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Die Wahrheit · 1906-07-20 · Heft 28 (20.7.1906) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 28 (20.7.1906)
Date
1906-07-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 28. Die Wahrheit. : eite o. Rede sein, da beide Kandidaten die gleiche Stimmenzahl erhielten und daher weder der Eine, noch der Andere unterlegen ist. Wollten wir jedoch die vollzogene Präsidentenwahl mit der Goldwage der Objektivität abwiegen, so ergäbe sich für Hofrat W e i s z insoweit ein Uebergewicht, weil er inoffiziell kandidierte, während Hofrat Dr. Weinmann als der „offizielle" Kandidat betrachtet wurde. Letzterem kam noch überdies der Umstand zugute, daß er als Vizepräsident der Gemeinde diese seit dem Rücktritte des Hofrates Sigmund K o h n e r selbständig leitet und die uneingeschränkte Macht in Händen hat, was ihm unbedingt zum Vorteile gegenüber seinem Gegenkandidaten gereichte. Ueberdies stand noch der Gesamtvorstand der Gemeinde ihm treu zur Seite, was schon aus kollegialen Rücksichten geschehen mußte und als selbstverständlicher Vorgang nur zu billigen ist. Wenn unter solchen Umständen die Stimmenabgabe der Repräsentanz sich auf die beiden Kandidaten in gleicher Zahl verteilte, so ist das Wahlergebnis für Hofrat Weisz ein entschieden günstigeres als für Hofrat Dr. Weinmann. Ersterer hatte daher keine Ursache etwa aus verletzter Eitelkeit seiner Kandidatur zu entsagen, letzterer dagegen will seine Präsidentenwürde nicht der Großmut seines Gegenkandidaten zu verdanken haben und dringt auf eine Stichwahl, in welcher er — nachdem die Weisz- Partei sich passiv zu verhalten gedenkt, und auch vorläufig zugunsten ihres Kandidaten sich jeder Aktion enthalten wird — entweder mit Stimmeneinhelligkeit oder aber mit überwältigender Majorität zum Präsidenten der Pester Großgemeinde gewählt werden muß. Bislang wurde der jeweilige Präsident der Pester israelitischen Religionsgemeinde stets mit Akklamation gewählt. Das war rein Zufallssache, denn vorgeschrieben ist solches nicht. Als das Magnateuhausmitglied Sigmund Kornfeld an Stelle des Hofrates Kohner gewählt werden sollte, wollte bereits ein Teil der Repräsentanz den Hofrat Weisz kandidieren. In der ersten Wahlkonferenz, in der Ministerialrat Dr. B a l l a i den Vorsitz führte,. erklärte fön. Rat Dr. Adler namens seiner Partei, daß falls Kornfeld die Präsidentenwürde annehmen sollte, Hofrat Weisz nicht kandidiert werde. Daraufhin garantierte einer der Anwesenden, daß der zur Zeit in Konstantinopel weilende Herr Kornfeld die ihm zugedachte Ehrenstelle unbedingt annehmen werde. Bei der Präsidentenwahl wurde sodann auch Magnatenhausmitglied Kornfeld unter ungeheurer Begeisterung mittelst Akklamation zum Präsidenten gewählt. Kornfeld lehnte jedoch die ihm zugedachte Ehrung mit größtem Bedauern enschieden ab, und die Gemeinde mußte nun wieder ganz von vorne beginnen. Hofrat Weisz galt nun als alleiniger Kandidat für die Präsidentenstelle, doch gar bald erhielt er in der Person des Hofrates Dr. Weinmann einen Gegenkandidaten. Beide kämpften um die größte Ehrenstelle, die die Gemeinde zu vergeben hat, mit negativem Erfolge. Jetzt soll die Entscheidung fallen. Unserer Ansicht nach, sollte davon abgesehen werden, was bis jetzt geschehen ist. Es sollte eine Neuwahl ausgeschrieben und ein unaufschiebbarer Termin für den Wahlakt angesetzt werden. Treten neue Männer auf den Plan, oder bleiben die alten Kandidaten, das ist uns ganz egal, doch müßte im vorhinein bestimmt werden, daß der Wahlgang nicht früher zu beenden ist, als bis nicht einer der Kandidaten die absolute Majorität der abgegebenen Stimmen erhält und Präsident der Gemeinde wird. Daß die Wahl einstimmig zu erfolgen hat, ist absolut nicht nötig, denn bei Wahlen in den Reichstag, die mindestens so wichtig sind, wie die Präsidentenwahl in der Gemeinde, ist solches auch nur in den allerseltensten Fällen zu verzeichnen, und oft genug genügt nur eine Stimme Majorität, um Reichstags-Abgeordneter zu werden. Dies fei richtunggebend bei der nächsten Präsidentenwahl in der Pester Großgemeinde. _ S. Irwish Colonstation Association. Mit Rücksicht auf die großen Anforderungen, welche infolge der russischen Greuel im abgelaufenen Jahre an die großen jüdischen Hilfsorganisationen, insbesondere an die „Jca", gestellt wurden, sah man der