Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 27 (13.7.1906)
- Date
- 1906-07-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 27. Es mag sein, daß unter den nach Hunderttausenden oder Millionen zählenden Revolutionären in Rußland auch Juden mitzählen. Es ist aber eine von den russischen Machthabern zur Beschönigung der barbarischen Metzeleien propagierte Erfindung, daß „die Juden in Rußland unter den Revolutionären die erste Rolle spielen". Schon der Hinweis aus weite Schauplätze der größten revolutionären Erhebungen, Petersburg, Moskau, die Ostsee-Provinzen rc. rc., wo Juden nicht wohnen und sich nicht aufhalten; der Hinweis auf die unter der Teilnahme von Tausenden veranstalteten Revolutionszüge unter Voraustragung des Kreuzes müßte genügen, um die Unrichtigkeit der Aussührungen des Herrn Dr. Kramarz zu kennzeichnen. Gegen die planmäßigen, räuberischen und mörderischen Angriffe der durch die öffentliche Autorität, durch Polizei und Militär geschützten Bande der Holigans mußten die Juden in ihrer äußersten Bedrängnis zur Selbsthilfe schreiten, eine Abwehrvereinigung bilden, und diese ist es, welche heute von der russischen Regierung auch unter die revolutionäre Bewegung eingereiht wird. Vor 25 Jahren, in den Jahren 1881/82 begannen in Rußland die neuzeitlichen Pogroms gegen die Juden. Damals war von einer weiter reichenden revolutionären Bewegung in Rußland oder gar von einer Teilnahme der Juden hieran nicht die Rede. Damals weilte ich, der gefertigte Präsident der Kultusgemeinde, Dr. Alfred Stern, persönlich als Delegierter sämtlicher europäischer Hilfsvereinigungen wochenlang an der russischen Grenze und dankbar gedenke ich noch heute der moralischen Unterstützung, welche die hohe k. k. österreichische Regierung mir in meinem Liebeswerke zuteil werden ließ. Vor meinen Augen sehe ich die Scharen russischer Flüchtlinge, welche Hab und Gut preisgebend, sich vor den Mörderbanden rettend, Hilfe flehend sich an uns wandten, nicht selten noch knapp vor der österreichischen Grenze ihr Letztes hingeben mußten. Seither sind die russischen Pogroms eine regelmäßig wiederkehrende Erscheinung geblieben. Bekannt ist auch die unmenschliche Behandlung der russischen Juden ex lege; ihre Zusammenpferchung in einen Ansiedlungsrayon, wo sie mangels an Erwerbsquellen dem namenlosen Elend, dem Hunger und seinen Qualen preisgegeben sind. Und wenn dann endlich die gequälte Kreatur verzweifelt nach Rettung ausschaut und solche nirgends erblickt, wenn als Antwort auf den Hilfeschrei der Holigans sein blutiges Handwerk übt unter der Duldung, ja unter dem Schutze der öffentlichen Autorität, dann möge Herr Dr. Kramarz sein Sprüchlein: „Wer Wind säet, der wird Sturm ernten", an die kompetente Stelle, nicht' an die Juden, sondern an die kaiserlich russische Regierung adressieren. Nicht die Juden sind es, welche die Erde Rußlands mit Blut tränken, sondern mit dem Blute der Juden wird die Erde Rußlands getränkt. Die Judenmetzelei ist das beliebte Echapatoir aus den mancherlei Verlegenheiten der Staatsverwaltung in Rußland. DasPräsidiumderisrael. KultusgemeindeWien: Dr. Alfred Stern m. p., Dr. Gustav Kohn m. p., Präsident. L Vize-Präsident. Dr. Theodor Lieben m. p., Sekretär. Verschiedene Nachrichten Wien. (Spenden zugunsten der Opfer der Exzesse in Bj el o sto k.) Der „Israelitischen Allianz zu Wien" sind weiters zugekommen: Wien: Samuel T a u s s i g & Söhne X 200, Karoline