Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 28 (20.7.1906)
- Date
- 1906-07-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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:Jh'baftioii u. Slbiuiniüvaiiou: Wien, TI/, Novaiagasse 27. Delepbun 9lr. bev Dl Ucker«! 15302. üiilcraU* 25 He», »er Noilvareille-Zeiü!. -idoiliieiiieiitSu. Jnie> tionsnerräii« sind in Wien zablbai und klagbar. abrheil nabhängige Heitschrift für Mische Intere^en. Erscheint jeden Sreitng. Uotto: „Das öiegel Gottes ist Wahrheit!“ Verugspyeis: |j i^anjjätirig ... ft. 12—! Halbjährig ... ft. 6.- Für CultttSbemute: ’ttuii.tjäbri» ... ff. in - Kür Ausland: liHuisidtnui . . . s Mark 6 Niibel aber in Acs Kr. 28. Wien. 2V. Juli 1906. e Anhalt: Der zionistische Polymorphismus. — Zur Präsidentenwahl in der Budapester Gemeinde. — Jewish Colonization Association. — Verschieden- Nachrichten. — Feuilleton: Der Meschummed. — Zur Vorstandswahl im österr.-ungar. Kantoreu-Berein. — Beethoven und die russisch füdifche Volksmusik. Wir ersuchen um freundliche Einsendung des Abonnementsbetrages und bitten gleichzeitig jene geehrten Abonnenten, welche Sommerfrischen oder Kurplätze aufsuchen, uns rechtzeitig die genaue Adresse anzuzeigen, damit ihnen das Blatt dorthin regelmäßig zugesendet werden kann. Der zionistische Polymorphismus. Der Zionismus hat seine Krakauer Tage durchgemacht und wir verfügen nunmehr über ein neues kompliziertes Programm, das von dem ursprünglichen etwa so weit auseinander liegt, wie Basel von Krakau. Rechnet man noch die Territorialisten Londons und die Zionssozialisten zu den zionistischen Gruppen, dann entsteht mit Recht die Frage, ob es noch einen echten Grundstock gibt, welcher den ganzen nationalen ErlösungZgedauken so warm und echt einschließt, wie es vor 26 Jahren in Wien während der Gründung des Wiener „Ahawath Zion" und des Bukarester und Jassyer Kolonisationsvereines der Fall war. Wenn man über die Wandlung und Verwandlung im zionistischen Lager nachdenkt, weiß man wahrlich nicht, ob man sich über die vielen neuen Gedanken freuen oder betrüben soll, uyd schon erhebt sich wieder eine neue journalistische Stimme, die dafür eintritt, das Kolonisationskapital in London in den Dienst der Amelioration der Zustände in Gallzien zu verwenden. Dieser Gedanke, der gleichfalls Zionsliebe für sich in Anspruch nimmt, kann wohl gut jüdisch — nicht aber zionistisch sein. Ebenso erscheinen uns die sozialistischen Gruppen der nationaljüdischen Arbeit höchst abträglich. Der Sozialismus setzt bekanntlich ein Staatsgebilde voraus, welches die allen Formen beibehält und gegen welches derselbe Sturm laufen soll; wir Juden haben aber leider noch keinen Staat, und der Sozialismus erscheint uns demnach als ein Kampf gegen die Fata Morgana, der Deukkräfte absorbiert, die für bessere Zwecke und bessere Zeiten aufgespart werden könnten. Wenden wir nun unseren Blick von diesen Luftgebilden den realeren Schöpfungen zu, so legt uns die Einsetzung eines Politischen Zionismus in den Gegenwartsländern die Befürchtung nahe, daß wir erst recht ein Schisma und eine Verschärfung der vorhandenen Gegensätze in der zeitgenössischen Judenheit provozieren. Die noch sehr starken Assimilationsparteien werden wohl ihrerseits sich als die echten und rechten staatserhaltenden Elemente mosaischer Konfession zentralisieren und organisieren, vielleicht gar separieren, und man erlebt noch die Schmach des Bruderkrieges im eigenen Lande: der Sadduzismus gegen den Zlvnismus, vielleicht aber auch einen Sadduzeo-Zionismus und Phariseo-Zionismus. Wie entrinnt man diesem trostlosen Zukunftsgedanken? Haben dies die Herren während ihrer Krakauer Tagung reiflich erwogen? Vielleicht ist das Problem in der Weise zu lösen, daß man das Nationaljudentum als die Umfassung aller Juden organisiert, wobei jedes Reich seine Organisation behufs Wahrung und Verteidigung seiner politischen, kulturellen und ökonomischen Interessen hätte. Die Erweiterung dieser Formel, welche im Verein „Schomer Israel " seil 1867 von Ihrem Berichterstatter angegeben wird, wäre kein allzu schwieriges Unternehmen. Die Juden Deutschlands haben bereits ihren Gemeindebund und hätten nur seinen Inhalt zu erweitern, ebenso auch in den anderen Staaten, und nimmt man noch dazu, daß die Judenheit Amerikas schon jetzt an dem Ausbaue ihres nationaljüdischen Zusammenschlusses arbeitet, so befinden wir uns bei weiterem intensivem Verfolg dieses Gedankens einem Zeitpunkt nahegerückt, der uns einen jüdischnationalen Weltkongreß bringt, mit der Einsetzung eines Oberhauptes — Rosch Galutha — welcher im Namen und im Aufträge der Gesamtjudenheit wird sprechen und handeln dürfen. Eine derartige Organisation könnte dem Zionismus geistiges und physisches Kapital und ungeahnte Schätze zum Wiederaufbau und Anbau unseres Volkes im Lande unserer Vorfahren zuführen. Sie würde aber auch auf unsere internationale Stellung den segensreichsten Einstuß ausüben, uns zum Weltvolk emporheben, und aufhören würde jedes Hinunterschrauben jedes Einzelnen wie des ganzen Volkes, wo immer es sich befindet. Denn der Schomer Israel, der greifbare Rosch Galutha. würde Wache halten von einem Weltrande bis zum andern. Dieser Gedanke, vor einem Jahrhundert eine Utopie, eine Unmöglichkeit, stellt sich heute als recht ausführbar, ja nicht einmal als unbescheiden dar, und ich möchte noch betonen, was wohl selbstverständlich ist, daß diesem Weltbünde auch die russische und orientalische Judenschast beitreten würde, wodurch die nationale Einigung und Einheit des jüdischen Stammes der ganzen Welt hergestellt wäre.*) Diese Sammlung der zerstreuten Glieder unseres Volkes wird aber auch das Bedürfnis nach einem geistigen Einigungs- *) Wir können die Bemerkung nicht unterdrücken, daß die angeregte Idee eines Weltbundes, so gut gemeint sie auch sein mag, uns heute gerade so wie vor hundert Jahren als eine Utopie erscheint. Kommt die nationale Idee überall zum Durchbruch, dann bedars es keines Bundes; tritt dies aber nicht ein, dann fehlt wohl jede Grundlage und wohl auch das Bedürfnis nach einem Weltbünde. Die Red.