Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 27 (13.7.1906)
- Date
- 1906-07-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27. Die Wahrl»eit Seite 9. Literatur. Kanzelreden von Dr. David Feuchtwang, Rabbiner zu Wien. Im Berlage von M. W. Kaufmann, Leipzig, ist vor kurzem der 3. Teil der Predigten Dr. Feuchtwangs erschienen, die zu den Besten gehören, was die neuere Literatur auf diesem Gebiete gebracht hat. Aus all diesen Reden spricht jener warme, gemütvolle und zu Herzen dringende Ton, der sich dem Hörer gefällig ins Ohr schmeichelt, aber auch dem Leser Erbauung und Erhebung bereitet. Sowohl die gedankentiefen Betrachtungen für die einzelnen Sabbath- und Festtage, wie auch die von so vielen Rednern leider zur Banalität herabgedrückten, von Feuchtwang aber mit enger Anpassung an Ort und Gelegenheit ausgezeichnet konzipierten Trauungs- und Grabreden sind Beweise einer ungewöhnlichen Beredtsamkeit, die durch Form und Inhalt gleich wirkungsvoll erscheint. „Ost und West". Illustrierte Monatsschrift für modernes Judentum. Herausqegeben von Leo Winz. (Verlag von „Ost und West", Berlin W. 8. Leipzigerstraße 31/82.) Inhalt des Mai-Junihestes: „Bolkswoh(fahrt und Bolkserziehung." (Die kulturellen Ausgaben der ,,.Alliance Israelite Universelle“.) „Die Leiter der Alliance Israelite Universelle und der Deutschen Konserenzgemeinschaft." (Mit 4 Abbildungen.) „Verbotene Malwerke in Rußland." (Mit 5 Illustrationen.) „Lagbeomer." (Kulturgeschichte dieses Festes.) Bon Arth. B i r a m. „Adolf v. Sonnenthal." Zur Erinnerung an sein Künstlerjubiläum am 31. Mai 1906. (Mit 10 Illustrationen.) Bon B. Samuel, Wien. „Zum Artikel über Fritz Mauthner." (lieber den Austritt Fritz Mauthners aus dem Judentum.) „Cesare Lombroso." (Mit 1 Illustration.) Bon Dr. H. H o p p e. „Der Zionismus in Italien und anderswo." Bon Cesare Lombroso. -„Noah in der bildenden Kunst." (Mit 7 Illustrationen.) Von Dr. G. K u t n a. „lieber das Wesen des Judentums." Bon M. G o l d st e i n. „Ibsen und das Judentum." Bon Mathias Ache r. „Das jüdische Zivilgericht." Von Fabius Schach. „Berliner Kunstausstellungen." Bon K. „Martin Philippson." Zum 60. Geburtstage, 27. Juni 1906. Von Dr. Max E s ch e l b a ch e r. „Ein Frühling." Skizze. Bon Schalom A s ch. „Arthur Schnitzler." (Mit 1 Illustration.) Von Viktor K l e m p e r e r. „Die Juden." Von Mark Twain. „Sadatdämmerung." (Gedicht.) Bon Thekla S k o r r a. „A alte Kasche " Volkslied (Noten). Von Arno Nadel. „Die Vorgeschichte des Bjelostoker Pogroms." (Svezalbericht des Abgesandten der Alliance Israelite Universelle*.) „Das Blutbad in Bjelostok." Bon Dr. med. Julius Brutzkus, Petersburg. „Der große Freiheitskampf in Rußland." Bon Rechtsanwalt S h d a n o w, Moskau. „Bjelostok — christliche Nächstenliebe?" Von Dr. Jul Moses. „Am Jordan." (Gedicht.) Bon Siegbert Salt er. „Das Knlturwerk der Alliance." Von Dr. S B e.ru f el d. -„Ruf." (Gedicht.) Von Theodor Z l o c i st i. „Das Hohelied." (Die Einleitung zum „Hohenliede" und llebersetzung desselben.) Bon Samuel N o t h m a n n. „Der Mützenhändler." Bon Ludmilla v. R e h r e n. „Bruder." Ein Erlebnis. Bon N e n d a t s ch n i k o s s. Der Weschurnrned. Bon Martha Wolfenstein in Cleveland, liebersetzt von Doktor W o l f e n st e i n - Znaim. (Fortsetzung.) In der Vorderfront, nahe bei dem Altäre, auf welchem 1000 Kerzen brannten, waren die geladenen Gäste vom hohen Adel und auf einem Ehrenplätze der Graf Reichenberg mit feiner Familie. Plötzlich erfüllte rauschende Triumphmusikdie 'Luft, die Altarpforte wurde geöffnet und heraus schritten der Kardinal mit den Bischöfen und einer Prozession von Priestern, gefolgt von Rauchfässer schwingenden Chorknaben. Dann kam der Täufling von zwei Novizen geleitet. Er war - vom Kopfe (bis zu den Füßen mit einem weißen Ueberwurfe bekleidet, sein Gesicht war blaß wie der Tod, seine schwarzen Augen zur -Erde gesenkt. Als alle versammelt waren, wurde das Altartor wieder geöffnet'; ein eleganter, freundlich blickender Jüngling trat vor und stellte sich neben den Täufling. In der Kirche wurde es stille. Jener junge Mann war der Kaiser von Oesterreich. Nun