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Die Wahrheit · 1906-07-06 · Heft 26 (6.7.1906) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 26 (6.7.1906)
Date
1906-07-06
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 26. tember besetzt werden. Diese Stellung ist definitiv, mit Pensionsberechtigung und steigendem Gehalte, sowie solche jeder Burgerschullehrer bezieht. Es wäre nur zu wünschen, daß sich tüchtige jüdische Religionslehrer um diesen guten Posten bewerben würden. 8. Krakau. (Reichsparteitag der österreichischen Zionisten.) Sonntag, den 1. Juli begann in Krakau der Reichsparteitag der österreichischen Zionisten, au dem 53 Städte aus allen österreichischen Provinzen durch 135 Delegierte vertreten waren. Der Obmann, Doktor Schalit (Wien) eröffnete die Tagung mit einer Rede über die Massakres von Bjelostok. Die Verhandlungen galten bloß dem einen Punkt: „Die Stellung der Zionisten zur innerpolitischen Betätigung." Zur Annahme gelangte nach eingehender Debatte folgender Beschluß: Die zionistische Landesorganisation Oesterreichs ist keine politische österreichische Partei. Sie begrüßt jedoch die Konstituierung einer neuen politischen Organisation der österreichischen Juden, da der politische Zusammenschluß der österreichischen Juden auf national-jüdischer Basis geeignet ist, das jüdische Volk in seinen wirtschaftlichen und moralischen Interessen zu stärken, seine Beziehungen zu den anderen Nationen zu klären und seine volle Gleichberechtigung mit den anderen Völkern durchzusetzen. Der Parteitag erwartet aber auch, daß das Programm der neuen politischen Partei nicht bloß nationale Forderungen enthält, sondern auch sozialfortschrittlich und gut österreichisch sei. An die Verhandlungen schloß sich die Konstituierung der neuen politischen Organisation. Den Vorsitz bei der politischen Beratung führte Abg. Dr. Strauch er. Auf der Tagesordnung stand die Festlegung des politischen Programms und die Stellungnahme zur Wahlreform. In diesen Verhandlungen wurde die Erklärung des Ministers des Innern, Frecherrn von Bienerch, aus Anlaß der Forderung nach einem deutschen Mandat für die Stadt Biala einer eingehenden Diskussion unterzogen und seine Ausführungen mit voller Zustimmung zur Kenntnis genommen. Budapest. (Hochherzige Stiftung.) Die Zahl der in der Hauptstadt bestehenden Wohltätigkeitsinstitute wird durch zwei neue Schöpfungen vermehrt, die der Munifizenz eines ausgezeichneten Wohltäters ihr Entstehen verdankt. Der hervorragende Industrielle Manfred v. Weiß, der ständig auf dem Felde der Wohltätigkeit wirkt, hat aus Anlaß der am 2. Juli stattgefundenen Vermählung seiner ältesten Tochter und zur Ehrung des Andenkens seiner leider zu früh verstorbenen unvergeßlichen Gattin zwei Stiftungen errichtet, die den Namen Alice v. Weiß tragen werden. Herr Manfred v. Weiß hat dem Pest er israelitischen Frauenverein den Betrag von 120.000 Kronen zur Errichtung eines Wöchnerinnenheims übergeben und der genannte Verein hat die Durchführung des Baues, sowie die Erhaltung der neuen Anstalt übernommen. Herr Manfred v. Weiß hat gleichzeitig eine zweite, ebenfalls den Namen Alice v. Weiß führende Stiftung errichtet. Er hat dem Präsidium des Pest er israelitischen Heiligen Vereines den Betrag vvn 100.000 K mit der Bestimmung übergeben, daß dieser Verein in dem Asyle für unheilbare Kranke eine Frauenabteilung erbaue. Wir stehen vor der erhebenden, großzügigen Tat eines vom besten Streben erfüllten Bürgers unserer Hauptstadt, durch welche die Mittel geboten werden, Schmerz und Elend zu lindern. Die Stiftungen, welche dem Andenken einer edlen Frau, deren Intentionen damit erfüllt werden, gewidmet sind, ehren in erster Reihe den Mann, der sie errichtete. Budapest. Im Alter von 53 Jahren ist hier der gewesene Mitarbeiter des „Politischen Volksblatt", später Mitarbeiter des „Neuen Pester Journal" und seit vielen Jahren Hilfsredakteur des „Budapester Tagblatt", Herr Joseph Freund, verschieden. Er gehörte zu den sympathischesten