heurigen Generalversammlung der „I e w i s h Colonization Association" mit besonderem Interesse entgegen. Dieselbe fand Sonntag, den 1. Juli, in Paris statt, und hatten sich sieben Mitglieder des Verwaltnngsrates eingefundeu, und zwar außer dem Präsidenten Herrn Narcisse Leven, die Herren Rechtsanwalt Dr. Blau- Frankfurt a. M., Professor Paul E rr era-Brüssel, Herbert G. Lonsada-London, Dr. Arnold Netter-Paris (der an Stelle des Oberrabbiners Zadoc Kahn b"T als Vertreter der Alliance israelite universelle m das Kollegium neu eingetreten ist), Generalkonsul Franz P h i l i p p s o n - Brüssel und Prof. Salomon Rein ach-Paris. Entschuldigt waren die Herren Leonard L. Cohen-London. Charles L. Hallgarten- Frankfurt a. M., Justizrar Dr. Edmund Lachmann-Berlin und Claude G. M o n t e f i o r e - London. Anwesend waren ferner die Herren Direktoren Dr. Sonnenfeld und Meyerson, Generalsekretär Dr. S ch w a r z f e l d und der Direktor des Bureaus in Buenos-Ayres D. C a z e s. Nach Genehmigung des Protokolls der vorjährigen Generalversammlung unterbreitete der Präsident den Bericht über die Tätigkeit der Gesellschaft im Jahre 1905 und knüpfte daran folgende Ansprache: „Zum zehnten Male sind wir zur Generalversammlung vereinigt. Zehn Jahre sind verstrichen, seitdem wir den Begründer unserer Gesellschaft verloren haben. Zehn Jahre — wenig im Leben einer Institution wie die unserige, aber ausreichend, um ans dem, was sie geleistet hat. zu erkennen, was sie verheißt. Ein Rückblick in die Vergangenheit ist die schönste Ehrung, welche wir dem Gedächtnisse des B a r o n s H i r s ch weihen können. Wenn wir hierbei große Befriedigung empfinden, so mischt sich in dieselbe auch tiefe Trauer. Wie sollte uns nicht Trauer erfüllen, wenn wir der kostbaren Mitarbeiter gedenken, die nicht mehr unter uns weilen? Wir haben hinter einander dahingehen sehen S. H. G o l d s ch m i d t, Alfred Cohen, Julius P l o t k e und vor einigen Monaten erst den Grand rabbin Zadoc Cah n, dessen Verlust die Jndenheit tagtäglich lebhafter beklagt. Er fehlt uns hier, fehlt der französischen, der gesamten Jndenheit. Wie oft haben angesichts der grauenhaften Geschehnisse in Rußland unsere Gedanken sich auf ihn gerichtet! Schon war er vom Tode gezeichnet, als die Zeitungen, die man ihm nicht vorenthalten konnte, Einzelheiten über die Tragödien von Kiew, von Odessa und von anderen Orten des südlichen Rußland brachten. Ich sehe ihn noch, wie er, auf sein Krankenlager hingestreckt, die schier ausgezehrten Kräfte zusammenraffte, um einen Aufruf an unsere Glaubensgenofsen zu entwerfen. Es war das seine letzte öffentliche Handlung. Wir vermissen ihn gegenwärtig, wo die Juden Rußlands, Räuber- und Mörderbanden, denen Polizei und Militär Hilfe leistet, ausgeliefert, ihren Verzweiflungsschrei in die ganze Welt hinausstoßen, wo wir uns angstvoll fragen, wie viele Opfer eine Politik noch fordern wird, die ihre Stärke in der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung sucht. Indessen, wir verzweifeln nicht. Wie wir, würde Grand rabbin Zadoc Kahn nicht verzweifelt haben, wenn er gesehen hätte, wie die öffentliche Meinung in Rußland und außerhalb desselben gegen die Urheber der Massakres sich erhob, wie die ganze Welt ihre Sympathien für die Opier kundgibt, wie großartig das ganze liberale Rußland die Gleichberechtigung unserer Glaubensgenossen forderr, und welche Anstrengungen die letzteren selbst machen, um zu diesem Ziele zu gelangen. Dank dem Baron Hirsch vermögen wir mehr, als zu hoffen. Ehre dem Andenken des Begründers unserer Gesellschaft, der uns die Möglichkeit gegeben hat, den so grausam geprüften Juden Rußlands zu helfen! Ja, wir helfen ihnen, seit zehn Jahren. Baron Hirsch hat ihnen bereits vor der Errichtung unserer Gesellschaft geholfen. Seit fünfundzwanzig Jahren drängen sich die Juden, vor dem, was man mit dem furchtbaren Namen ..die russischen Pogrome" bezeichnet, flüchtend, an die Küsten Amerikas. Im Laufe der Jahre ist die Niederlassung dieser Flüchtlinge durch das Zusammenarbeiten Europas und Amerikas erleichtert worden; die spontan entstandene Emigration wächst von Jahr zu Jahr, indem sie die Verfolgten aus allen Teilen Europas heranzieht. Die Vereinigten Staaten nehmen jetzt alljährlich nahezu hunderttausend jüdische Einwanderer auf,

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