Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 27 (13.7.1906)
- Date
- 1906-07-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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ahrcheit Redaktion n. Sldmiiiisti ation: Wien, II/, Novaragasse 27 Telephon Nr. der Druckerei 15302. Inserate 25 Hell, per Nonpareille-Zeile. AbonnenientSn. JniertionSbeträge sind in Wie» zahlbar und klagbar. ^abhängige Heiischrifi für jüöische iE Erscheint jeden Ireitag. Motto : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!1 Ve;ugspyeis: I Ganzjährig ... St. 12.— I Halbjährig ... St. 6 — > Für Cultusbeamte: li>l»iizjährig ... St. 10.— Für Ausland: Ganzjährig ... 8 Mark 6 Rubel oder 16 Fcs. Mr. 27._Wien. 13. I«U I9V6. Inhalt: Bjelostok. — Ans der Woche. — Das nationale Judentum. — Das Ende der Dreyfusgeschichte. — Protestversammlung gegen die Bjelostoker Massakres. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Feuilleton: Der Meschummed. KjelostoK. 14. Juni 1906. Einst mußtest Du errichten Pyramiden, Mein Volk, Du Käst geseufzt in Ketten lang, Und über Euch, Ihr Abgehetzten, Müden, Der mitleidlose Bogt die Peitsche schwang. Erdrückend hart war Israels Frohne, Es wuchtete aus ihm Despotenyand. Da wurde ihm in seinem großen Sohne, In Moses einst der Retter zugesandt. Er löste seinem Volk die Sklavenbande, Er zog in unbekannte Fernen aus; Er führte sie aus der Egypter Lande Durchs Meer, durch Feinde und der Wtzste Graus. Kein Retter will jetzt diesem Volk erstehen, Ach, unsre Zeit bringt kein Genie hervor! Und ratlos sieht man es zugrundegehen, Der Weise zuckt die Achseln, wie der Tor. Ein zweiter Moses, nein, er kehrt nicht wieder, Erschöpft hat sich die schaffende Natur; Doch die Verbrechen gegen unsre Brüder, Sie wandeln noch dieselbe blutige Spur. Nicht Geist, doch Gelder könnt Ihr spenden, Ihr tuts ob schnöden Mammons und Gewinns; Ihr könntet Eurer Brüder Schicksal wenden, Und lohnen wird Euch reicher Zins. Gott sei's geklagt, die russischen Papiere, Ihr nahmt sie ab dem Moskowiterland; Daß man die Holigans zuni Morde führe. Dazu habt Ihr gereicht hilfreiche Hand. Ihr opfertet dem Moloch und dem Kalbe, Bringt jetzt der Menschenliebe Opfer dar; Leibliche Brüder sinds, und wärens halbe, Wir müssen helfen, das ist offenbar. Drum tuet Buße, übers Meer die Armen Sollt Ihr geleiten an des Westens Strand. Sollt reuig Ihr mit heiligem Erbarmen Befreien Sklaven aus Barbarenhand. 8. Vineta. Ans der Woche. Selbst das bischen menschlichen Mitgefühls, das nicht nur in freien Staaten wie Amerika und England, sondern auch in Deutschland und Oesterreich in verschiedenen Protestversammlungen den armen Opfern der Bjelostoker Massakres bekundet wird, ist unseren heimischen Antisemiten, diesen Busenfreunden der blutrünstigen russischen Tyrannen, ein Dorn im Auge, und so versucht denn ihre Preßbande, die Empörung, die auch in christlichen I Kreisen über die schändlichen russischen Greueltaten laut wird,! mit lügenhaften Berichten über die Ursachen der Massakres | niederzuschlagen. Es fällt uns natürlich nicht ein, diese patentierten! Apostel der Lüge und Verleumdung an der Hand unleugbarer Tatsachen eines Besseren belehren zu wollen, aber wir können es nicht unterlassen, auch bei dieser Gelegenheit darauf hinzuweisen, wie wenig Urteilsfähigkeit die antisemitischen Preßorgane ihren Parteigenossen zumuten, wenn z. B. das „Deutsche Volksblatt" in einem Artikel „Die Wahrheit über Bjelostok" es wagen darf, seinen Lesern die blödesten Ammenmärchen zu erzählen und die dortigen Greueltaten als Folgen jüdischer Provokationen hinzustellen, trotzdem selbst russische Regierungsorgane diese Behauptungen als unwahr und erlogen erklärt haben. * rK che Ja, die Spekulation aus die Dummheit und Leichtgläubigkeit haben die Herren Antisemiten immer vortrefflich verstanden, und das hat sich auch bei der letzten Bezirksratswahl im zweiten Wahlkörper des zweiten Wiener Bezirkes gezeigt, die mit der Niederlage des bisherigen verdienstvollen, liberalen Bezirksvorstehers N i e b a u er endete. Gewiß hat die bekannte Virtuosität der antisemitischen Wahlmacher und die ebenso bekannte Lauheit der liberalen Wähler das ihrige zum antisemitischen Wahlerfolge beigetragen, aber die Ziffern sprechen eine zu beredte Sprache, um zu verkennen, daß das Gros der Wiener Bevölkerung im Banne jener liegt, die mit wohlberechnerer Böswilligkeit die Urteilslosigkeit und Dummheit der Massen für ihre Zwecke ausnützen. Um so widerlicher ist jedoch die Komödie, die seil Beginn der antisemitischen Aera immer wieder von neuem zum Ueberdruß für jeden normal denkenden Menschen vor den geblendeten Augen der Wiener Wähler aufgeführt wird: vor den Wahlen ein stetiges Jammern und Zetern über allgemeine „Verjudung," ein Windmühlenkampf gegen den „jüdischen Einfluß" und nach den Wahlen das höhnische Siegesgeschrei über die „Niederlage des Judentums." In dem antisemitisch verseuchten Wien, wo der Bürgermeister das Eintreten eines jüdischen Gemeinderates zugunsten der präterierten jüdischen Kommunalbeamten als Provokation bezeichnet und wo man nicht einmal dem armen jüdischen Hausierer sein kümmerliches Dasein gönnt, noch von „jüdischem Einfluß" zu sprechen, dessen ist wahrhaftig nur das Gebirn eines verblödeten Antisemiten fähig. *" * Dieser Tage jährte sich zum ersten Male der Todestag Professor Hermann Nothnagels, der als Mensch, Gelehrter und Arzt gleich hoch stand und dessen Andenken bei allen wahren Menschenfreunden unvergeßlich bleiben wird. Unge-