Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 27 (13.7.1906)
- Date
- 1906-07-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Lette 4. Nr. 27. Die Wahrheit wohnliche Gasten des Gejstes uitfr Herzens vereinigten sich; in diesem seWlewWanM-desseManzes Leben von aufrichtigem , Streben nach Wahrheit unb unendlicher Menschenliebe erfüllt war. Wie . er mitsicherem' Blicke den tiefsten Ursachen der menschlichen Krankheiten nachging, so forschte er auch mit offenem Auge nach den letzten Gründen der betrübenden sozialen Erscheinungen unserer Zeit, und sein unbeugsamer Rechtssinn und sein warmfühlendes, liebevolles Herz mußten ihn zum Kampfe gegen .alleZ Niedrige und Gemeine sichren, .an die. Seite jener Äuserwählten, unter besten der bedeütendstest einer, der große Historiker Mommse n, das treffende Wort geprägt hat: „D er An t i s em i ti s mu s ist dieGesinnung der Kanaille." * * * Die Biographie des Kardinals Friedrich von Schwarzenberg, die von P. Cölestin Wolfsgruber vor kurzem herausgegeben wurde, enthält eine interessante Reminiszenz aus der Zeit seines Aufenthaltes in Salzburg. Als die ihm unterstehende „Konst. Salzburger Zeitung" einen gehässigen Aufsatz gegen die Juden brachte, schrieb er ihr: „Lassen Sie die Juden in Ruh' — denn Jndenhetzen sind gewöhnlich die Vorläufer oder Begleiter sozialer Revolution." Wir haben jüngst aus die streng objektive Haltung hingewiesen, die der gegenwärtige ungarische Kultusminister Graf Apponyi im Kampfe zwischen Neologen und Orthodoxen einnimmt und die auch gelegentlich eines Empfanges der jüdischen Distriktspräsidenten zum Ausdrucke kam. Die Ansprache, die Gras Apponyi bei diesem Anlasse an die Deputation hielt, ist auch in anderer Beziehung überaus bemerkenswert und sei im nachfolgenden wiedergegeben: „Sehr geehrte Herren! Ich danke Ihnen für das herzliche Vertrauen durch welches Sie sich leiten ließen, als Sie mich 'durch Ihr Erscheinen beehrten, und ich kann nur sagen, wobei ich denke, daß niemand an der Aufrichtigkeit meiner Aeußerung zweifeln wird, da manche Ihrer Motive sehr handgreiflich sind, daß ich als an der Spitze dieses Ressorts stehender Mann am glücklichsten wäre, wenn es mir gelingen würde, diese Angelegenheiten der jüdischen Konfession aus ihrem gegenwärtigen zerrütteten Zustande herauszusühren. Wollen Sie mir glauben, daß dieses Ministeriums eben hinsichtlich der jüdischen Konfession bei den heutigen Zuständen solche Aufgaben harren,' zu deren Lösung ich wenigstens mich in vollstem Maße für inkompetent halte. Kommen doch hier Fälle vor, daß das Ministerium angerufen wird, jüdisch-rituelle Fragen zu entscheiden, was in einem auf der Gewissensfreiheit und aus der Idee der Selbständigkeit des religiösen Lebens basierten Staate das denkbar größte Absurdum ist. (Lebhafte Zustimmung.) Ich wäre sehr glücklich, wenn es mir gelingen würde — was keinem meiner Vorgänger gelungen ist — diesen Knoten zu lösen. Und wenn auch mein sehr geehrter Freund und früherer Abgeordnetenkollege, Ihr Redner und Präsident, ausgeführt hat, daß man sich manchmal in irriger Weise aus die Gewissensfreiheit beruft, so muß mir dennoch diese bei meinem Wirken als Leirsiern dienen. Ich kann es unterscheiden, wann hieraus ohne und wann mit Grund Berufung geschieht, doch kann ich natürlich in nichts davon abweichen, diesem Leitstern und Prinzip zu folgen. Ich kann nur wiederholen, daß es nicht nur ein Interesse Ihrer Konfession, sondern ein nationales, ein staatliches und ein außerordentlich großes Jnteresie dieses Ministeriums ist, den Wirren auf dem Gebiete Ihrer Angelegenheiten ein Ende zu machen und für das ganze ungarische Judentum eine Organisation zu schaffen, die den Forderungen der Religionsautonomie und der Gewiffensfreiheit in allem entspricht. Von meiner Seite werde ich alles tun, damit wir dies erreichen. Ich gestehe es offen, ich bin heute in diesen sehr komplizierten Angelegenheiten noch nicht genügend orientiert, um eine weitgehende Erklärung abzugeben. Seien Sie überzeugt, daß wer auch hinsichtlich der Dotation alle Faktoren mit der größten Billigkeit Vorgehen werden. Ich sehe sämtliche Jnkonvenienzen des heutigen Zustandes, doch kenne ich sie weiter noch nicht in dem Maße, um in meiner Aeußerung weiter gehen zu können. Seien Sie jedoch überzeugt, daß ich mit größter Unbefangenheit Vorgehen und die Lösung dieser Frage mit größter Objektivität fördern werde." *. * * Der alte Streit zwischen Neologen und Orthodoxen tritt auch in einem Prozesse zurage, der gegenwärtig von der jüdischen