Mitgliedern der hauptstädtischen Journalistengarde. Budapest. Unser Abgeordnetenhaus zählt jetzt 21 Abgeordnete jüdischen Bekenntnisses. Es sind dies: Dr. Edmund Barta, Moriz S z a t m ä r i, Dr. Samuel Bakonyi, Dr. Samuel K e l e m e n, Dr. Madar R a j k, Dr. Alexander N a g y, Dr. Eugen M o l n ä r, Dr. Sigmund Farkashazy und Dr. Soma V i s o n t a i von der Unabhängiqkeitspartei, die jedoch schon früher Mitglieder dieser Partei gewesen. Neu hinzuqekommen sind der Unabhängigkeitspartei: Dr. Ludwig Fried, Dr. Em. Sag, Dr. Friedrich Hajdu. Dr Saum K ard o s, Moriz L ä. n y i und Ludwig H i r t c n st e i n. Es gehören zur Regierungspartei: Dr. Julius Markbreit zur Demokratenpartei Dr. Wilhelm Büszony i, Dr. Adolf L eitner und Dr. Ernst B r5 d y. (Letzterer neu.) Außer den Parteien stehen: Paul S andor und der Sozialist Wilhelm M ezö fi. Nagy-Sallö. Unsere Jsraelitengemeinde hat den Väczer Rabbiner Joseph Adeles zu ihrem Gemeinderabbiner gewählt. Berliu. Die soeben erschienenen Mitteilungen Nr. 66 vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde berichten über die seit dem zehnten Gemeindetage aufgewandten Bemühungen, Fürsorge für die von der jüdischen Wohltätigkeit wenig beachteten Schwachsinnigen zu üben. Durch eine Enquete ist das Material ergänzt worden. Zu den schon bekannten 233 jüdischen Insassen christlicher Anstalten sind die Personalien 216 Schwachsinniger, die sich gar keinchr Anstaltsfürsorge erfreuen, hinzugekommen. Doch ist das Material infolge der Schwierigkeit, die in Betracht kommenden Kranken in großen Städten zu ermitteln, noch immer unvollständig. Bon s a ch v e r st ä ndiger Seite wird allein die Zahl der jüdischen sch wachsinnigen Schulkinder auf über 500 veranschlagt. Aufnahme in die geplante jüdische Anstalt wird für 44. schulpflichtige und für 22 ältere beiderlei Geschlechtes gewünscht. Die Anstalt soll auf dem von der Stadtgemeinde Beelitz geschenkten Waldterrain zunächst für 40 jugendliche Personen errichtet werden. Der Bau einschließlich' der inneren Einrichtung ist aus 100.000 Mark veranschlagt. Von dieser Summe ist bis jetzt die Hälfe von seiten der Gemeinden und einzelner Gönner zur Verfügung gestellt. Für den Herbst ist eine Sammlung zur Beschaffung des Restes der Bausumme geplant. Die Mitteilungen enthalten ferner eine Notiz über den von Herrn Geheimrat Rosin verfaßten O rg an isatio ns entwurf einer israelitischen R e l i g i o II s g e m e i n s ch a f t i n P r e u ß e II. Der D. I. G.-B. enthält sich auch fernerhin jeder Beeinflussung der preußischen Gemeinden und ihrer Verbände, denen zurzeit der Entwurf zur Beurteilung vorliegt. Von dem im letzten Jahre verstorbenen Ausschußinitgliede Theodor MarcuS, der ein Jahrzehnt lang dieFriedrichWilhelm-Victoria- Stiftu n g geleitet hat, ist ein Fonds für solche Klienten dieser Stiftung gespendet worden, die vorübergehend außerstande sind, die Prämie ihrer Lebensversicherung bei der Victoria zu zahlen. Die Montefiore-Stiftung hat zum ersten Male die Prämie ihrer Lebensversicherung an einen Lehrer der Handfertigkeit und des Gartenbaues verteilt. Eine bessere religiöse Fürsorge für jüdische Strafgefangene ist angebahnt worden, indem das preußische Ministerium des Innern, auf die Gesuche des D. I. G.-B. hin, fortan die jüdischen Strafgefangenen jedes Oberlandgerichtsbezirkes in einem einzigen Zuchthause einer Stadt, die Sitz eines jüdischen Seelsorgers ist, internieren wird. Den an die Bundesgemeinden versandten Exemplaren der Mitteilungen ist ein Nachtrag der von Herrn Martin Lebrecht 86u. in Nürnberg bearbeiteten Liste der unter st ützungs unwürdigen Gewöhn h e i t s b e t t l e r beigefügt. Einem Bericht über die Entwicklung des G e s a in t a r ch i v s der deutschen Juden ist zu entnehmen, daß 22 verschiedene Gemeinden wie verschiedene andere Korporationen und Private ihre Akten dem Archiv übergeben, fünf andere die Ueberlassung zugesagt haben. Zwei Großgemeinden stellen Register und Abschriften ihrer Akten zur Verfügung. Ein