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Die Wahrheit · 1906-07-13 · Heft 27 (13.7.1906) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 27 (13.7.1906)
Date
1906-07-13
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheil. Nr. 27. gewiesen werden: es ist gut und weise, den Juden von den Ofsizierstellen fernzuhalten; denn er ist sittlich für diese Verwendung im Staate, im Heere nicht geeignet. Die Leute, denen es nicht daraus ankommt, mit Ritualmordbcschuldiguugeu herumzukrebseu, und die sich schmunzelnd im stillen Kämmerlein die Hände reiben, wenn aus solcher Saat blutige Ernte aufsprießt, die Leute, die . angebrachtermaßen" öffentlich den Irren von Tschirne verleugnen, heimlich aber seinem Ceterum censeo: «Schlagt die Juden tot!" Beifall zollen, die Mitglieder einer Sekte, die menschlich Böses trachten muß, wenn sie konsequent ihre Grundsätze des Hasses, der Verachtung gegenüber Mitmenschen anderer Abstammung, anderen Glaubens wahren und vertreten will, — sie mußten den Glücksfall, den die Dreysussache für sie bedeutete, auszunutzen suchen bis au die äußerste Grenze; sie mußten gegen die Wahrheit, die ihnen erbarmungslos dieses Glück zerstörte, anrennen, so lange es nur möglich war. Mußten es umsomehr, als nicht verkannt werden kann, daß die sogenannten tatsächlichen Unterlagen für die sogenannte tatsächliche Berechtigung des Antisemitismus ohnehin ein bejammerungswürdig „klägliches Gewächse" darstellen und bei dem ständigen Abbröckeln des sogenannten tatsächlichen Materials immer mehr die durch keine sachlich berechtigte und sachlich begründete Erwägung genierte Leidenschaft, die sportliche Auffassung und Behandlung des Hasses als das Wesen des Autiseminsmus hervortritt. Die Dreysussache hat Ormuzd' und Ahriman in ihren Verfechtern auf den Plan gerufen. Die Zola, Travieux, Scheurer-Kestner, die Labori, Baughan, Gohier, Picquart, Clämenceau und die andern alle konnten manch einem, der schier verzweifeln wollte an der Menschheit, den guten Glauben und die idealische Begeisterungssähigkeit retten. Nicht weil sie Dreyfns, den Juden, verteidigten und für ihn in edlem Mute sich der heulenden Meute entgegenwarfen, sondern weil, sie über den Juden hinaus und über das Judentum hinaus, die mit den vergifteten Waffen verletzt, ins Mark getroffen werden sollten, das Menschliche, das menschlich Schöne in der Verteidigung des Rechtes und der Wahrheit zu hohen Ehren brachten und dem Glauben an einen dereinstigen Sieg des Guten und Gerechten in der Menschheit neue starke Stützen lieferten. Die andern aber, diejenigen, die drüben in Frankreich mit den Dritteln der Fälschung, der Rechtsbeugung, einer zum Himmel st—eigenden Heuchelei jenes Bubenstück vollbrachten, das bestimmt war, einen Mann zu verderben und eine große Gemeinschaft von Zeitgenossen anderer Abstammung und anderen Glaubens in seiner Person zu treffen, — sie, die Nutznießer der schlechtesten Triebkräfte der Menschheit, sahen sich verständnisvoll, dankbar begrüßt, bewundert von den nrteutomsche'n Rittern urteutonischer Rechtlichkeit und Reinheit. Der sranzosenfresserische Chauvinismus der deutschen Antisemiten war im Dankgefühl, das dieser extrasette französische Bissen ihnen auslöste, verweht; das Heinewort erwies wieder einmal seine Berechtigung: „Selten habt ihr mich verstanden; selten auch verstand ich euch; nur wenn wir im Kot uns fanden, da verstanden wir uns gleich." Ist es eine Anmaßung, wenn wir die Verteidiger des Hauptmanns Dreyfus, die zum Teil Märtyrer ihrer Nächstenliebe, ihrer Wahrheitsliebe, ihrer Gerechtigkeitsliebe wurden, wenn wir sie den Heerscharen Ormuzds, des guten Geistes, vergleichen und die grundverlogene Gesellschaft der Brunnenvergifter in Frankreich und ihre Gesinnungsgenossen in Deutschland in das Lager Ahrimans weisen? Sicher nicht. Denn hier hat es sich nicht mehr nur um Meinung gegen Meinung gehandelt, um Partei gegen Partei, um Parteistreben gegen Parteistreben; — hier war auf der einen Seite die Hölle losgelassen und auf der anderen war die sittliche Empörung ob der Mißhandlung aller Gerechtigkeit, aller Menschlichkeit und Wahrheit und die heldische Tapferkeit im Kampf gegen eine übermächtige Gewalt. Uebermächtig. Jsts zu viel gesagt? Gewiß nicht. Die Mächte, die gegen Dreyfus, den man schlug, und das Judentum, das man