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Die Wahrheit · 1906-07-13 · Heft 27 (13.7.1906) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 27 (13.7.1906)
Date
1906-07-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Die Wahrheit Seite 7. M. M pathw sprachen telegraphisch .der Verein der Fortschrittsfreunde und; die Repräsentanz der Landesjüdenschaft des Königreiches Böhmen ■; Reichrätsabgevrdneter Dr. Strauch er eröffnete die Versammlung und schlag Dr. K r o nawetter als alten Freiheits- Mann zum Vorsitzenden vor. Von lebhaftem Beifalle begrüßt, sagte Dr. Kronawetter: „Ein Volk von hundertfünfzig Millionen fführt/einen Freiheitskampf, wie er ohnegleichen in der Weltgeschichte ' dasteht. Mit einer Selbstaufopferung, der nur die größten Heldentaten des Altertums an die Seite gestellt werden können, wird um die höchsten Güter der Menschheit gerungen. Es ist ein furchtbarer Kampf auf Leben und Tod. Die Reaktion weiß das und zittert, scheut aber deswegen auch vor keinem Mittel zurück. Sie überbietet sich in Greueln der scheußlichsten Ärt. Die Großfürsteupartei hat die „schwarzen Banden" ausgerüstet und patronisiert deren Schandtaten. Mit den unmittelbaren Werkzeugen, die, vom Branntwein benebelt, gleich wilden Bestien wüteu, dürfe man nicht einmal am strengsten ins Gericht gehen. Sie sind die Hefe des unwissendsten Pöbels und wissen nicht, was sie tun. Verantwortlich der gesitteten Menschheit sind ihre Lenker. Wir stehen nicht auf einem konfessionellen Standpunkte, wenn wir gegen die vorgekommenen organisierten Massenmorde protestieren, wir erheben ebenso die Stimme, wenn zwanzigtausend Chinesen in den Amur getrieben oder Jahr für Jahr Tausende von katholischen Armeniern massakriert werden. Alles dies geschieht im Reiche des Zaren und mit Wissen, mit Unterstützung seiner Regierung! Was aber die größte Schmach bildet, ist, daß sich Finanzkräfte finden, die einer solchen Regierung Geld, die ungeheure Summe von zwei Milliarden borgen. (Stürmische, sich immer wieder erneuernde Rufe: Pfui Taussig!) Leute, die Geld einer solchen Regierung geben, machen sich zu Mitschuldigen der Untaten. In den Parlamenten Englands und Frankreichs wurde energischer Protest gegen die Metzeleien erhoben. Erfreulicherweise hat sich auch in unseren Vertretungskörpern eine mannhafte Stimme gesunden. (Rufe: Bravo Straucher!) Diesen Kundgebungen möge sich die heutige Versammlung machtvoll anschließen. (Stürmischer Beifall.) Das zufällig in Wien weilende Mitglied des Exekutivkomitees des großen London Russish Jewish Committee, Herr Karl S t e t t a u e r, schilderte in wirkungsvoller Rede die Eindrücke, die er im Herbst in Rußland empfangen habe, wo er sich durch eigenen Augenschein von den entsetzlichen Zuständen überzeugte. Die an grauenerregenden Details reiche Erzählung des Redners übte tiefen Eindruck ans die Versammlung. Abg. Dr. Ofner führte aus, daß die blutigen Vorgänge in Rußland auf politische und religiöse Gründe zurückzuführen sind. Die Kirche habe es immer verstanden, den Volksfanatismus für ihre Zwecke zu entfachen und vor Greueln, wie sie sich jetzt in Kiew, Homel und Bjelostok vollziehen, nicht zurückgeschreckt. Man wird wahnsinnig, wenn man denkt, daß Menschen gegen Menschen so wüten. Wie lange aber werden sich noch die Machthaber und Staatsmänner Europas zu Mitschuldigen machen? Denn Mitschuldige sind sie und werden es bleiben, solange die Schmach des Antisemitismus nicht getilgt ist. Wir haben in Oesterreich einen Politiker, Dr. Kramarz (stürmische Pfui-Rufe! Er will Botschafter in Petersburg werden) und dieser Dr. Kramarz hat den Juden die Schuld gegeben. (Erregte Zwischenrufe.) Es ist wahr, jüdische Arbeiter stehen in der Mitte der kämpfenden Revolutionäre, aber man kann sagen, daß neun Zehntel der russischen Juden von der Revolution nichts wußten, sondern ruhig leben und hungern wollten. Und ein Dr. Kramarz wagt es, über die Revolution so wegwerfend zu reden, er, der ohne unsere Revolution noch ein böhmischer Robottbauer wäre. Daß eine solche Aeußerung von einem führenden Politiker fallen konnte, beweise den kulturellen Tiefstand Oesterreichs. Die Ethik ist es, die uns heute zusammenführte und namens der „Ethischen Gesellschaft" bin ich auch hier erschienen. Dr. Ofner bringt sodann die folgende