Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 27 (13.7.1906)
- Date
- 1906-07-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Die Wahrheit. Seite 5. Nr. 27. selbst" verzeichnet sind, Worte, die später auch von den Töchterreligionen angenommen und als oberster Grundsatz hingestellt worden sind, ferner „Liebet den Fremden", Lehren, die heute noch trotz Kultur, Fortschritt und Zivilisation ihrer Verwirklichung unter den Völkern der Erde harren, sondern vorzugsweise deshalb, weil sie jedes Vorurteil, jeden Aberglauben und Fanatismus, die nur geeignet sind, die niedrigsten Instinkte und Leidenschaften wachzurufen, auf das entschiedenste verpönt. All die grausamen Verfolgungen, Bedrückungen und Kränkungen, denen Menschen je ausgesetzt waren, all die Verheerungen, die in t)en. Kreisen der menschlichen Gesellschaft angerichtet wurden, waren zumeist die Folgen des Fanatismus. Der Fanatismus, der religiöse wie der nationale, ist der gefährlichste Feind der Menschen. „So lange man in Jakob und in Israel weiß, was Gott gewirkt, geschaffen, gesprochen und gelehrt hat, so lange die Kenntnis der Thora aus Israel nicht schwindet, kann der Fanatismus nicht um sich greifen." Und das ist eben unser Stolz und unser Ruhm. Wir freuen uns und sind stolz darauf, daß die Vorsehung unsere Ahnen schon vor Jahrtausenden er- ' koren hatte, Träger der erhabenen Gottesidee, des retnen geläuterten Gottesglaubens in der Geschichte zu sein. Wohl war man' zu allen Zeiten und auch in der modernen Zeit bemüht, uns dieses Vorrecht streitig zu machen, uns das Prioritätsrecht abzusprechen, allein jeder unbefangen denkende Mensch wird es bereitwilligst zugeben, daß Israel das erste Volk auf Erden war, das berufen wurde, den Glauben an einen einig-einzigen Gott in der Welt zu verbreiten. Alle anderen Religionen sind aus dem Schoße entwickelter Nationen hervorgegangen, Israels Religion aber ist nicht aus der Nation, sondern die Nation aus der Religion entstanden. Nicht Israel hat sich seinen Gott, sondern Gott hat sich Israel erkoren, ihm seine Thora verliehen, mit dem Aufträge, als „Reich von Priestern" die Lehre dieser Thora in der Welt zu verbreiten. Eine „jüdische Nation", oder ein „nationales Judentum" ohne Thora ist nicht denkbar. So heißt es ja ausdrücklich in der heiligen Schrift: „Moses und die Priester aus dem Stamme Levi sprachen zu ganz Israel: A m h e u t i g e n Tage, da dir diese Thora verliehen wurde, bist du eine Nation geworden dem Ewigen deinem Gotte zu Ehren. (5. M. 27. 9.) Treffend bemerken dazu unsere Weisen: Die Religion Israels, die von Beginn an bestimmt war, Gemeingut der Gesamtmenschheit zu werden, ist älter als die Schöpfung. Gleich bei der Schöpfung hat Gott mit Himmel und Erde also gesprochen: Ihr seid von mir nur bedingungsweise geschaffen worden; die Bedingung von der euer Fortbestehen abhängt, ist, daß Israel die Thora annimmt, verweigert es aber die Annahme derselben, will es für die Verbreitung ihres Inhaltes nicht Sorge tragen, so fallet ihr in Trümmer und das Tohuwabohu, das vor euch da mar, tritt an eure Stelle." Ohne die Thora würde die sittliche Weltordnung ihre kräftigsten und mächtigsten Säulen, ihre Trag- und Stützpfeiler entbehren und ihrem Verfalle entgegengehen müssen. Ja die Thora ist älter als die Menschheit, sie ist nicht an das Reich, nicht an den Staat, nicht an das Land gebunden, sie wurde für alle Zeit gegeben. „Drei Dinge." bemerken unsere Weisen, ..wurden Israel nur bedingungsweise gegeben, Palästina, der heilige Tempel und die davidische Regierung, die Thora aber unbedingt für alle Zeiten." Sie war anfangs eine Staatsreligion, aber nicht wie die Religionen der Völker, die mit dem Staate ihren Untergang gefunden, sondern sie war eine Religion des Staates im Staate. Als der Staat zugrundegegangen, war sie eine Religion des Volkes, und als das Volk in aller Herren Länder zerstreut wurde und sich Gemeinden gebildet haben, war sie die Religion der Gemeinde. Die Thora, die Moses uns gebot, ist ein ewiges Erbgut der Gemeinden Jakobs selbst. Der Umstand, daß Israel seit nahezu zwei Jahrtausenden sich ohne Land, ohne Reich, ohne staatliche Selbständigkeit erhalten hat, beweist doch klar und deutlich, daß die Thora allein es war, die ähm unverwüstliche und unbesiegbare Lebenskraft verliehen hat, um selbst einer Welt in