Lichten st er n X 50, Direktor Dr. Löwen berg X 30. Dr. I. E. X 20. Jakob März X 20, Sammlung I, Feßler X 19.60. Joses Hartwig X 10, Mayer T o ch X 10, Jeder n a ch s e i n e m Jechaules X|4, H. G. X 4, Josef Powandra X4, M. Liebermann X 3, Redaktion des „Neuen Wiener T a g l a t t" X 2.40, Anonym X 2, M. L. K o r n st r e i ch e r X 2; Em. Czeczowicka- Brünn X 100, Cäcilie Klug-Lemberg X 10, Ignaz Keme-Neusohl X 10, Ludwig Lany i-Neusohl X 10. Hiezu die bereits ausgewiesenen X 1970.50, zusammen dis 11. Juli i( 2481.80. — Weitere Spenden werden dankend im Bureau der- „Israelitischen Allianz zu Wien", I., Weihburggaffe 10, vormittags zwischen 9 und 1 Uhr entgegengenommen und einzeln bestätigt, ebenso per Postsparkassakonto Nr. 8152. Wien. (B i l d u n g s a n st a l t f ü r K i n d e r g ä r t n e r i n n e n und Kinderpflegerinnen.) An der mit der Jsr. Kinderbewahranstalt, II., Schiffamtsgaffe 15, vereinigten, seit 1668 bestehenden und mit dem Oeffentlichkeitsrechte versehenen Ersten Bildungsanstalt für Kindergärtnerinnen fanden am 28. Juni unter dem Vorsitze des Herrn k. k. Landesschulinspektors Dr. Karl Rieger die Befähigungsprüfungen statt, bei welchen sämtliche erschienenen Kandidatinnen approbiert wurden. Anmeldungen für den 39. Jahreskurs der Bildungsanstalt-für Kindergärtnerinnen und für den 4. Jahreskurs der Bildungsanstalt für Kinderpflegerinnen, (erforderliches Alter: das vollendete 16., bezw. 14. Lebensjahr) werden bei der Direktion entgegengenommen, welche auch über Wunsch Prospekte versendet. Wien. Am Freitag, den 6. d. M., ist Herr Ignaz Hofer, dev im 83. Lebensjahre aus dem Leben geschieden ist, zu Grabe getragen worden.' Der Verstorbene genoß infolge seines integren Charakters allgemeine Achtung, welche sich auch durch die große Teilnahme bei dem. Leichenbegängnisse kundgab. Herr Oberrabbiner Dr. Güdemann widmete dem Verewigten einen warmempfundenen Nachruf, in welchem: er den Charaktereigenschaften des Verstorbenen volle Würdigung zollte und die treue, hingebungsvolle und zärtliche Liebe der Gattin besonders hervorhob. Die kantorale Funktion vollzog der I. Kantor Herr Schleifer in würdiger Weise. Wien. Vom Ministerium für Kultus und Unterricht wurde der Religionslehrer Dr. Jakob Reiß, der lange Jahre verdienstvoll an den Gymnasien in der Cirkusgasse und in Mariahilf wirkt, aä xersonarn zum wirklichen Gymnasiallehrer ernannt. Wien. Montag, den 9. d. M., fand auf dem Zentralfriedhofe bei zahlreicher Beteiligung;von Verwandten und Freunden die Beerdigung, des in Franzensbad an Herzschlag, im Alter von 71 Jahren, plötzlichverschiedenen Herrn Moriz Byk, Bruder des vor kurzem verstorbenen Reichsratsabgeordneten Dr. Emil Byk statt. Die Tranerfunktion versah- Oberkantor Singer und die Trauerrede hielt Rabbiner Dr. I. Bach, welcher die Tugenden und Vorzüge des Heimgegangenen gebührend' würdigte. Der Verstorbene hinterläßt zwei Söhne, von denen einer, Dr. Sigm. B y k, Beamter im Eisenbahn-Ministerium ist. Möge die allgemeine Teilnahme der schwergeprüften Familie zum Tröste gereichen! Prag. Mittwoch, den 4. Juli, veranstaltete die hiesige Kultusgemeinde aus Anlaß der letzten blutigen Ereignisse in Rußland einen. Trauergottesdienst. Die Klaussynagoge war ganz schwarz dekoriert undfeierlicher Ernst, ja tiefe Traurigkeit lagerte 'auf dem Antlitze der zahlreichen Andächtigen, welche das geräumige Gotteshaus in allen Räumen füllten. Die Rabbinen und Kantoren