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Die Wahrheit · 1906-07-06 · Heft 26 (6.7.1906) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 26 (6.7.1906)
Date
1906-07-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 26. du gerungen mit kleinen und mächtigen Gegnern und sie. alle besiegt hast. Dein letztes Wort galt der Verteidigung deiner unglücklichen russischen Brüder, wie auch gegen jene semitischen Antisemiten, die das Wort Gottes dem Munde unserer Nachkommen zu entreißen suchten. Dein Andenken sei gesegnet für alle Zeit! J. Chiel. Eduard v. Hartman» und fein Uerlsältnis nun Judentum. Unter vielstimmigem Chorus von Nachrufen fand die Beisetzung Eduard v. Hartmanns statt, aber wie wenig übereinstimmend die Urteile über seine Bedeutung lauteten, das zeigen die beiden in der „Neuen Freien Presse" in kurzer Aufeinanderfolge erschienenen Artikel wohl am drastischesten. Der erste, von Freiherrn v. B erger verfaßt, schließt mit folgendem Satze: „Er war ohne Zweifel ein vornehmer und feiner, kenntnisreicher und tiefgebildeter Geist und ein eleganter Schriftsteller. Aber mit dem Namen Schopenhauer darf sein Name durch ein koordinierendes ,und^ nicht zusammengekoppelt werden." Ganz anders, Professor Ludwig Stein im zweiten Artikel der. „N. Fr. Pr."! Dieser nennt ihn einen „königlichen Geist" — und er denkt dabei nicht an einen Zaunkönig — eine „literarische Majestät", und seine Schlußworte lauten: „Wir winden ihm unseren Kranz der ehrfürchtigen Anerkennung seines philosophischen Genius." Bon ganz besonderer Pikanterie ist es, wenn Professor Stein unter anderem schreibt: „Nur für das profane Auge des Außenstehenden, des Zaungastes der Philosophie, ist Eduard v. Hartmann noch der Philosoph des Unbewußten," und dann seine neueren, im letzten Jahrzehnt geschriebenen Werke herzählt, die ihn zum Range des ersten Gelehrten Deutschlands, vielleicht der ganzen Welt erheben. Dem Herrn Baron Berger, dem ehemaligen Professor und nunmehrigen Theaterdirektor in Hamburg. ist sonach blutige Ignoranz vorgeworfen und er ist mit ein Zaungast zwischen Krethi und Plethi, da er Hartmann lediglich auf der Basis seiner Philosophie des Unbewußten behandelt und ihn kritisiert, ohne die mindeste Kenntnis seiner anderen genialen Werke zu verraten. Hätte Professor Stein ahnen können, gegen wen sich dieses scharfe Urteil zu allererst kehren und daß die Bombe im eigenen Hause platzen werde, sie wäre nicht geworfen worden, denn Stein ist sonst von äußerster Courtoiste, selbst gegen Leute, die dem Volke, dem er entstammt, mit größter Ungebührlichkeit begegnen. Da ist nämlich beispielsweise der Antisemit Houston Stewart Chamberlain, den die Gelehrtenwelt nicht ernst nimmt und für einen Charlatan hält, aber Professor Stein kreuzt mit ihm die Kliuge in ritterlicher Fehde. Dieser moderne Strauchritter hat seinen „Grundlagen des XIX. Jahrhunderts" eine Schrift gegen die Deszendenztheorie folgen lassen und zeigt nicht übel Lust, die Menschheit des köstlichen Erbes und Schatzes zu berauben, mit dem sie Darwin bedachte. Chamberlains tiefe Abneigung gegen die Evolutionslehre ist erklärlich, wer wird denn zugeben können, daß die nichtsnutzigen Semiten und die von Oddhin in Walhalla abstammende Edelrasse der Germanen nur verschiedene Zweige eines gemeinschaftlichen Stammbaumes seien? Professor Stein hat sich den Weisheitsschatz aller Zeiten und Völker angeeignet, aber er besitzt auch Schätze gemünzten Goldes, er ist — Millionär. In der Atmosphäre solch geistiger und materieller Ueberkultur entstehen leider oft dekadent perverse Triebe, und die Vermutung, daß dem so sei, daß der Professor für die blonde Bestie Chamberlain eine zärtliche platonische Neigung gefaßt, wird zur Gewißheit, wenn man sein Verhalten gegen Herbert Spencer beobachtet. Da ist nichts von jener höfisch höflichen Ausdrucksweise wie Chamberlain gegenüber zu merken, nichts von byzantinischen Lobhudeleien, wie sie Hartmann, dem Semianlisemiten gespendet werden, denn Spencer war ja der große Apostel der Freiheit und Gerechtigkeit; kein breserkerwütiger Pseudogelehrter, sondern ein zahmer Verkündiger und Prediger der höchsten Kulturideale. Darum rasch ihm oberflächliches, selbstgenügsames Autodidaktentum vorgeworfen und manch anderes am Zeug geflickt! Das