lasset uns ihnen dazu behilflich sein, ihre Tätigkeit dorthin zu tragen, wo sie sowohl als den Ländern, die sie anfnehmen, von Nutzen sein kann! — das war der Gedanke des Barons H i r s ch, das ist auch unser Gedanke. Auf Baron Hirsch ist ferner der Beistand zurückzuführen, den wir den Juden in Rußland, Rumänien, Galizien gewähren, um die Wirkungen der Verfolgungen, denen sie ausgesetzt sintr, zu verringern oder ihr Elend zu lindern. In Rußland haben wir gemeinsam mit der „Jüdischen Gesellschaft zur Förderung des Elementarunterrichtes" 70 Schulen für Knaben und Mädchen unterstützt, welche gegenwärtig von 7000 Kindern besucht werden; ferner haben wir unter Mitwirkung des Zentral-Komitees in Petersburg (das unter der Leitung eines Mannes steht, heften unwandelbare Hingabe an das Judentum Ihnen Allen bekannt ist, des Barons Horace von Günzburg, und mit Unterstützung von Gemeinden 21 technische Schulen für Knaben und 18 für Mädchen reorganisiert oder noch öfter neugegründet, welche von 2500 Schülern besucht werden. Unser besonderes Interesse wenden wir der Landwirtschaft zu. Es sind von uns oder von den Gemeinden mit unserer Unterstützung fünf Ackerbanschulen errichtet worden, wo Ansiedler für Rußland und fremde Länder ausgebildet werden. An Landwirte (es gibt in Rußland nicht weniger als 150.000 von der