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Die Wahrheit · 1906-07-06 · Heft 26 (6.7.1906) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 26 (6.7.1906)
Date
1906-07-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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«MAWWMWWM Seite 4. Die Wahrheit Nr. 26. Wenn auch manche öffentliche Kundgebungen darauf Hinweisen, daß Ausschreitungen des rohen Antisemitismus in weiten Kreisen der Wiener Intelligenz verabscheut und verurteilt werden, so macht dennoch die Herrschaft der Lueger-Partei immer weitere Fortschritte und nunmehr ist auch der letzte kommunale Vertretungskörper, in welchem die Fortschrittlichen bisher Majorität besaßen, die Bezirksvertretung im zweiten Bezirke, in Besitz der Antisemiten gelangt. Infolge der hyperklugen Taktik der Liberalen wurden die Bezirksräte ihrer Partei und unter diesen auch der bisherige Bezirksvorsteher N i e b a u e r zuy Mandatsniederlegung veranlaßt. Bei der am 3. d. M. erfolgten Neuwahl wurde nun der antisemitische Kandidat an Stelle Niebauers gewählt, und mit diesem Mandat gewinnt die christlichsoziale Partei die Zweidrittelmajorität in der Bezirksvertretung. Besonders eifrig an der Wahlagitation beteiligten sich katholische Geistliche, die in diesem von Juden stark bewohnten Bezirke offen den Judenhaß predigen. * * * Ein wohltuender Gegensatz zu diesem Wahlbild wird uns aus Znaim berichtet: Bei den letzten Wahlen in den Gemeinderat der autonomen Gemeinde Znaim ist im ersten Wahlkörper das Mitglied des Kultusausschusses, Herr Brauereibesitzer Rudolf W o t z i l k a gewählt worden, der erste Jude seit Znaim besteht. Der Wahlkampf war sehr heftig zwischen der liberalen Ratspartei und den Deutschvölkischen, welche alle Hebel in Bewegung setzten, daß ja nicht der Jude in den deutschen Gemeinderat einziehe. Eine Episode ist merkwürdig genug, um besonders verzeichnet zu werden. Unter den Zettelverteilern wetteiferte ein Jude mit einem Deutschvölkischen. Da kamen zwei Geistliche zur Wahl und der Jude bot ihnen den liberalen Zettel an. Der Arier war entrüstet. Aber Hochwürden sprach er, Sie werden doch nicht von einem Juden einen Zettel annehmen! — Warum denn nicht? war die Antwort, der Jude hat doch Religion, Sie aber keine — tableau! Und während die Juden im ersten Wahlkörper nur über etwa 100 Stimmen verfügten, erhielt Herr Wotzilka 375 Stimmen, ein Zeichen seiner Beliebtheit auch unter den — Ariern! ❖ Ein interessanter Nachtrag zur Bukarester Reise des Wiener Bürgermeisters wird aus Budapest gemeldet. Das rumänische Ministerium des Aeußern forderte nämlich die Bukarester Vertreter jener Länder, die an der Ausstellung mit eigenen Pavillons teilnehmen, auf, diejenigen Männer zur Auszeichnung zu unterbreiten, die sich um das Gelingen der Ausstellung besondere Verdienste erworben haben. Diese Aufforderung ging auch dem österreich-ungarischen Generalkonsul Rudolf v. W o d i a n e r zu, der sich beeilte, eine Liste der verdienstvollen Industriellen, Kaufleute, Ingenieure, Architekten rc. zusammenzustellen. An der Spitze der Liste stand jedoch — Dr. Karl Lueger, der Bürgermeister der Stadt Wien. Im Ministerium des Aeußern machte man große Augen, da man nicht begreifen konnte, inwieweit Dr. Lueger sich an der Veranstaltung der Ausstellung hervorgetan habe. Und als man nach langem Deliberieren zu dem Schluffe gekommen war, daß sich Lueger für die Ausstellung nicht besonders exponiert habe, da wurde sein Name einfach gestrichen und das österreichisch-ungarische Generalkonsulat in einem höflichen Schreiben mit dem Zusatze verständigt, daß Herr Dr. Lueger im Interesse der Ausstellung nicht nur nichts geleistet, sondern im Gegenteil durch sein taktloses Benehmen Rumänien beinahe iu einen Konflikt mit Ungarn verwickelt habe, und es habe nicht viel gefehlt, daß der ungarische Pavillon geschlossen worden und die Mitglieder des ungarischen Komitees abgereist wären. * # * Londoner Meldungen aus Paris besagen, KönigEduard habe an den Zaren eine Depesche gerichtet, in welcher er seinem Bedauern über die grauenvollen Vorgänge in B j e l 0 st o k Ausdruck gab und zugleich aus die große Entrüstung hinwies, welche dieselben in der ganzen zivilisierten Welt hervorgerufen haben; er wünsche