Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 26 (6.7.1906)
- Date
- 1906-07-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 26. Leite 5. Die Wahrheit. üblichen hielt, und der die Parole ausgab, den ersten politischen Verein für Galizien, „Schomer Israel", behufs Wahrung jüdischer Interessen. Verteidigung der konstitutionellen Rechte und Belehrung unseres Volkes über dessen Rechte und Pflichten, .im Jahre 1867 in Lemberg zu gründen. Wir gingen damals von der richtigen Idee ans, daß unsere Judenfeinde in Galizien gewiß nicht rasten und nicht ruhen werden, bis sie diese herrliche Gabe uns strittig machen werden, was natürlich bis heute — 40 Jahre lang — geschieht. Dieser unbewußt nationaljüdische Gedanke traf auf ein empfängliches, konservatives, jüdisches Element, während die fortgeschrittensten Elemente sich unserer Sache gegenüber kühl verhielten. Bei alledem vereinigten wir doch eine Anzahl junger Advokaten, wie Dr. PH. Ma nsch, Dr. H. Gottlieb Goldberg u. a. m., später traten der selige Dr. Emil Byk, Apotheker Sigmund Rücker, Piepes, Doktor Landesberger, Hönigsmann und viele Andere bei. Unsere nationale Arbeit begegnete dem lebhaftesten Widerspruch seitens der polnischen Presse, besonders der „Gazeta narodowa“. Brandartikel folgten einander auf dem Fuße,- die die maßlosesten Verdächtigungen und Verunglimpfungen der Zydze emancypiwany unter dem Titel: „Die Eroberung der Welt durch Juden", „Inden und die Kahale" enthielten, ferner blutrünstige Artikel mit dem Schlagworte: ..Kampf gegen die Juden auf ökonomischen Gebiete". Diese verhängnisvolle Parole bildet noch heute das Alpha und Omega der Polen gegenüber den Juden, die wohl nicht die Großkapitalisten, aber den ganzen Mittelstand und das Kleingewerbe trifft und tausende Familien aus dem Lande jagt. Dr. Emil Byk befand sich schon zu Beginn der Achtzigerjahre gemeinsam mit Dr. Mansch im Ausschüsse des Vereines „Schomer Israel" und in der Redaktion des „Israelit". Der Haß dex Polen und die Mißgunst derselben gegenüber den Neubürgern, die nunmehr ihre konstitutionellen Rechte und ihre Vertretung jn .den parlamentarischen Körperschaften verlangten, stieg immer mehr und wurde auch alles unternommen, um dieselben, so gut es nur gehen konnte, aus denselben zu verdrängen. Als im Jahre 1873 über Antrag und Vermittlung des Administrators des Vereines ein Zusammengehen der Juden mit den Rnthenen vereinbart wurde, war Dr. E. Byk ebenfalls im Beratnugskomitee, und wurden den Rnthenen hiedurch 23 Mandate ermöglicht. Leider hatte diese Kombination für uns nicht dieselben glänzenden Resultate aufzuweisen. Auch an der Arbeit gegen die Sonderstellung Galiziens nahm der Verblichene Anteil. Es darf nicht verschwiegen werden, daß die Polenblätter in allen Schattierungen gegen den „Schomer Israel" und gegen Dr. Byk in unflätiger Weise auftraten, aber ungeachtet dessen suchte er sich auf eine neue Art dem jüdischen Wohle dienstbar zu machen. Im Jahre 1878 stellte Dr. Breier im Vereinskomitee den mit Beifall aufgenommenen Antrag zur Einberufung eines galizisch-jüdischen Gemeindetages und Errichtung eines galizischen Gemeindebundes, wobei der Löwenanteil der Arbeit Dr. Byk zufiel. Hier beginnt leider ein neues Kapitel jüdisch-galizischer Geschichte, welches unserer national-jüdischen Arbeit Halt und Umkehr gebot. Der so glänzend durch Dr. Byk inaugurierte I. Gemeindetag. in den Sälen des gräflich Skarbffchen Gebäudes und in den Bänken des Landtages, verlief anfangs ganz glatt. Dr. Byk leitete die Versammlung mit einer sinnreichen Rede ein und mahnte zur Eintracht mit dem.Motto: „Groß allein, .größer im Verein, stark allein, stärker im Verein." Nun lautete Punkt 4 der Tagesordnung: „Errichtung eines achtklafsigen Proseminars." Dieser ehrlich und gut gemeinte Antrag rief einen großen Sturm hervor, welcher von dem Winkelschreiber Maryosches, dem Adlatus des Belzer Zadik angestiftet Wurde. „Wir selber," rief dieser Fanatiker in die Versammlung, „sollten für unser Geld a galchifche Schule machen?" Hiezu ka.m noch der stumm geführte persönliche Streit zwischen Rabbiner H. O r u st e i n und Prediger L ö w e n st e i n über die künftige Leitung dieses Lehrinstitutes, und so wurde dieses Projekt zum Stein des Anstoßes, an welchem der I. Gemeindetag und mit ihm