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Die Wahrheit · 1906-07-06 · Heft 26 (6.7.1906) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 26 (6.7.1906)
Date
1906-07-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
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fa. 26. Seite 9. Die SBatu'lieu New-Uork. (Panik im Newyorker Ghetto.) Im Newyorker Ghetto herrschte vor kurzem eine Panik infolge des Gerüchtes, daß dort ein allgemeiner Progroni nach russischem Muster bevorftehe. Einige Kcuder der Volksschulen waren seitens der städtischen Aerzte Halsoperationen unterworfen worden, um die Wucherungen in den Nasenwurzeln zu entfernen, daraus einstand das Gerede, alle Kinder sollen operiert werden, worauf die Mütter jchaarenweise den Schulen zustürmten, um ihre Lieblinge zu retten. Ein irischer Gasarbeiter bemerkte cynisch. allen jüdischen Kindern sollten die Hälse abgeschnitten werden, worauf der Mob einen Lynchjustiz- Versuch unternahm. Erst einem Massenaufgebot von Polizei gelang es mit größter Mühe, die Ruhe wieder herzustcllen. Tausende durchzogen die Straßen und riefen, die Juden sollten sich gegen die Angriffe bewaffnen. Aer Weschurnrned. Von Martha Wolfenstein in Cleveland. Uebersetzt von Doktor Wolfen st ein- Znaim. (Fortsetzung., Es ist ein Unsinn zu versuchen, mit dem Kopfe gegen eine Steinwand anzurennen. Widersinn, sage ich, reiner Widersinn! Und ich kann meine Stellung, mein Einkommen, meine Bequemlichkeit, meinen Wohlstand, meine Hoffnung, meine Zukunft nicht opfern, ebensowenig wie meinen Ruf. Du kannst Dir gar nicht vorstellen, welche gesellschaftlich hohe Stellung ich anstrebe — und dies verlieren für eine leere Form. Als Jude kann ich in Wien mir nicht das Salz aufs Brot verdienen. Umsomehr, als mein geliebter Freund und Wohltäter, der Gras Neichenberg, immer wieder verhöhnt wird, daß er einen Inden protegiert, und müßte er mich meinem Schicksale überlassen, wenn ich nicht konvertiere. Und tausendmal lieber tot, als wieder zurück ins Ghetto! Es ist gänzlich erfolglos, mich abreden zu wollen. Die ersten Schritte find bereits getan. Gott helfe Dir, diese Sache im rechten Lichte zu sehen. Wir sollen trotzdem, teuerste Mutter, zusammen glücklich leben bis 100 Jahr. Erinnerst Du Dich noch, wie Du gelacht und Dich gewundert hast, daß die Gräfin ihr Frühstück im Bette eingenommen hat? Du sollst leben, wie die Gräfin, Mutter, sollst haben eine eigene Magd zu Deiner Aufwartung, zur Stütze Deiner müden Beine bei jedem Schritte, und seidene Kleider und eine neue SabbathHaube für jede Woche des Jahres. Schreibe mir, daß Du mir vergibst und noch immer liebst Deinen bis in den Tod getreuen Perey. P. S. Briefe für midi sind zu adressieren an Pater Ignaz Becken im Benediktiner Kloster." Diese Nachrichten verbreiteten sich in der Gasse wie ein Lauffeuer. Die jüngeren Leute zuckten die Achseln, blinzelten und blickten verschmitzt. „Waih!" jammerten die Alten, indem sie ihre Hände rangen: „Ein Verräter in Israel. Arme Schedel." Der Doktor sagte, es wäre keine Hoffnung für die alte Frau. Sie wollte weder Speise noch Trank zu sid) nehmen und lag tagsüber in einer tiefen Lethargie. Am siebenten Tage nack) ihrer Erkrankung kam ein zweites Schreiben. In Angst und Sorge, doch halb in Hoffnung, sie zu erwecken, faßte der Doktor ihre Hand und sagte: „Frau Schedel, hier ist ein Brief für Sie." Schedel öffnete sogleich ihre Augen. „Hat er es doch nicht getan?" wimmerte sie mit leiser Stimme. „Lesen Sie, lesen Sie!' Der Brief enthielt bloß einige Zeilen und ein Geldstück von zehn Gulden. Der Doktor legte Brief und Geld in ihre Hand. Schedel öffnete langsam ihre Hand und schaute matt und mit trüben Angen aus das Geldstück. Dann plötzlich setzte sie sich mit einem Aufschrei im Bette ans. „Von ihm!" schrie sie mit schriller Stimme. „Glaubt er, daß er (der Gras) mich erkaufen könne, wie er ihn erkauft hat um ein Geldstück?" Und sie schleuderte das Geldstück mit solcher Kraft von sich, daß es durch das Fenster durchschlug