Waffen trotzen zu können. . . Diejenigen, die da glauben, daß die Religion Nebensache, die „staatliche Selbständigkeit" aber Hauptsache sei, täuschen sich gewaltig. Wir waren ja schon im Besitze unseres eigenen Staates, und sogar zweimal, und warum ist der jüdische Staat untergegangen? Der Prophet Jeremias sagt es uns: „Warum ist das Land zugrundegegangen? Weil sie meine Thora verschmäht haben." Ferner: „Hat je ein heidnisches Volk seine Götter, obwohl sie Ungötter sind, verleugnet, vertauscht, verschachert? Hat je ein heidnisches Volk seine Charakterschwäche dadurch bekundet, daß es seinen Glauben materieller Vorteile wegen preisgab? Mein Volk aber hat seine heiligsten Güter, seine kostbarsten Schätze leichten Herzens für die törichten Gottheiten des Tages hingegeben." Wie der erste jüdische Staat infolge des Abfalls von der Religion, ebenso ist der zweite Jndenstaat infolge innerer Zerklüftung zugrundegegangen. Nur durch unbegründeten Haß, bemerken mehrere Weisen, ist Jerusalem zerstört worden. H"ß, Mißgunst und Scheelsucht haben Bande gelockert, die Liebe und Freundschaft geknüpft haben. Sie haben also auch der Thora, die jeden Haß und Neid, jede Verfolgung und Bedrückung auf das entschiedenste verpönt, und nur Menschenliebe, Menschenverbrüdernng. Friede. Eintracht lehrt und predigt, durch ihr menschenfeindliches Benehmen zuwider gehandelt, weshalb der Staat sich nicht länger halten konnte. „Gott der Herr selbst kennt," bemerken unsere Weisen, „kein wirksameres Organ für Israel als den Frieden, die Eintracht, das Festhalten an der Thora." Soll das Judentum wieder seine „staatliche Selbstständigkeit" sich erringen, so muß es vor allem sich organisieren, fest zusammenhalten, jede Nachahmungssucht unterdrücken und sich gegenseitig zurufen: Kommt, laßt uns znrückkehren zum Ewigen, seine Thora Hochhalten und in ihrem Geiste leben, wirken und schaffen. So oft in späteren Jahrhunderten, nach der Zerstörung des zweiten Tempels, Männer auf dem Plane erschienen sind, die Vorgaben, dem Volke Israel wieder „seine nationale Selbstständigkeit" ohne die Thora auch nur im entferntesten zu berücksichtigen, erwerben und das heilige Land erobern zu können, haben sie, die teils als Betrüger, teils als betrogene Betrüger, als Schwärmer erkannt wurden, schmählich geendet und dem Volke anstatt zu helfen, furchtbare Wunden beigebracht, die lange nicht vernarben wollten. Einige Beispiele mögen hier zur Begründung und Bekräftigung dieser Behauptung angeführt werden. (Fortsetzung folgt.) Das Ende -er Dreyfasgefchichte. Lang, lang ists her, seit das Prophetenwort erscholl, daß die Wahrheit in Anmarsch sei, die Wahrheit über den unglücklichen Hauptmann Dreyfus und über die Verbrechergilde, die ihn zu vernichten suchte. Gottes Mühlen mahlen langsam, mahlen aber trefflich fein. Es soll kein Unmut aufkommen über die Langsamkeit der Gangart der anmarschierenden Wahrheit. Die Hauptsache ist, daß sie eben schließlich doch zum Siege kommt — trotz alledem und alledem. Zum Siege — trotz eines beispiellosen Gewirrs und Gewühls der entfesselten Lügengeister. Zum Siege — trotz der starken Feindschaft der ehedem Stärksten im französischen Reiche, die nunmehr beschämt, soweit sie der Scham fähig, erkennen müssen, daß es doch noch ein Stärkeres gibt als sie, nämlich die Wahrheit und die Gerechtigkeit, die oft genug niedergewuchtet werden mögen, sich dann aber jezuweilen machtvoll erheben und die Dunkelgestalten zertrümmern, die sie entthronen wollen zugunsten eigensüchtiger Strebungen im Interesse unsauberer, böser, verderblicher und verächtlicher Elemente. So oft der Finger in die Wunde dieser Verderbnis gelegt wurde, die unter dem Namen der Dreyfusaffaire bekannt ist. war derselbe grinsende Hohn, war dieselbe antisemitische Raserei die Antwort. Dreyfus unschuldig? Dreyfus ein Opfer schwerer Irrungen oder gar tückischer Anschläge? Das durfte nicht sein, weil alles, was Antisemitismus hieß, sich zu feurig und zu innig mit dem Vorgehen gegen diesen jüdischen Kapitän verschwistert und verklittert hatte. Hier war ja ein Schulfall gegeben. Hier konnten ja mit einem Schlage mehrere Fliegen getroffen werden. Hier konnten nachgewiesen werden: der Jude hat kein Vaterla.nd; denn selbst im vaterländischen Heeresdienst, dient er nicht dem Vaterlande, sondern verrät es. Hier konnte nach-