aller hiesigen Synagogen waren bei dieser Trauerfeier anwesend. Oberrabbiner Dr. N. Ehren seid hielt die Trauerrede, worin er in ergreifender Weise die Leiden und Verfolgungen unserer Glaubensbrüder in Rußland schilderte und die beispiellose Gleichgiltigkeit der anderen Staaten und Regierungen gegen diese Menschenschlächterei beklagte. Oberkantor Schwarz rezitierte hierauf in inniger, tief rührender Weise ein Gebet: XI mole rachamim, welches vom Rabbiner Herrn Dr. B r o d y, Direktor der hiesigen Talmud Thora-Schule, eigens zu diesem Zwecke verfaßt wurde. Während dieses Vortrages konntesich niemand der Tränen erwehren und wurde lautes Schluchzen vernommen, und noch erschüttert von dem Eindrücke dieses Gebetes stimmten die Herzen aller Anwesenden in das rührende „Wie lange noch, o Herr?"' ein, welches der Herr Oberrabbiner vor geöffneter Bundeslade in hebräischer Sprache vortrug. Am Schluffe seiner geistvollen Rede gedachte der Oberrabbiner des verewigten großen Juden Dr. Theodor Herzl, dessen Jahrzeit eben gefeiert wurde. Wien. Donnerstag, den 12. d., um 1jß Uhr, am Vorabend des Sterbetages Theodor Herzls, findet im Stadttempel ein vom Wiener zionistischen Distriktskomitee veranstalteter Gedächtnis-Gottesdienst statt.. Sonntag, den 15. d., versammeln sich die Wiener Zionisten und Freunde Herzls um 9 Uhr vormittags am Grabe (Döblinger Friedhof) zu einerstillen Trauerfeier. Brody. Am 7. d. M. schied nach schwerem Leiden der pensionierte Lehrer der isr. Volksschule. Michael Markstein, im 64. Lebensjahre.. Dem Verblichenen war es nur zwei Jahre vergönnt, die wohlverdiente Pension zu genießen. Er gehörte zu den fleißigsten und arbeitsamsten Lehrern, und als Beweis dafür gilt, daß er während seiner 35 Dienstjahre keinen Urlaub hatte und denselben auch nicht verlangte. Als Vater war er ein Muster, er kannte kein Vergnügen außerhalb der Familie und wandte alle Mühe und alle freie Zeit auf, um seine Kinder zu nützlichen Menschen zu erziehen, was ihm auch vortrefflich gelang. Er hinterläßt: zwei Söhne, von denen der eine Doktor der Medizin, der andere Tierarztist, und eine Tochter ist an einen Postbeamten verheiratet. Am Leichenbegängnisse nahmen Anteil die Schulinspektion, der Lehrkörper, die Schulkinder, die gewesenen Schüler u. s. w. Am Grabe rühmte der absolvierte Rabbinatskandidat Dr. Ochser, Sohn des Lehrers an der hiesigen: isr. Volksschule, die hohen Tugenden des Verblichenen mit treffenden Worten. Budapest. Als Kuriosum diene folgende Mitteilung: Eine Laken-- bacher-Stiftung in der Höhe von 945 X gelangt am 23. November d. I. an d>r hiesigen kath.-theol. Fakultät zur Verteilung u. zw. für je 3 römischkatholische Kandidaten des geistlichen Standes, die bereits den Rang eines Presbyters erlangten und 3—4 Zeilen des alten Testamentes, bezw. aus jedem der 5 Büches Moses in korrektem Latein innerhalb 12 Stunden nebst einem entsprechenden Kommentar übersetzen können. Die Familie Lakenbacher entstammt bekanntlich dem Judentum. London. Professor F l i n d e r s P e t r i e hat in Tell-el-Jehudije, dem alten Leontopolis, im östlichen Nildelta, den Tempel des O n i a s gefunden. Onias war ein jüdischer Hoherpriester, der unter der Regierung des Ptolemaeus Philometor für die unter Antiochus Epiphanes aus Palästina geflohenen Juden diesen Tempel als einen religiösen und nationalen Sammelpunkt erbaut hat. Es ist eine kleinere aber getreue Nachbildung des Tempels in Jerusalem.