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Die Wahrheit · 1906-06-29 · Heft 25 (29.6.1906) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 25 (29.6.1906)
Date
1906-06-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 25. Die Wahrheit Seite 7. erhielten. Von 231 stimmberechtigten Repräsentanten waren 180 erschienen, davon hatten 173 abgestiinmt und °7 hatten sich verspätet, deren Stimmen nicht mehr angenommen werden konnten. Eine solch' rege Beteiligung an dem Wahlakte und eine solch' gut besuchte Generalversammlung sind in den Annalen unserer Großgemeinde noch nicht verzeichnet worden. Das konnte aber auch garnicht anders der Fall sein, denn beide Kandidaten nehmen gesellschaftlich die höchsten Positionen ein, beide sind würdig, den Präsidentenstnhl der Gemeinde zu erhalten, und beide würden derselben zur Ehre gereichen. Da ist der eine Hofrat Dr. Philipp Wein mann. kön. Rat, kön. Notar und Vizepräsident der Gemeinde, der er Jahre hindurch anerkennenswerte Dienste geleistet. Er hat ein hohes Wissen und kann ans eine halbhundertjährige höchst ehrenvolle öffentliche Laufbahn Hinweisen. Voll Schaffenslust stellt er — trotzdem auch bei ihm das Alter seine Rechte geltend macht — noch immer seinen Mann, und drängt in puneio seiner Leistungen manche junge Kraft in den Schatten. Der andere, Hofrat Berthold Weisz. war Reichstags - Abgeordneter und hat während seiner politischen Laufbahn dem ungarischen Staate Ersprießliches geleistet und dem ungarischen Israel Ehre gemacht. Er ist ein modern gebildeter Großkaufmann und gewesener Großindustrieller und gereicht seinem Stande zur wahren Zierde. Fragen wir nun, wer von den beiden der Geeignetere wäre, die hohe Präsidentenwürde zu erhalten, so müssen wir —. wenn wir unsere Objektivität bewahren — ehrlich sagen: Beide! Und doch müssen wir uns vor Augen halten, daß Hofrat Berthold Weisz in vielen Beziehungen seinem Gegenkandidaten über ist. Denn er ist um mehr als ein Jahrzehnt jünger als Hofrat Dr. Philipp Weinmanu, ist bereits in den Ruhestand getreten, das heißt er hat sich von feinen Geschäften gänzlich zurückgezogen, und widmet feine schätzenswerte Tätigkeit dem öffentlichen Wohle, dem allgemeinen Interesse. Hofrat Weisz verfügt neben seiner überaus großen Ärbeitsfreudigkeit auch noch überfeine volle Arbeitskraft, so daß er den größten Teil seiner Zeit der Gemeinde widmen könnte, was auch fein ernstes Vornehmen ist. Was aber schließlich dem Kandidaten Weisz den größten Wert verleiht, ist. daß er als Jude erzogen wurde und als Jude lebt. Er würde jüdischen Geist in die Gemeindeverwaltung tragen, diesen hegen und pflegen und in erster Reihe dafür sorgen und dahin streben, daß unsere Jugend zu Juden erzogen werden soll. Er will — soweit dies im Rahmen der Anforderungen, die die moderne Zeit stellt, berechtigt ist — die konservative Richtung einhalten. »Weiter bauen und nicht demolieren" bildet seine beherzigenswerte Devise. Hofrat Weisz ist vor allem auch ein Mann des Friedens. Als er vom Wahlrefultate Kenntnis erhielt, richtete er sofort an den Vorstand eine Zuschrift, welche folgenden Wortlaut hat: „Sehr geehrtes Präsidium der Pester israelitischen Religiousgemeinde Budapest. Gelegentlich der am 20. d. vorgenommenen Präsidentenwahl bei der israelitischen Religionsgemeinde haben sich die Stimmen der geehrten Gemeinderepräsentanz nicht in dem Maße für mich ausgesprochen, daß ich im Falle meiner Erwählung die friedliche und erfolgreiche Leitung der Angelegenheiten erhoffen könnte. Dies bestimmt mich, von der Kandidatur als Gemeindepräsident zurückzutreten. Ich bitte diese meine Entschließung in entsprechender Weise der geehrten Gemeinderepräsentanz zur Kenntnis zu bringen. Mit gläubensbrüderlichem Gruß Berthold Weisz m. p." Hofrat Weisz hat einen überaus feinen Takt an den Tag gelegt, indem er von seiner Kandidatur zurückgetreten, und erwartete man von dem Gegenkandidaten das gleiche Vorgehen. .Bisher hat dies Hofrat Dr. Weinmann zu tun unterlassen, und man war der Ansicht, daß nun eine Neuwahl vorznnehmen sei, in der ganz neue Kandidaten auf den Plan treten können. Dem ist aber nicht so. Hofrat Dr. Weinmann publizierte eine Erklärung, nach welcher eine Stichwahl zwischen den bisherigen zwei Kandidaten stattznfinden habe. Wer ans der Wahl als Sieger hervorgehen werde, ist der gewählte Präsident der Gemeinde. Wenn aber der Gewählte sich weigert, die aus ihn gefallene Würde anzunehmen, erst dann hat eine Neuwahl stattzufinden. Es geht aus dieser Enunziation klar und deutlich hervor, daß die Kandidatur beider Kandidaten nach wie vor aufrecht bleibt. Ueberdies haben die Anhänger und Verehrer des Hofrat Weisz beschlossen, standhaft dem Manne ihres Vertrauens ihre Stimmen zu erteilen und das möglichste anzuwenden, um ihm den Sieg erringen zu helfen. Nicht