Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 26 (6.7.1906)
- Date
- 1906-07-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Ais Wahrheit aifbnfiiou u. Slduiiiiistialiou: Wien, 11/, Äc'vvaragasse 27. Telephon Nr. der Druckerei I53VL. llnsvratc 85 He», per Nonpareille-Zeile. Abonnementsu. Jnieitionsseträge sind in SÜieii zndlbai und klagbar. Unabhängige Heitschrift für j Mtereben» Erscheint jeden Kr erlag. Uotto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Berngsp^eis: Ganzjährig ... fl. ia._ Halvjährig ... fl. tz— Für Ciiltii^drainke: :\ ^»»zjäyrig . fl. m.—! Für Ausiaud: I >! '«anziährig . . . s Mark;i ij » Rubel oder lö ,;cs | Ur. 26 Wie». 6. Inli 11MM> Inhalt: Aus der Woche. — Dr. Emil Byk. — Eduard von Hartmann und sein Verhältnis zum Judentum. — Verschiedene Nachrichten. Feuilleton: Der Meschummed. Die geehrten Kerren Abonnenten werden uw umgehende Erneuerung des Abonnements für das am 1. Zutt begonnene 3. Huartat ersucht, damit die regelmäßige Zusendung des Malles keine Hlnterbrechung erleide. Vierteljährig Kr. 3.—, Halbjährig Kr. 6.—, Probenummern stehen zur Verfügung. _chie MsüakLion. Ans der Woche. Der Minister des Aeußern, Graf Goluchowski, ist in seinem in der österreichischen Delegation gehaltenen Expos« über die Rede des Delegierten Dr. Strauch er, betreffs der Grausamkeiten in Rußland, wohl mit Stillschweigen hinweggegangen, aber der Berichterstatter Marquis B a q u e h e m kam auf die Anregungen Stranchers mit folgenden Worten zurück: „Die Greuel, die in Bjelostok und in einigen anderen Orten Rußlands verübt wurden, müssen alle mens chl i ch e n Empfindungen schmerzlich berühren, und ich kann mich daher nur den Worten der Empörung anschließen, mit welchen mehrere Herren Delegierte diese jeder Zivilisation und Menschlichkeit hohnsprechenden Greueltaten verurteilt haben. Wenn aber der Herr Delegierte auf die Möglichkeit einer diplomatischen Intervention hingewiesen hat, so wird er seither bereits wohl in die Kenntnis der Antworten gelangt sein, welche einerseits der englische Unterstaatssekretär im englischen Parlament und anderseits der Präsident der Vereinigten Staaten gegenüber einer Abordnung abgegeben haben. Der englische Staatssekretär hat auf die in dieser Richtung an ihn gestellte Frage mit einem einfachen Nein geantwortet, ohne auch nur eine Begründung anzuführen, und Präsident Roosevelt hat erklärt, daß eine Intervention nicht nur nicht das angestrebte Ziel erreichen, sondern nur großes Unheil herbeiführen würde." In Rußland darf also weiter das Blut Unschuldiger frevelhaft vergossen werden, die europäische Zivilisation und die zünftige Diplomatie wird wohl mit frommem Augenaufschlag sich über die Greuel entsetzen, aber die Mörder und Räuber in ihrer blutigen Arbeit nicht stören. -i- * In derselben Delegatioussitzung versuchte der Czechenführer Dr. Kramarz den gegen ihn wegen seiner jüngsten Rede allseits erhobenen Vorwnrf antisemitischer Gesinnung zu entkräften, indem er erklärte, daß er nicht nur weit entfernt sei von religiösem Hasse, sondern stolz darauf sei, einer Nation an zu gehören, welche überhauptdieJdee des religiösen Hasses und der religiösen Verfolgung verurteilen muß, wenn sie an die Geschichte zurückdenkt, die sie selbst durchlebt hat. Die treffendste Antwort aus die gegen die jüdische Jugend in Rußland seitens des Dr. Kramarz erhobenen Beschuldigung hat Professor S ch e p k i n in der Duma gegeben. Gleich nach seiner Rückkehr aus Bjelostok hat Professor Schepkin in der Duma eine Rede für die Gleichberechtigung der Juden gehalten. In dieser Rede sagte er: „Man beschuldigt die j ü d i s ch e Jugend, daß sie zum Anarchismus geneigt sei. Was ist Anarchismus? Der Anarchismus erkennt nicht die Regierung an. Was haben aber die Juden von der Regierung? Sie begrenzt sie in Handel und Wandel, sie vergiftet der jüdischen Jugend den Weg zur Bildung und sie verschließt sie in einen Rayon. Aber das ist noch nicht alles: Wenn sich Pogrome nahen, hat jeder von uns das Recht, sich vor den Räubern zu verteidigen; will aber ein Jude fein Leben verteidigen, zeigt man ihn als Revolutionär an und zerschießt sein Haus, aus dem er geschossen hat. Wenn wir so außer Schutz und G e s e tz w i e d i e I u d e n st e h e n w ü r d e n, d a n n w ü r d e n auch wir gegen die Regierung auftreten." -i- Dem Beispiele in anderen Großstädten folgend, haben auch in Wien zahlreiche hervorragende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens nachstehenden Aufruf zu einer Protestversammlung gegen die Massakres in Bjelostok erlassen: Mitbürger! Die empörenden Ereignisse von Bjelostok, welche jene von Kischinew, Homel, Kiew und Odessa an Bestialität und Niedertracht der Inszenierung beinahe noch übertreffen, fordern zum stammenden Protest heraus. Welcher Parteifchattierung immer der einzelne angehören mag, in dem einen Urteile müssen alle, die Kultur und Menschlichkeit Hochhalten, einig sein, daß diese entsetzlichen Metzeleien einen unauslöschlichen Schandfleck für Europa bedeuten und die Kultur des XX. Jahrhunderts schänden. Dies zum weithin hörbaren Ausdrucke zu bringen, soll der Zweck einer am Donnerstag, den 5. Juli, um 7*9 Uhr abends, im Saale Hotel Post, I., Fleischmarkt, stattfindenden öffentlichen Protestversammlung sein. * * * *!WÜiM