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Die Wahrheit · 1906-07-20 · Heft 28 (20.7.1906) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 28 (20.7.1906)
Date
1906-07-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Lene 4. Die Wahrheit Nr. 28. mittel erwecken und die Wiedereinsetzung der universalen hebräischen Sprache als Kommunikationsmittel für den ganzen Erdball zur Folge haben. Wie der verewigte Führer Dr. Herzl all sein Können, ja sogar sein Leben dafür eingesetzt hat, um unseren heiligen Flecken Boden mittelst Charter für uns zu erreichen, wird die organisierte Judenheil ohne Charter und ohne Schwertstreich die Freiheit der Existenz auf der ganzen Erdenrunde inklusive Judea wieder erlangen. Halten wir an dem früher ausgeführten Gedanken, der Verkörperung der vormessianischen Aera durch die weltumfassende Solidarisierung unserer versprengten und zerstobenen Volksgenossen, dann bedarf es der Mitwirkung aller jüdisch fühlenden Elemente. Demgemäß erscheint die Organisierung eines Verbandes der österreichischen Juden, die Einsetzung von Landesorganisationen und einer Reichszentralleitung als die nächste Aufgabe einer nächsten Zukunft. Der Zionismus aber muß seiner Aufgabe leben: die Wiedererlangung des jüdischnationalen Bodens, des heiligen Landes, ohne einen Charter abzuwarten. Es genügt ja, nur das Wohlwollen des Sultans zu erlangen, behufs ungestörter Einwanderung in Palästina, Syrien, Kleinasien, und die vorteilhafte Oekonomisierung. Da die Zeit drängt, die politischen Verhältnisse in Oesterreich eine gewaltige Verschiebung erleiden und es noch keine politische Organisationen — mit Ausnahme des Vereines „Schomer Israel" in Lemberg — gibt, da uns weiters seitens der Assimilationspolitik Gefahr droht, den Rest unseres schwer erworbenen nationaljüdischen Selbstbewußtseins und mit ihm unsere Rechte als Juden zu verlieren, können wir die Aktion der österreichischen Zionisten freudig begrüßen und sie hiezu beglückwünschen. Die Zionisten Galiziens erwarben sich, dank ihrer offenen Kundgebung in Krakau, das Verdienst, den Beweis erbracht zu haben, daß die Polen mit den Juden rechnen müssen, und daß es eine Fabel ist, daß die 200.000 galizischen Juden nur dazu da seien, um ihnen in allen politischen Dingen Frohndienste zu leisten. Natürlich wird es auch solche geben, die den Saum des gräflichen Kontusz (Rock) küssen werden, vielleicht auch ehrliche Männer aus der Schule der Opportunitätspolitik, allein aus zionistischen Kreisen werden allenfalls nnr Vertreter von ehrlicher jüdischnationaler Ueberzeugung ins Parlament entsendet werden, ohne Furcht und Bangen und ohne Zagen. Diese neuen Männer werden aber suggestiv auf die anderen wankelmütigen und unentschlossenen jüdischen Vertreter im Reichsrate wirken, und dann wird auch der Moment zur Bildung eines parlamentarischen Judenklubs gekommen sein. Noch ein unmaßgebliches Wort über die einzelnen Persönlichkeiten. die da in Aussicht genommen werden könnten. Für Lemberg käme Herr Dr. Nossig in Betracht, ein Lemberger von Geburt, ein Mann von genialer Begabung, im Dienste fürs Judentum gestählt, ein Statistiker des jüdischen Elendes, ein hervorragender Schriftsteller und plastischer Künstler. Wir müssen der Vorsehung danken, die uns einen solch genialen Sohn geschenkt hat, der durch Selbstzucht aus der. äußersten Assimilation in das jüdische Judentum mit vollem Segel eingelaufen ist. Und den Polen gegenüber führt er das polnische Wort, wie wenige der ihrigen. Das Brodyer Mandat sollte Herr Adolf Stand übernehmen, eine finanziell vollkommen unabhängige Persönlichkeit, ein Mann des Wortes und der Feder, ein Zionist, welcher in Ehren gedient hat seit der Begründung des Zionismus in Lemberg durch Ihren Referenten.