meinte, im Felde standen, das waren ..die Armee" und die Kirche. Auch bei der ruhigsten Betrachtung der Dinge und bei dem ernsten Vorsatz, nicht über gewisse Grenzen und Rücksichten hiuanszugehen, kann auch rein geschichtlich nichts anderes gesagt werden als das, daß ein Bündnis der Uniform und der Soutane diese Schandflecken auf dem Schilde der französischen Rechtspflege, diese Beschmutzung der Ehre der Menschheit herbeigeführt, dieses Dreysusverbrechen, dieses an dem jüdischen Qsfizier begangene Verbrechen gezeitigt hat. Man nannte inmitten der Bewegung ob der Dreysussache. die „Dreyfussards", die Verfechter der Gerechtigkeit, die Verächter des Klüngels der Generale und der Priester, man nannte sie die Intellektuellen. In ihrem Lager war die geklärte Vernunft, war zugleich der Glaube an den dereinstigen Aufstieg der Wahrheit. Der Ruf nach Wahrheit und Gerechtigkeit über und für Dreyfus wurde schließlich die Losung für das Verlangen nach der Befreiung Frankreichs aus dem Joche jenes Klüngels bevorrechteter Familien, die in inniger Gemeinschaft mit der ecclesia militans das Gesetz zu beugen und den republikanischen Geist zu ersticken suchten. Es war ja bezeichnend genug daß die Nationalisten, die Vorkämpfer der unfreiheitlichen, mit starrem Priestertum verbündeten, militaristischen Richtung, die Partei der Verfolger des Hauptmannes Dreyfns waren, dieselben Nationalisten, die den Gedanken des Vergeltungskrieges gegen Deutschland besonders pflegen und denen die deutschen Antisemiten, die die deutsche Vaterlandsliebe in Erbpacht zu haben wähnen, brüderlich die Hand gereicht haben, da es gegen die Juden ging. Langsam, aber sicher hat sich der siegreiche Vormarsch jenes reinen Republikanismus in Frankreich vollzogen, der die reinliche Scheidung vom Militarismus und vom Klerikalismus als die oberste Bedingung des Blühens und Gedeihens Frankreichs ansieht. Nach dem entscheidenden Siege der Republik bei den letzten allgemeinen Wahlen ist die Dreysussache, die vorher geruht, obwohl schon seit Jahren die ungeheuren Fälschungen bekannt sind, mit deren Hilfe der Justizmord an Dreyfus vollbracht worden ist, erst wieder in Fluß gekommen; und der vollständige, der in allem und jedem Betracht lückenlose und einwandfreie Beweis für die Unschuld des Verfolgten liegt nunmehr vor. Ein guter Sieg, ein erwärmender, befreiender und befruchtender Sieg. Wir schätzen die Abgebrühtheit der deutschen Antisemiten nicht gering ein und glauben doch, es könnte unter ihnen noch etliche geben, die sich schämen. Die Leute, die die Herrschaft der Wahrheit zu scheuen Grund haben, mögen in ihrem Sittenstande verharren. Die Männer, die einst die Welt wieder vorwärts und aufwärts führen werden, heraus aus der Trübsal, die jetzt auf dem geistigen und gemütlichen Leben lastet, ihnen wird die sieghafte Wahrheit eine starke Gefährtin sein. Vrotestversammtnttg gegen die Kjelostoker Massgkres. Donnerstag, den 5. d. M., abends, fand in Wien im Saale des „Hotel Post" eine Protestversammlung gegen die Metzeleien in Rußland statt, die, wie bereits in voriger Nummer gemeldet wurde, von einem Komitee, dem unter anderen hervorragende Persönlichkeiten, wie Professor Dr. Eduard Sneß, Hofrat Professor Dr. Ernst Mach und Hofrat Paul Freiherr v. H o ck angehörten, eiuberufen worden war. Die Versammlung, die einen Massenbesuch auszuweisetl hatte, gestaltete sich zu einer ebenso würdigen wie eindrucksvollen Kundgebung. Schon lange vor dem für halb 9 Uhr festgesetzten Beginn der Versammlung waren Parterre und Galerie des großen Saales im „Hotel Post" bis auf das letzte Plätzchen gefüllt. Auf der Estrade halten sich unter anderen eingefunden: Die Abgeordneten N o s k e, Dr. O f n e r, Gras S t e r n b e r g, Dr.' Strauch er und Nikolaus Ritter v. W a ssilko, die Universitätsprofessoren Fournier und Jo dl, die Gemeinderäte Dr. Ä. v. Dorn und Dr. Hein, Dr. Kro na wett er. Oberrabbiner Dr. Güdemann, die Kultusvorsteher kaiserlicher Rat Sachs und Bezirksschulrat Dr. Spitzer, Vertreter zahlreicher jüdischer, besonders zionistischer Korporationen rc. Ihr Fernbleiben hatten Freiherr v. Doblhofs, Abg. Wrabetz, der Präsident der israel. Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern und Professor Dr. Zamboni entschuldigt. Dank und Sym-

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