die feste Säule unserer Arbeit, die Solidarität der galizischen Juden, zerschellte. Das Rabbiner-ProseMtnar konnte nicht in Angriff genommen werden und eine Viertelmillion Gulden wurde auf ganz nutzlose Weise verzettelt. Dieser Verlust führt aber zu einem noch greifbareren, zum politischen Schisma. Die Partei der Ghettojnden unter der Führung des Winkelschreibers Samuel Maryosches stellte sich als wahre altpolnische Juden auf und trat allen politischen und jüdischen Aktionen hindernd entgegen. Nach dem bewährten Sprichwort los sxtrsniZ 8s touchent traten junge Leute, meist Gymnasial- und wenige Hochschüler, unter der Führung des Warschauer Emigranten, des Journalisten G o l d m a n n, zu einer antischomeristischen Liga zusammen und begründeten die verhängnisvolle Assimilationspartei, welche jahrelang alle unsere politische und nationale Arbeit kreuzte. Da zeigte sich nun Dr. B y k als kluger Politiker, welcher im Bewußtsein seines Talentes und seiner Nutzmöglichkeit für die Gesamtheit einen Ausweg aus dieser Scylla und Charibdis suchte und fand. Er lehnte sich teils an die Goldmann'fche Clique an, hielt sich aber die Tradition des „Schomer Israel" stets vor Augen. Dabei erklomm er die höchsten Stufen bürgerlicher Ehre. Vom Vereinssitze aus nahm er den Präsidentenstuhl der Knltusgemeinde ein, dann gelangte er in den Gemeinderat und in den Reichsrat, was ihn nur mehr aueiferle, für die jüdische Sache zu arbeiten. Indes erreichte die Goldmann'sche Richtung ihren Höhepunkt. Die Assimilation mußte jedem denkenden Menschen als die Selbstmörderin im jüdischen Lagererscheinen und ihre Gemeingefährlichkeit veranlaßte eine heftige Gegenströmung. Der Zionismus trat als erlösende Richtung auf und erwärmte die erstarrten Assimilationsglieder im galizischen Israel. Das Haupt derselben ist nun in den Staub gesunken — wenn auch in Ehren — aber im Herzen dämmerte ihm das Gefühl, daß er sich zuweit von dem jüdischen Lager entfernt habe und er trat dem Vereine zur Verbreitung des hebräischen Studiums bei. Nur noch ein Wort über die konkreteren Taten Doktor B y k^s. Sein ordnender Geist ordnete auch die Verhältnisse in der jüdischen Gemeinde. Er baute ein herrliches Haus für die Gemeinderepräsentanz, würdig eines Staatsamtes im Reiche Juda, er inaugurierte die neugegründete jüdische Bibliothek und begrüßte sie mit flammenden Worten. Ihm war es auch vergönnt, die Einweihung des Prachtspitals und des erweiterten jüdischen Waisenhauses, leider aber nicht seinen Plan, die Errichtung eines zweiten modernen Tempels und einer Synagoge zu inaugurieren. Nicht unerwähnt darf seine geräuschlose Tätigkeit bleiben, welche er als Reichsratsabgeordneter entfaltet hat, um auf gouvernementalem Wege gar vielen jüdischen Staatsbeamten die Karrieren zu erwirken, die politisches, religiöses und nationales Vorurteil ihnen vorenthielt. Leider konnte er nicht verhindern, daß diese Clique, der er seine Kräfte geliehen, Massenelend über die Juden Galiziens brachte, mit der Errichtung und Subventionirung von Koika rolnieze, mit der Schädigung durch das Salzmonopol?c. Er konnte auch die Hunderten Ehikanierungen nicht wettmachen, welche von terroristischen, landesfürstlichen und autonomen Behörden verübt wurden: den stillen, aber weitreichenden Boykott gegen die Juden, die Zwangstaufen der jiidischen Mädchen, die Judenreinheit in allen autonomen Behörden. Das alles gehört zum Bilde polnischer Gesinnungsgenossenschaft. Küsse auf die Lippen — Stöße in die Rippen. Nicht allein die jüdischen Kreise empfinden den schmerzlichen Verlust, welchen wir Juden durch den Tod eines so großen Sohnes unseres Volkes erleiden, sondern auch die polnischen Volksführer und ihre parlamentarischen Körperschaften; denn sein glänzendes Talent leuchtete ihnen in die dunkelsten Partien ihres nationalen Strebens. Er war ihr Arbeiter, sie die Herren der Situation und wir die Nachseher. Dieser Doppelverlust gestaltete auch seinen Tod zu einer Apotheose für den Mann, welcher die schönsten Jahre seines Lebens für die Gesamtheit gearbeitet hat. Dr. Emil Byk! Aus deinem Herzen und deinem Gehirne pflegten Engel auf- und niederzusteigen. Die Leiter liegt nun gebrochen, deine Herzenskinder huschten von dannen, allein dein Andenken wird uns immer treu bleiben als wahrer Jakob, der