Oeffentlichkeit in Deutschland mit großem Interesse verfolgt wird. Der Großherzoglich Badische „Oberrat der Israeliten" hat nämlich gegen den Herausgeber und Redakteur des orthodoxjüdischen Blattes „Der Israelit" in Mainz, wegen Beleidigung durch die Presse eine Klage angestrengt. Der Oberrat der Israeliten in Baden ist eine staatliche Behörde, die sich aus jüdischen Mitgliedern zusammensetzt und an deren Spitze ein Staatskommissär steht; er beaufsichtigt und regelt alle Religions- Verhältnisse in Gemeinde, Synagoge und'Schule. Dieser Oberrat nun besteht zumeist aus Angehörigen'.der freigesinnten Richtung im Judentum) und hat.Herlei Maßnahmen getroffen, die seit langem von. dem genannten orthodoxen VBlatte kritisiert wurden. Kürzlich Nun veröffentlichte derHerausgeber und Redakteur Dr. Lehmann eine Anzahl Artikel, in denen der Staatsanwalt eine Beleidigung des Oberrates fand und die zur Anklage führten. Im wesentlichen handlet es sich um folgende Dinge. Dem Oberrat wurde von Lehmann, .yorgewpxfen, daß - er - einen - israelitischen Lehrer nicht entlassen habe, der während seiner Einberufungszeit zum Militär die jüdischen Speisegesetze verletzt haben soll. Ferner beurteilt es Lehmannn als Profanation geweihter Räume, daß der Oberrat ein Synagogen- und Orgelkonzert, das Dr. Eschelbacher, der frühere Rabbiner in Bruchsal, veranstaltete, gestattet habe. Endlich wurde dem Oberrate von Lehmann zum Vorwurfe gemacht, daß er ein vom badischen Rabbiner Löwenstein verfaßtes Schulbuch verboten habe, weil darin angeblich der Orthodoxie Vorschub geleistet werde und das Buch außerdem vom pädagogischen Standpunkt aus zu verwerfen sei. — Von beiden Seiten war eine große Anzahl Sachverständiger zu der Verhandlung geladen, vom badischen Oberrat, der durch den Geh. Regierungsrat Dr. Mayer aus Karlsruhe vertreten war, die Rabbiner Dr. Appel (Karlsruhe) und Dr.Hoffmann (Raudegg), von der Staatsanwaltschaft der Direktor des Gryßh. Gymnasiums in Mainz, Studienrat Blase; der Angeklagte hatte die Provinzialrabbiner Dr. Cahn (Fulda), Großh. Landesrabbiner Dr. Marx (Darmstadt), Provinzialrabbiner Dr. Bamberger (Hanau), ferner den Direktor der israelitischen Realschule in Frankfurt, Dr. Lange u. a. m. geladen. Außer der formellen Beleidigung, für die der Verteidiger, der bekannte Zentrumsabgeordnete Justizrat Dr. Schmitt, den weitgehendsten Schutz des § 193 für den Angeklagten in Anspruch nahm, handelt es sich prinzipiell um die Frage, ob der Oberrat der Israeliten in Baden nicht einseitige religiös-freisinnige Interessen vertrete und die Interessen der orthodoxen Judenheit hintansetze. Die Gutachter erklärten, daß zwischen den orthodoxen und freisinnigen Judentum größere Gegensätze beständen, als Katholiken und Protestanten. Der Verteidiger erklärte, daß sich die orthodoxen Juden in ihrem religiösen Gewissen schwer bedrückt fühlen mußten, und beantragte eine kleine Geldstrafe, während der Staatsanwalt eine empsindliche Geldstrafe für angemessen hielt. lieber den Ausgang des Prozesses werden wir noch berichten. Vor kurzem starb in London, über 100 Jahre alt, der berühmte Erfinder des Kehlkopfspiegels, Manuel Garzia. Der geniale Greis, welcher bis in seine letzten Lebenstage tätig war und in seinem Heim in Aicklewood Gesangsunterricht erteilte, stammt bekanntlich von einer jüdischen Familie ab, deren Name in der Literatur der Juden einen guten Klang hat. Anläßlich seines hundertsten Geburtstages empfing er Deputationen der größten wissenschaftlichen Vereinigungen aus der ganzen Welt. Besonders fiel es damals auf, daß auch die spanische Regierung dem gefeierten Jubilar durch ihren Botschafter Glückwünsche übermitteln ließ. Spanien hat in früheren Zeiten die Juden vertrieben, aber das Spanien von heute ist fortgeschritten genug, stolz auf den Judenstämmling Manuel Garzia zu sein, der durch eine epochale Tat für den Ruhm seines Vaterlandes mehr getan hat als alle Fanatiker, die zur Ehre Gottes die „Ungläubigen" verfolgten und verjagten. Das «atimmle Iadentmn. Von Dr. M. H. Friedländer. Das herrlichste und vollkommenste Werk, das die Menschheit im allgemeinen und Israel insbesondere besitzt, ist die Thora. ..Die Lehre Gottes ist vollkommen, tadellos, ewig neu; sie allein ist geeignet, das geistige und - leibliche Heil und Wohl der Menschen stets nach jeder Richtung hin zu fördern. Die Thora verdient nicht nur deshalb das vollkommenste Werk genannt zu werden, weil sie das älteste Religionsbuch der Welt ist, in welchem die goldenen Worte „Liebe deinen Nächsten wie dich