Wort ist gefallen, wir haben Hartmann, den de Arier Baron Berger nicht sonderlich hoch stellt, den Stein hingegen dithyrambisch verhimmelt, einen halben Antisemiten genannt und müssen dies rechtfertigen. Vorerst noch die Bemerkung, daß der Fluch der Halbheit auch in der Judenfeindschaft sich stark ausprägt und daß Chamberlain, als offener Judenfresser beinahe weniger Antipathie einflößt, als Hartmann, welcher vorgibt, ein Philosemit zu sein und dann den ganzen Heerbann an hirnverbrannten, jahrhundertealten Beschuldigungen aufbietet, um sie wie die Hooligans gegen das Judentum zu mobilisieren. Ja, noch mehr! Er warf neuen Zündstoff in die Massen und prägte das Schlagwort von „Wirts- und Gastvölkern", indem er erklärte, es gäbe kein Volk der Erde, das nicht bitter und schwer bereut, die Juden gastfreundlich ausgenommen zu haben. Dies alles und noch viel mehr ist in seiner im Jahre 1882 erschienenen, 200 Seiten umfassenden Broschüre „Das Judentum in Gegenwart und Zukunft" zu finden. Darin steht auch zu lesen, daß die Juden die Presse beherrschen und daß sie ihren Weltherrschaftstraum zu verwirklichen trachten, daß sie nur ein Stammesgefühl, aber keines der Znsammengehörigkeil mit ihren Wirtsvölkern empfinden; sie bestächen, heißt es ferner darin, ihre Verteidiger und er, Hartmann, sei ihr einziger unbezahlter Fürsprecher, wenn er auch in ihrem Interesse dafür wäre, daß man ihre Emanzipation wieder anfhöbe und ihnen den Zutritt zu den Staatsämtern verwehre. Die Juden sollen entweder zum Christentum übertreten, (!) oder Gläubige der von ihm begründeten „Jmmaneuzreligion" werden. Dieser schon von Martin Luther unternommene Versuch, die Juden zu konvertieren, ruft unwillkürlich die Erinnerung wach andie zornigen, an Lavater gerichteten Worte Goethes, als der protestantische Theolog Moses Mendelssohn zum Uebertritt zu bewegen suchte: „Schade, daß die Natur nur ein en Menschen aus dir schuf, denn zum ehrlichen Mann, wie zum Schelmen langte der Stoff." Die Juden, behauptet Hartmann ferner, könnten in ihrer gegenwärtigen Verfassung nur Talente, aber kein Genie hervorbringen und er führt zum Beleg hiefür keinen Geringeren als Spinoza an: „So lieferte der portugiesische Jude Spinoza in den protestantischen Niederlanden die Synthese zwischen dem Kartesianismus und dem Pantheismus Brunos und verband diese mit der Scholastik seiner spanischen Vorgänger." Nach dieser merkwürdigen Definition des Begriffes Genie dürften wir auch Shakespeare nicht als solches ansprechen, da er den Stoff zu seinen Tragödien zumeist alten Chroniken entlehnte. Wäre diese Kritik eines Spinoza nicht so lächerlich, sie verdiente blasphemifch genannt zu werden. Goethe und Lessing verehrten Spinoza in ekstatischer Weise und Laurenz Müller leitete seine Gedenkrede auf Spinoza mit den Worten ein: „Großer, ja heiliger Benedictus!" Aber wir haben einen anderen Gewährsmann sür die Lächerlichkeit der Hartmannschen Behauptung, der sei kein Genie, der sich die Sache nicht original aus den Fingern sauge, und dieser Gewährsmann ist — Professor Stein. „O, wackerer Professor Stein," denkt der Leser, „so müssen wir dir Abbitte leisten, denn du bist doch nicht so ganz ein Stein des Anstoßes für deine Glaubensgenossen. Du machst der Juden und Spinozas Sache zu deiner eigenen." Weit gefehlt! Professor Stein nimmt sich nur wieder Hartmanns an und verteidigt ihn in glänzender Weise gegen — Hartmann selbst. Die Stelle lautet: „Man schalt v.. Hartmanns Weltanschauung vielfach Elektizismus. Und er selbst gibt uns die naive Selbstcharakteristik, „„sein System sei eine Synthese Hegels und Schopenhauers unter enschiedenem Uebergewicht des ersteren, vollzogen nach Anleitung der Prinzipienlehre aus Schellings positiver Philosophie und des Begriffes des Unbewußten aus Schellings erstem System. Das vorläufig noch abstrakte Ergebnis ist alsdann mit dem Leibniz'schen Idealismus und dem modernen naturwissenschaftlichen Realismus zu seinem konkreten Monismus verschmolzen."" Die Ingredienzien seines Dankes sind hier in ehrlichem Selbstbekenntnis wiedergegeben. Wenn man ihm daraus einen Strick drehen und sein System Elektizismus schelten will, so halte man sich vorerst gegenwärtig, daß ein ganz ähnliches

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