*) In Drohobycz könnte Herr Dr. Leo Reich im Anschlüsse an die Ruthenen siegen. Auch diese Persönlichkeit diente der nationalen Sache mit allen seinen Herzensfasern und mit jugendlichem Feuer und dürste in seiner Vaterstadt Drohobycz, reich an Sympathien (auch bei Ruthenen), den Wahlsieg davon tragen. Herr Architekt Marmorek, einer unserer bravsten Männer, eine hervorragende Persönlichkeil als Zionist, hätte sich in Buczacz zu bewerben, und in Stanislau Dr. Brande, ein gelehrter und tüchtiger, Redner. In Kolomea gibt es einen Mann, der sein persönliches Heil mit dem des Zionismus verknüpfte, den dortigen Stadtarzt Dr. Rosenhaeck. Einen edleren und aufopferungsfreudigen Vertreter wie diesen brauchen wir uns nicht zu wünschen. Es verbleibt nur noch das Mandat Tarnopol, auf welches wir noch zurückkommen werden. Außerdem hätten wir eine nationale Ehrenschuld abzutragen, und zwar an den Verteidiger der galizischen Juden, den Abgeordneten Breiter, einen Mann von unentwegter Gerechtigkeit und schlackenloser Reinheit seines Tribunenschildes, welcher für die angegriffenen Judeninteressen die Jnterpellationswaffe meisterhaft schwingt. Für diesen Mann sollen und wollen wir Juden stimmen, wo immer er als Kandidat auftritt, in oder um Lemberg. Solch Männer, wie Breiter, werden selbst in den freisinnigsten Parlamenten nur in seltenen Exemplaren zu finden sein. Aus ihn kann das jüdische Volk in allen Bedrängnissen und unter allen Umständen rechnen. Breiter führt das Wort, selbst wenn alle jüdischen Vertreter schweigen. Uebrigens kommen wir in einem folgenden Artikel noch auf diesen Gegenstand zurück. Ithiel. Zur Urastdentenmahl in der Kirdapester Gemeinde. Die unentschieden gebliebene Präsidentenwahl in der Pester israelitischen Kultusgemeinde ist am toten Punkt angelangt, d. h. sie kann nicht vorwärts kommen, und kein Mensch hat auch nur die geringste Ahnung, wie sie enden wird. Hofrat Berthold Weisz bleibt dabei, daß er von seiner Kandidatur zurückgetreten ist, und denkt gar nicht daran, seine Kandidatur aufrecht halten zu lassen; denn das ist seine Ansicht, aber auch die Ansicht eines jeden selbstbewußten Mannes — „Wort ist Wort!" .. . Seine Partei ist eine seriöse Partei, die wohl mit schwerem Herzen und voll aufrichtigstem Bedauern sich in die bestehende Situation findet, daher den mannhaften Willen ihres Kandidaten respektiert und sich vorgenommen hat, trotz gesteigerter Begeisterung für Hofrat Weisz. die sogar tagtäglich noch zunimmt, bei der nächsten Präsidentenwahl für den gefeierten Mann nicht zu stimmen. Das ist die eine Seite der Medaille. Betrachten wir nun deren Kehrseite. Hofrat Weisz ist der richtigen Ansicht, und diese wird auch von seiner Partei geteilt, daß es zu einer Präsidentenwahl überhaupt gar nicht kommen kann und darf. Er hat mit seiner Abdankung auf die Kandidatur verzichtet, folglich — und das ist logisch richtig — ist Hofrat Dr. Philipp Wein mann rechtmäßiger Präsident der Gemeinde. Jeder fernere Wahlakt ist daher unnötig; es sei denn, daß Hofrat Dr. Weinmann ebenfalls von seiner Kandidatur zurücktritt, in welchem Falle dann allerdings eine neue Präsidentenwahl stattzufinden hätte, weil schließlich die Pester Großgemeinde für die Dauer ohne Präsidenten nicht bleiben kann und statutengemäß auch nicht bleiben darf. Nun ist aber — wie unsere Leser bereits wissen — Hofrat Dr. Weinma n n ganz anderer Ansicht und besteht darauf, daß Hofrat Weisz und er, nach wie vor, die Kandidaten für die Präsidentenwürde sind und dies auch bleiben. Die Repräsentanz hätte nun bei der nächsten Präsidentenwahl auf beide Kandidaten zu stimmen und die Majorität der abgegebenen Stimmen sei bestimmend, wer von den beiden Herren als der gewählte Gemeindepräsident zu betrachten ist. Tatsächlich ist ein Fall, wie der gegenwärtige, im Statut der Pester Jsraelitengemeinde gar nicht vorgesehen, somit gibt dasselbe nach dieser Nichtung keinerlei Direktive. Es ist daher schwer zu entscheiden, welcher Standpunkt der wirklich richtige ist. Was Hofrat Weisz behauptet, hat seine Berechtigung. Sein Vorgehen gibt Zeugnis von seiner edlen Gesinnung und seiner logischen Denkweise, denn der einfache Bürgerverstand sagt: so ists in Ordnung!... Hofrat Dr. Weinmann zählt zu unseren tüchtigsten Juristen und weiß sicherlich auch seine Behauptung zu begründen. Und somit liegt zwischen diesen beiden diametral entgegengesetzten Ansichten der tote Punkt, der die Präsidentenwahl nicht vorwärts bringen und dadurch auch nicht zur Ruhe kommen läßt, und das ist höchst betrübend und sehr zu bedauern. l Wir wollen versuchen, diese Sache etwas näher zu be-! trachten. Von einer Niederlage bei der Wahl kann absolut keine *) Dr. Rüben Vierer, 1883.

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