indirektes Verdienst des Gesamtarchivs besteht darin, daß durch sein Vorhandensein mehrere Gemeinden sich veranlaßt gesehen haben, ihren Aktenschätzen verdiente Aufmerksamkeit zu widmen. — Beachtenswert ist der Beschlußdes Kuratoriums, die Gemeinden aufzufordern, keine Kassation von Akten ohne Befragen des Gesamtarchivs vorzunehmen. Entsprechend vielfachen Wünschen, wird eine Normal-Friedhofsordnung durch Herrn Rechtsanwalt Lebrecht in Leipzig ausgearbeitet. Die Rechnungsablage für 1906 weist manche Verbesserungen gegenüber den Berichten früherer Jahre auf und erleichtert auch dem Laien den Ueberblick über das komplizierte Rechnungswesen des D. I. G.-B. Die Einnahmen und Ausgaben balanzieren diesmal mit 160.000 Mark. Köln. Nach mehrjährigem heftigem Kampfe ist die Orgelangelegenheit zum vorläufigen Abschlüsse gekommen. Alle von der gesetzestreuen Minderheit erhobenen Proteste wurden von der Regierung zurückgewiesen. Der von dritter Seite angebotene Vermittlungsversuch verlief ohne Resultat. Vier Punkte hatte der offizielle Vertreter der Gcsetzestreuen, Rabbiner Dr. Carlebach, als Basis der Verhandlungen aufgestellt: 1. Regelung der Steuerverhältnisse, 2. Regelung der Schechitah-Jnstitution, 3. Reservierung eines beliebig großen Teiles auf dem Friedhof, auf welchem Jssurim nicht zugelassen werden und 4. Vertragschließung auf eine beliebige Anzahl von Jahren. Punkt 1 wurde angenommen. Punkt 2 als unnötig, weil bereits in Ordnung, erklärt. Punkt 3 als völlig indiskutabel deklariert und Punkt 4 verschoben. Da die beiden Vertreter der Orthodoxie im Repräsentantenkollegium, die Herren Dr. med. Ochs und Hermann van Cleef, die Ueberzeugung gewannen, daß man nicht nur Punkt 3, sondern auch Punkt 2 und 4 nicht gesetzlich festlegen wollte, sondern nur den ersten Punkt als aktuell bezeichnete, erklärte Rabbiner Dr. Carlebach es als seine Pflicht, seinen Austritt aus der Synagogengeineinde zu erklären und die Mitglieder der Religionsgesellschaft Adaß Jeschurung zum Austritt aus der Großgemeinde aufzufordern. 40 Mitglieder etwa sind diesem Rufe gefolgt, so daß mit den schon vor zwei Jahren ausgetretenen 30 Mitgliedern der Kehillas Jakauf etwa 70 Steuerzahler der Synagogengemeinde nicht mehr angehören. Unverzüglich wurden Schritte zur Konstituierung einer „Gemeinde" unternommen und in einer Denkschrift soll der Notenwechsel zwischen Synagogengemeinde und Orthodoxie cher Oeffcntlichkeit unterbreitet werden. Hannover. Die israelitische Erziehungsanstalt zu Ahlem versendet soeben ihren Bericht für das Jahr 1905, dem wir folgendes entnehmen: Die Anzahl der Zöglinge betrug Mitte Februar 1905 44 Lehrlinge, 42 Schüler, Mitte Februar 1906 41 Lehrlinge, 53 Schüler. Aus der Schülerabteilung (Kinder bis zu 14 Jahren) sind seit Bestehen der Anstalt 95 Zöglinge entlassen. In der Lehrlingsabteilung sind bis jetzt 126 Lehrlinge ausgebildet worden. Das Mädchenhaus zählte Mitte Februar 1905 31 schulpflichtige Mädchen, 20 Haushaltungslehrlinge; Mitte Februar 1906 29 schulpflichtige Mädchen, 23 Haushaltungslehrlinge. Bon den im letzten Jahre entlassenen Haushaltungslehrlingen fanden 9 Stellungen im Haushalt, 1 Stellung als Kindergärtnerin, 1 Stellung im Geschäft. Die Anstaltsgebäude sind nunmehr, abgesehen von der noch fehlenden Turnhalle, in einem solchen Umfange hergestellt, daß für eine längere Reihe von Jahren voraussichtlich keine neue Bauten mehr unbedingt nötig sein werden, wenngleich es auch der Wunsch aller Kenner der Verhältnisse ist, daß das alte Knabenhaus vollständigniedergelegt und durch einen Neubau ersetzt würde. Mit Genugtuung ist zu konstatieren, daß sich die jährlichen Beiträge im Jahre 1905 auf 30.4001 Mark (gegen 20.500 Mark im Jahre 1904) gehoben haben; und daß für das Jahr 1906 eine weitere nicht unbeträchtliche Steigerung in Aussicht steht. Die einmaligen Spenden haben außer von für einen Neubau eingegangenen 20.000 Mark, 16.200 betragen (gegen 6700 Mark im Vorjahre).

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