begann der Gesang, welchen der Kardinal selbst intonierte. Dann war alles wieder still, während der Täufling das Glaubensbekenntnis ablegte, sein Haupt neigte, um das Tanfwasser zu empfangen, ein Kruzifix erhob und seine Lippen auf dasselbe drückte. Es war vollbracht! Das Volk begann nach dem Ausgang zu drängen, als plötzlich eine schrille Stimme in die Versammlung hineinschrie: „Wehe!" Eine alte Frau mit fliegenden Haaren, vom Froste geschüttelt und mit wild blickenden Augen kletterte über das niedrige Geländer des Altares. „Wehe!" schrie sie mit einem höhnischen, wahnsinnigen Lachen. „Ich bringe noch eine Gabe für das neu- Letaufte Kind. Ich bin zu Fuß von Meseritz hieher gekommen, um es zu bringen. „Sieh," fügte sie hiezu, indem sie ihren zerrissenen Schuh auszog, „nicht genug Leder ist daran, um mit ihm einen kleinen flicken zu können." „Sie ist wahnsinnig," sprachen die Priester leise und stürzten auf sie zu, um sie festzunehmen. Doch sofort stand Peretz an ihrer Seite mit erhobener Hand. „Sie ist meine Mutter," sagte er leise. Als die alte Frau ihn an ihrer Seite sah, befiel sie ein furchtbarer Schreck. „Habt Ihr ihn gesehen — Ihr Alle, habt Ihr ihn gesehen, als er das Kreuz küßte? Pfui! Du Elender! Verfluchter Meschummed! Hier hast Du Dein schmutziges Geld!" Und sie warf eine Handvoll Geldmünzen in das Gesicht des jungen Mannes. Durch das Aufschlagen der Geldstücke wurde die Wange mit weißlich-blauen Flecken entstellt, welche alsbald purpurrot wurden. Die anwesende Menge blieb starr. ..Eine Wahnsinnige! Sie rast! Bindet sie!" schrie der Pöbel. Doch sie selbst warf sich laut wehklagend an des Sohnes Hals. „Habe ich Dir wehe getan, Peretz, mein Leben? Ich habe dies nicht gewollt! O! Dein armes, zerschlagenes Gesicht!" Und sie streichelte die geröteten Flecken seines Gesichtes zart mit ihren welken Fingern. „Verzeih mir, o Gott! Ich bin eine schlechte Mutter," stöhnte sie. Peretz umfaßte sie mit seinen Armen und führte sie in die Vorhalle, wo sie das Bewußtsein verlor. Als sie die Augen wieder öffnete, schaute sie mit einem blöden Erstaunen ans die Fremden, die Priester und die Chorknaben. „Was machen wir hier, Peretz?" jammerte sie klüglich. „Komm, laß uns heimgehen. Es scheint mir, daß diese alle nichts anderes als Gojim sind," wisperte sie ihm leise in die Ohren. Zwei Tage später geriet die Gasse in eine ungeheure Aufregung, als eine separate Kutsche des Schlosses Soldau den Peretz Neuer und die Leiche seiner Mutter Schedel brachte. Am Abend des nächsten Tages, als Schedel an der Seite ihres Gatten beigesetzt war, war Peretz aus der Stadt verschwunden. Viele Jahre geschah seiner keine Erwähnung, außer dem Fluche „Muttermörder", der die Lieblingsbezeichnnng für ihn blieb, wenn er als ein warnendes Beispiel für unbändige Kinder ausgestellt wurde. Als einige Zeit verflossen war, wurde er gänzlich vergessen, und es war bloß sein früherer Freund Jaikew Holzmann, den seine Geschäfte öfters nach Wien brachten, der ihn in Erinnerung behielt. Einmal brachte dieser die Nachricht nachhause, daß Peretz, oder richtiger Professor Franz Josef Neuer, wie er jetzt nach seinem kaiserlichen Taufpaten hieß, eine Tochter des Baron von Waldeck-Schleierbach geheiratet hat. Ein anderes Mal brachte er die Nachricht, daß er als der beste Kenner des Griechischen in Europa anerkannt sei. Dann, daß seine Lehrbücher in allen Gymnasien Oesterreichs eingeführt worden sind und daß er Geld erwerbe wie Heu. Später trat eine Aenderung ein. Es verlautete, daß Peretz zwei Töchter habe, daß er aber mit seiner Gattin nicht glücklich lebe; dann wurde von seiner Ehescheidung gesprochen. Schließlich wurde die Aufsehen erregende Nachricht gebracht, daß der Professor von seinem Schwager, dem jungen Baron, der ihn „einen verdammten Juden" geschimpft hatte, im Duell verwundet worden sei. Ein Jahr später hörte man, daß er, von seiner Frau geschieden und getrennt von seiner Familie, allein in einem großen und stattlichen Hause mit Dienern und Karossen und mit all dem Luxus reicher Leute lebe. (Fortsetzung folgt.) Schicht* feste Spezialität fOt Wolle and Seide. GibtaachdieachflnateWeiBwäeche