unerwähnt können wir es lassen, daß im trauten Heim des Hofrates Weisz ein wahrhaft patriarchalisches Leben geführt wird, da bekennt sich ein jeder mit wonniglichem Gefühle als Jude, da schämt sich keiner als Nachkomme Abrahams, Jfaks und Jakobs zu gelten, und da wird es niemandem einfallen, auf Kosten seines altehrwürdigen Glaubens um die Gunst der Nichtjuden zu buhlen. Hofrat Weisz ist einer der fleißigsten Besucher des großen Tempels in der Tabakgasse. Seit einem Menschenalter ist er — falls er nicht verreist oder krank ist — allsabbatlich und an jedem Festtage auf seinem Sitz zu finden. Es wäre überhaupt mit Hofrat Weisz an der Spitze ein idealer Vorstand vorhanden, denn: Magnatenhausmitglied Sigmund Kornfeld hat bei Verzichtleistung auf seine Präsidentenwahl erklärt, als Vorsteher weiter zu bleiben. Hofrat Dr. Philipp Wein mann würde ebenfalls seine Vizepräsidentenstelle weiter behalten und der Präsident der ..Alliance Jsraelite," sowie des Bndapester Rabbinerfeminars, der Großindustrielle Josef H a t v a n y - D e u t s ch de H a t v a n, würde ebenfalls dem Vorstande als neugewähltes Mitglied angehören. Mög? dies auch nun also der Fall sein. 8. Verschiedene Nachrichten. Wien. kSp enden für die Opfer der russischen I u d e n m a s s a k r e s.) Bei der „Israelitischen Allianz z n Wien" sind an Spenden zugunsten der Ovfer der Judenm a ssa kr e s in B j el o sto k eingegangen von: Rudolf Ko h n (Firma Beruh. Kohn) X 150, kais. Rat Leopold Sachs X 100, Th. Abelmann X 100, S H e i t X 100, S. W. X 50, A. W. X 50, Madame R. H e r r m a n n im Namen ihres sel. Bruders Dr. Louis Ernest X 50, Jakob Kann X 50. Dr. E. X 40. Friedrich Nadler X 20. Josefine Frankel X 20, Dr. Moriz I e l l i n e k X 20, Em. Fischer X 20, Leopold Ehrlich X 20, M. L i e b e r m a n n X 10, Dr. Hugo Redlich X 8, I. B ü r st e i u X 5, Henriette Ebstein X 2, W. P. X 2, Julius B r a u n e r in Brünn X 100; zusammen bis 26. Juni X 827. Weitere Spenden werden erbeten und dankend bestätigt im Bureau der „Israelitischen Allianz zu Wien", I., Weihburggasse 10, zwischen 9 und 1 Uhr. oder per Po st s parkassekonto 8152. Wie uns vom Bureau der „Israelitischen Allianz" mitgeteilt wird, wurden aus den gemeinsamen Mitteln der europäischen und amerikanischen Hilfsorganisationen für die Opfer der Exzesse in Bjelostok einstweilen Kd. 100.000 überwiesen. Wien Der außerordentliche Parteitag der österreichischen Zionisten findet Sonntag, den 1. Juli in Krakau mit folgender Tagesordnung statt: 1. Stellungnahme zur politischen Aktion und Schaffung einer politischen Organisation. 2. Beratung eines politischen Programmes der österreichischen Zionisten. 3. Diskussion der Wahlaktion. Wien. Sonntag, den 24. d. M., ist in Baden der Mühlenvertreter, Herr David Braun aus Wien» nach mehrwöchentlichem Leiden im 59. Lebensjahre gestorben. Der Verblichene, eine besonders im zweiten Wiener Genreindebezirke allgemein bekannte und beliebte Persönlichkeit, war seit mehr als 30 Jahren einer der eifrigsten Besucher des Leopoldstädter Tempels, ein „Balbos" im echten Sinne des Wortes, der insbesondere den gottesdienstlichen und wohltätigen Institutionen der Gemeinde jederzeit wohlwollende Förderung angedeihen ließ. Bei dem Leichenbegängnisse, das Dienstag, den 26. d. M., in Baden in Anwesenheit zahlreicher Freunde aus Wien stattfand, kam es zu einer für die Leidtragenden und Trauergäste überaus peinlichen Szene. Der Verstorbene hatte nämlich letztwillig verfügt, daß Oberkantor Guttmann aus Wien, dem er in geradezu väterlicher Freundschaft zugetan war. bei seinem Leichenbegängnisse fungiere. Doch trotzdem diesem vom Sohne des Verstorbenen. Herrn Dr. Isidor Braun, bei der Badener Kultusgemeinde vorgebrachten Wunsche seitens des Kulcusvorstandes Folge geleistet und ohne materielle Beeinträchtigung der Badener Funktionäre, Lberkantor Guttmann zur kantoralen Funktion eingeladen wurde, wollte Oberkantor S e i f e r r aus Baden, gegen den Willen der Familie und des Vorstandes, die Funktion vornehmen, und erst der energische Hinweis, daß eventuell polizeilicher Beistand gefordert werden müßte, veranlaßte ihn, von der Bahre abzutreten. Diese Pietätlosigkeit des Badener Oberkantors gegenüber einem ausdrücklichen Wunsche eines Verstorbenen, ebenso die Energielosigkeit des Badener Kultusvorstandes, seinen Anordnungen bei dem eigenen Funktionär nicht Geltung verschaffen zu können, wurde unter den Trauergästen allgemein verurteilt, und nachdem sich die Aufregung über den überaus peinlichen und unwürdigen Zwischenfall gelegt hatte, versahen Rabbiner Dr. Reich und Oberkantor Guttmann die Trauersnnktionen Wien. Aus Anlaß der Bar-Mizwah-Feier des Studierenden Willy Ober, des Sohnes des Vereins-Obmannes des Bethaus-, Bildungs-

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