im eigensten Interesse des russischen Reiches und seiner Stellung unter den europäischen Mächten,'daß diesem unmenschlichen Gemetzel ein für allemal ein Ende bereitet werde. Die Richtigkeit dieser Nachricht ist' wohl offiziell bisher nicht bestätigt worden, hingegen wird eine andere Meldung aus London mitgeteilt, die über jeden Zweifel erhaben ist und die die hohe Achtung des englischen Königs vor jeder Religion und deren Träger bezeugt. König Eduard hat nämlich in den letzten Tagen eine bemerkenswerte Aenderung des Hofzerenwniells zugunsten der Juden verfügt. Während bisher jede Cour am Freitag abgehalten wurde, hat die dritte Cour dieser Saison Donnerstag den 28. Juni stattgefundeu. Mit dieser Aenderung ist der Zweck verknüpft, düm Rabbiner und der jüdischen Gemeinde die Teilnahme an den Hoffestlichkeiten zu ermöglichen, von denen sie bisher durch die strenge Beobachtung des Sabbath ausgeschlossen waren. Diese Anordnung des Königs wird für eines der wichtigsten gesellschaftlichen Ereignisse der Saison erklärt. Dr. Emil Dyk. Ein glänzender Stern am Himmel der galizischen Judenheit hat seine Laufbahn vollendet und gerade an dem Tage, da ein hervorragender Parlamentarier seine antisemitische Gesinnung dadurch bekundete, daß er unsere unglücklichen jüdischen Brüder in Rußland, welche in bestialischer Wildheit zerrissen und von europäischen tartaroflavifchen Menschenbestien hyänenartig vernichtet werden, mit den schnödesten Vorwürfen im Parlamente überschüttete, ist der Tod rasch an ihn herangetreten. Dr. Emil Byk, der vor 15 Jahren nach schwerem Wahlkampfe von Lemberg nach Wien eilte, um als Sieger die Tribunenlaufbahn zu be? treten, ist nun als entseelter Kämpfer im engen Schreine an die Ausgangsstelle und Endstation seines öffentlichen Wirkens zurückgekehrt; allein nicht als Besiegter, nicht unter dem Schilde, sondern auf seinem glänzenden Schilde, der so oft von den Geschossen der Feinde, ja selbst von denen treuer Freunde durchbohrt . ward, wurde er unter seltenstem Leichengepränge der Mutter Erde wiedergegeben. Die Tagespresse verkündete sein Lob in uneingeschränkter Weise, die sonst abgefeimtesten polnischassemitischen Blätter sangen ihm Lobeshymnen und priesen ihn sogar als pater patriae. Verharren wir noch einen Moment bei seiner Beisetzung in Lemberg, da kann man .wohl mit der Bibel fragen: dk nbK jiniai vnnn 82 mtos Ist ein derartiger Tod auch der gewöhnliche Tod aller Sterblichen? Gewiß nicht! Und aus der imposanten Erscheinung, daß so ungezählte Menschenmassen hinter seiner Bahre sich bewegten, daß Männer von höchstem Rang und Stand, allmächtige Christen, in deren Hand das Geschick von Millionen liegt, seinen irdischen Ueberreften folgten, ist wohl kein anderer Schluß zulässig, als daß auch sein Leben ein ganz anders geartetes war, als das eines Andern in gleich hervorragender Stellung. Dieses Leben wollen wir nun in groben Umrissen zu zeichnen versuchen. Dr. Emil Byk, der Sohn reicher Eltern, diedem Fortschritte huldigten, dessen Wiege in Tarnopol stand, . der ersten jüdischen Gemeinde Galiziens, die durch Gründung der ersten jüdischen Volksschule dem Fortschritte ihren Tribut entrichtete, beendete seine juridischen Studien in Lemberg noch unter deutschen Hochschulprofessoren. Hier lebte er im Kreise seiner lebenslustigen Freunde und Kollegen, dann praktizierte er in der großartigen Advokaturskanzlei des Dr. Clemens Kolischer und kam mit den hervorragendsten christlichen und jüdischen Kreisen in Kontakt. Die Konstitution und Emanzipation der Juden Galiziens wurde zur Tatsache, und die intelligenten jüdischen Kreise huldigten damals dem extremsten Fortschritt, der sehr oft an den Ausschritt mahnte. Wer dachte nach dem Auszug der Juden aus dem Ghetto daran, sich noch aneinander zu schmiegen und das Gefühl der Solidarität zu pflegen? Nur noch die Synagogenbesucher hielten diesen uralten Gedanken aufrecht — sehr sporadisch die Fortschrittspartei — und nur der Tempel, welcher 1844 erbaut wurde, brachte die damaligen spröden Elemente unter eine Decke. Und doch fand sich einer, welcher dem Gedanken lebte, die Solidarität wieder anzuregen, da derselbe die geschriebenen Gesetze noch nicht für die in der. Praxis

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