Resolution .zur Verlesung: „Die Versammlung spricht ihr tiefes Mitgefühl mit den Opfern der unmenschlichen Metzeleien in Bjelostok und anderen Orten Rußlands und ihre Empörung über deren Urheber aus. Es ist ihre Ueberzeugung, daß die Roheit und der ethische Tiefstand, der sich in diesen empörenden Greueltaten kundgibt, mit der politischen Unterdrückung des Volkes im engsten Zusammenhang sicht und daß nur von einer kräftigen, tapferen Vertretung des Volkes eine Besserung zu erwarten ist. Sie begrüßt das Auftreten der Duma, wendet sich aber zugleich an die fühlende Menschheit aller Länder, sich in einem flammenden Proteste gegen derartige Freveltaten zu vereinigen." Dr. Ofner beantragt, die Duma, die wie ein Fels in der Brandung emporrage, von dieser Resolution in Kenntnis zu setzen. (Stürmischer Beifall.) Abg. v. Wassilko, von lebhaften Zurufen begrüßt, spricht sein Bedauern darüber aus, daß slavische Abgeordnete dem Zarismus ihre Sympatien ausdrückeu. Das sei eine Folge der Begriffsverwirrung, das russische Volk mit dem Zarismus zu identifizieren. Die Ruthenen denken ganz anders, sie wissen, daß 25 Millionen Stammesgenossen vom russischen Zarismus kaum minder geknechtet werden, als die russischen Juden. Darum gehören alle unsere Sympatien der russischen Revolution. Der einzige Bukowinaer Landtag war es, der unter allen österreichischen Vertretungskörpern einstimmig seine Entrüstung über die Petersburger Vorkommnisse der Oktobertage des vergangenen! Jahres ausgesprochen hat. In der au Rußland grenzenden Bukowina leben Juden und Christen in größter Harmonie. Es ist nur zu bedauern, daß solche Versammlungen' so sporadisch Vorkommen, dennoch werden sie hoffentlich ihren Eindruck nicht verfehlen. Abg. Gras Sternberg sagt: Ich bin nicht hieher ge- > kommen, wie die meisten der übrigen Herren, öie, aus einem! bestimmten Jnteressenstandpunkre stehend, ihr Verhalten von j der Freundschaft des Judentums abhängig machen. Diese; Worte erwecken lebhaften Widerspruch, und es bedarf des Eingreifens des Vorsitzenden, dem Redner Ruhe zu schaffen.) Graf I Sternberg führt fort: Ich bin Agrarier und habe unter meinen j Wählern lauter Bauern und keine Juden. Als einziger habe j ich im Abgeordneteuhause beim Präsidium eine Protestkundgebung i wegen der russischen Greuel angeregt und deswegen sogar Uni annehmlichkeiten in meinem Wahlkreise gehabt. Das kann mich! aber nicht hindern, frei meine Meinung zu sagen, und es hat j mich nur in der Absicht bestärkt, hieher zu kommen. Es muß! eine Solidarität der Unterdrückten geben. Wenn Sie verlangen, daß ich mich Ihrem Proteste anschließe, so dürfen wir auch! nicht umsonst an Sie appellieren, wenn es den unterdrückten slavischen Nationen gilt. Nur in der Solidarität der Unterdrückten liegt die Möglichkeit der Hilfe. (Beifall.) Reichsratsabgeordneter Straucher faßt in eindrucksvollen Worten das Ergebnis der Versammlung, die einen mächtigen Protest gegen die russischen Greueltaten und die Verhimmlet' dieser Schandtaten bedeute. Er verkündet unter stürmischem Beifall die einhellige Annahme der Resolution und bittet die Erschienenen, den Flugzetteln, die zu Demonstrationen vor der russischen Botschaft aufsordern, kein Gehör zu schenken. Der würdige Verlauf der Versammlung dürfe kein gegen die gesetzlichen Vorschriften verstoßendes Nachspiel haben. Hierauf i wurde die Versammlung geschlossen. Die geplanten Demonstrationen vor der russischen Botschaft sind unterblieben. * Das Präsidium der Wiener Kultusgemeinde ließ durch den Abgeordneten Dr. straucher der österreichischen Delegation folgende Protestschrift überreichen: Hohe Delegation! In der Sitzung der hohen Delegation des Reichsrates vom 23. Juni l. I. hat der Delegierte Herr Dr. Kramarz unter Bezugnahme auf eine Rede des Herrn Delegierten Dr. Straucher über die Juden in Rußland Angaben gemacht, welche geeignet sind, die russischen Juden in einem ungünstigen Licht darzustellen und den Anschein erwecken, als ob die Juden an den furchtbaren, unmenschlichen Greueltaten, die an ihnen verübt wurden, selbst schuldtragend seien. Zur Steuer der Wahrheit bittet der Vorstand der Wiener israelitischen Kultusgemeinde die nachfolgenden Mitteilungen hochgeneigtest zur Kenntnis nehmen zu wollen.

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