und aus das Straßenpflaster fiel. Die Nachbarn standen um sie herum, ihres Sterbens gewärtig; die Freunde weinten, die „frommen Weiber" waren in Bereitschaft. Doch am Abend begannen die Falten auf der Stirne des Doktor sich zu glätten, denn Schedel öffnete die Augen und sagte: „Warum sitzen Sie hier, Herr Doktorleben? Auf meinen Tod zu warten? Ich werde noch nicht sterben." „Es geht ja zu Ende mit Euch," entgegnete der Doktor. ..Ich sage Ihnen, ich will leben," versicherte Schedel. ..Sie will leben," sagte der Doktor und ging heim in sein Bett. Er hatte kaum die Türe geschloffen, als Schedel zu der Frau, welche bei ihr wachte, sagte: Beleleben, bring mir das Geldstück." Das Weib gab ihr die Münze und Schedel legte sie unter das Kopfkissen. Am nächsten Morgen frühstückte sie Milch und Brod. Jeden siebenten Tag kam fortan ein Schreiben mit einem Geldstück und mit jedem neuen Geldstück schien Schedel an Kraft znznnehmen. Dennoch wurde sie täglich magerer und blasser; nur ihre Augen schienen noch zu leben und strahlten eine strenge, wilde Energie aus. Sie bewahrte die Münzen sorgfältig in einem alten Seidenbentel, und wenn sie daraus schaute, sprach sie leise und schien höhnisch auflachen zu wollen, daß jeder erschrack. der dieses Lachen hörte. Sie, die jede ihr während der Zeit ihrer bittersten Not angebotene Hilfe stolz abgelehnt hatte, lebte jetzt von Suppen und Armenschüsseln, welche ihr die Nachbarn schickten. „Lasst mich Dir ein Stückdien gebratenes Fleisd) kaufen," drängte sie eines Tages ihre Nachbarin Bele. „Du hast es bei Deiner Hinfälligkeit nötig." „Hab idi Geld aus gebratenes Fleisd)?" erwiderte Schedel erstaunt. Bele wurde gan; rot vor Aerger. „Hast Du nicht Deine Tasche gehäuft voll mit Geld, so daß man das Klingen der Münzen eine Meile weit hören kann? Sdiedel sah sie einen Augenblick ruhig an, dann sagte sie : „Wenn ich in den letzten Zügen auf der Gaffe liegen würde und jemand mir sagte: Du kannst um einen Pfennig dieses Geldes einen Tropfen Wasser kaufen und Dein Leben retten, ich würde es nicht kaufen." „Würde es einer glauben," sagte das Volk verächtlich, „daß Sdiedel einen solchen schmutzigen Geiz entwickeln würde." „Es entwickelt sid) eine solche Filzigkeit nicht über Nacht," sagte Dr. Pinkus. Dies iit irgend eine Querköpfigkeit bei Sd)edel; sie plant irgend etwas." Am Morgen, nachdem das sechste Geldstück angelangt war, erwadite die Gaffe mit der merkwürdigen Neuigkeit, daß Schedel weggereist und ihr Hans verschlossen sei. Zwei Wochen später drängte sich eine hagere, von der Reise sichtlich ermüdete Frau durd) eine dichte Menschenmenge in das Eingangstor der St. Stephanskirche in Wien. „Bist Du sicher," fragte sie den Jndenjnngen. der sie hieher an der Hand geführt hatte, „daß jener junge Mann, der heute getauft werden soll, der Neuer ist? Das muß ein Irrtum sein." „Soll ich dies nicht genau wissen, wenn seit einem Monate von nichts anderem gesprochen wird? Glaube ja nicht, daß mir seinetwegen soviel Leute gekommen sind; bloß nur seit dem letzten Monate, als das alte Gesetz wieder in Wirksamkeit getreten ist, 'und uns Juden der Erwerb von Grund und Boden verboten wurde, haben sid) drei Judenbengel taufen lassen und nicht ein Hahn hat nad) ihnen gekräht, dieses Volk da ist gekommen, den Kaiser zu sehen. Der Kaiser selbst ist Taufpate, zu Ehren des Freundes des Täuflings, des Grasen Reichenberg. Solch eine Sache ist bisher nicht vorgekommen. Meine Mutter sagt, sie wisse nicht, ob dies eine Ehre oder eine Schande für die Inden sei. Einerlei, es wird ein seiner Anblick sein." Und der Knabe, angeeifert durch ein ferneres Versprechen von zehn Kreuzern, begann mit den Ellbogen sid) einen Weg durch die Menge zu bahnen und schleppte die alte Frau mit sich bis zur Kaiser-Kapelle, wo die Zeremonie vorgenommen werden sollte.(Fortsetzung folgt.) Wöll-u. Seidenklei der reinigt man am besten mit Schichte Schwanseife (feste Kaliseife) sehanlti'weiSSWASCHE

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