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Die Wahrheit · 1906-06-29 · Heft 25 (29.6.1906) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 25 (29.6.1906)
Date
1906-06-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 25. Die Wahrheil. :eite o. Juden im revolutionären Lager, dann hätte vielleicht Dr. Kramarz die Juden der Feigheit geziehen. Die Juden können es eben keinem recht machen. Wie vornehm hebt sich von der Enunziation Dr. Kramarz' die Kundgebung des nordamerikanischen Senats ab, worin erklärt wird, „daß das Volk der Vereinigten Staaten entsetzt sei über die Berichte von Metzeleien, die an Juden in Nnßland wegen ihrer Rasse und Religion verübt worden seien. Alle diejenigen, die davon betroffen seien, hätten die herzlichsten Sympathien des Volkes der Vereinigten Staaten." Die Amerikaner, die für ihre Freiheit auch geblutet haben, machen den Juden wegen ihrer Beteiligung an der Revolution keinen Vorwurf, sie wissen ganz gut, daß die Greueltalen nur eine Mache der Regierung sind, um das verzweifelte Volk von der Revolution abzulenken. Das billigste Futter hiesür bilden eben die Juden. Dr. Kramarz hätte besser daran getan, über die Bjelostoker Bestialitäten gar nicht zu reden. Menschlich' schön und edel, äußerte sich der päpstliche Nuntius am Wiener Hof, Monsignore Granito Pignatelli Prinz von Belmonte über den Bjelostoker Pogrom. Im christlichsozialen Lager hat seine Kundgebung allerdings unangenehm berührt. Der ehrwürdige Priester macht doch dem Klerus indirekt in zarter Weise einen Vorwurf, daß er so untätig den Greueltaten zusieht und nicht kalmierend auf die erhitzten Gemüter wirkt, indem er auf das entschlossene Auftreten des Wilnaer Bischofs im Vorjahre hinweist. Monsignore Belmonte erzählt hierüber folgendes: „Eine Anzahl von nichtswürdigen Agitatoren stachelte das Volk auf, zum Hause des Gouverneurs zu ziehen, denn dieser hatte, sagten sie, einige Juden versteckt. Die Menge wuchs immer drohender an, und große Gefahr war im Anzuge. Da verließ der Bischof von Wilna sein Haus und begab sich mitten unter die Menge und machte ihr klar, daß es ein Märchen sei, wenn sie meine, der Gouverneur halte einige Juden bei sich versteckt. Der Bischof zog die Menge mit sich in die Kirche und predigte ihr, sie möchte von ihrem törichten Wahn ablassen, und erteilte den Segen. Und die Menge zerstreute sich dann — dieselbe Menge, die sich leicht durch häßliche Taten an den Juden befleckt hätte, wenn der Bischof durch seine weise Geistesgegenwart nicht im rechten Augenblicke die bösen Instinkte der Verführer zunichte gemacht hätte.. Versöhnend sprach der Nuntius, aufreizend Dr. Kramarz! Einige Tage nach dem Bialostoker Pogrom drohte in Mattersdorf eine Ritualmordaffaire unsere Feinde zu beschäftigen. In Mattersdors drang nämlich am 17. Juni .in später Nacht eine Bauernschar bei dem in der Judengasse wohnhaften Ehepaare Emil Pick ein, um einen vierzehnjährigen Burscheu aus Walbersdorf, der abgängig war, zu suchen. Die Bauern behaupteten, Pick habe den Burschen in seine Wohnung gelockt und abgeschlachtet. Die Bauern durchsuchten unter Flüchen und Lärmen jeden Winkel im ganzen Hause, durchstöberten die Kasten, fanden jedoch nichts. Pick schrie um Hilfe; seine Frau fiel vor Schreck in Ohnmacht. Da inzwischen die Gendarmerie verständigt worden war, ergriffen die Bauern die Flucht. Den Knaben fand man später betrunken im Walde bei Walbersdorf. Ohne den Segen des Branntweines hätten wir vielleicht einen zweiten Konitzer Fall gehabt! Da wir einmal beim Branntweine sind, möchten wir nicht unerwähnt lassen, daß bei den Hooligans das Fenerwasser keine unbedeutende Rolle spielt. Man darf nicht vergessen, daß das Branntweinmonopol dem russischen Staate jährlich über 800 Millionen abwirft, und daß ein russischer Bischof vor ungefähr einem Dezennium den denkwürdigen Ausspruch tat, daß man dem Volke eher Branntwein als Bildung geben dürfe. Die Früchte dieser politischen Weisheit reifen erst jetzt. Jacob R o b i n s o h n. Ans der Wiener Knltusgemeinde. Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 24. Juni 1906 unter dem Borsitze des Herrn "Präsidenten Dr. Alfred Stern. Beginn 10 Uhr vormittag. Im Einlaufe befinden sich an Spenden: Frl. Berta R o t h b e r g e r s. A. zur Errichtung einer Bettstiftung in der gynäkologischen Abteilung des ifrael. Spitales K 17.487. Gustav Gropver zur Errichtung einer Gustav Gropper - Spitalbettstiftung X 12.000 iiomin. in 40/0 öftere. Kronenrenten. Geschwister Rieß anläßlich des Ablebens des Herrn Heinrich Rieß X 1000. Jakob Kann X 200. De. Heinrich Benies als Maskir-Spende X 50. Dr. Richard A n n i n g e r für «'ine arme Wöchnerin X 20. Karl F i g d o r, Welkersdorf, statt eines Kranzes für Herrn Heinrich Rieß für Wohltätigkeitsinstitute X 20. Fritz Steiner statt eines Kranzes für Herrn Heinrich Rieß für wohltätige Zwecke X 20. Toni B e r d a ch für den Wöchnerinnenverband X 10. F. Ern st für eine arme Kranke X 5. Ferner ein Dankschreiben des Herrn Baurat Theodor Ritter von Goldschmidt für die Teilnahme des Kultusvorstandes anläßlich des Hinscheidens seines Bruders, des Herrn Alexander Ritter von Goldschmidt, in Paris. Dankschreiben des Herrn Adolf Ritter von S o n n e n t h a l für die Gratulation des Kultusvorstandes aus Anlaß feines 50jährigen Burgtheater- Jubiläums. Dankschreiben des B r i g i t t e n a u e r Frauenver eines für Beteilung aus dem Rudolf Anspitz-Legate. Telegraphische Mitteilung der Kultusgemeinde Lemberg von dem Hinscheiden ihres Präsidenten, des Herrn Reichsratsabgeordneten Dr. Emil Byk. Zu Beginn der Sitzung hält der Vorsitzende dem plötzlich dahingeschiedenen Reichsratsabgeordneten mib Präsidenten der Lemberger Knltusgemeinde, Herrn Dr. Emil Byk, einen tiefempfundenen Nachruf, in welchem er der hervorragenden Eigenschafcen des Verewigten, seiner unermüdlichen Tätigkeit im Dienste der Oeffeutlichkeit, insbesondere aber seines hingebungsvollen Wirkens für die Interessen des Judentums in warmen Worten gedenkt. Der Vorstand werde das Angedenken des Verstorbenen stets in Ehren halten. Der Vorsitzende gedenkt weiters des Verlustes, den das Mitglied des Kultusvorstandes, Herr Hermann E l t b o g e n durch das Hinscheiden seines Bruders, des Herrn Moriz Eltbogen, erlitten hat, welcher bis vor kurzer Zeit dem Wiener Gemeinderate angehört und sich auch sonst im öffentlichen Leben, namentlich auf humanitärem Gebiete vielfach betätigt hat. Das Vorstandsmitglied, Herr Dr. Felix Katzau, hat durch den Tod seines Schwagers, des Herrn Dr. von Körösy, der j sich als Gelehrter eines hervorragenden Rufes erfreute, einen l schweren Verlust erlitten. j Die Versammlung, welche sich zum Zeichen der Trauer j von den Sitzen erhoben hat, ermächtigt den Präsidenten den! Familien der Verewigten das Beileid des Kultusvorstandes auszusprechen und die Trauerkundgebungen dem Protokolle einzuverleiben. Herr Vertreter Dr. M. Steiner interpelliert den Präsidenten, ob und welche Schritte derselbe zu unternehmen gedenke, um die von einem Redner in der österreichischen Delegation jüngst erhobene, unwahre Behauptung, daß die russischen Juden an der Spitze der Revolutionäre stehen- und daher die gegen sie verübten Gräueltaten selbst verschuldet haben, zu widerlegen. Der Präsident bringt die gehaltene Rede nach dem stenographischen Protokolle in der Abendpost der Wiener Zeitung zur Verlesung. Er erklärt, daß er die Entrüstung des Kollegen Dr. Steiner über diese Rede in vollstem Maße teile, daß er überzeugt sei, daß auch der Gesamtvorstand hierin mit ihm übereinstimme. Er werde unverzüglich das ihm geeignet erscheinende verfügen, ein Schreiben an den Präsidenten der Delegation, Prinzen Lobkowitz, richten und über das weitere in der nächsten Vorstandssitzung berichten. Bei diesem Anlasse teilt der Präsident auch mit, daß das Präsidium der Kultusgemeinde voraussichtlich gemeinsam mit dem Präsidium der Allianz angesichts der jüngsten Judenverfolgungen in Rußland dem Minister des Aeußern neuerlich eine Eingabe mit der Bitte um Intervention bei der kaiserl. russischen Regierung überreichen werde. Die Unterrichtskommission beantragt auf Grund eines Vorschlages der Religionslehrerkonferenz, in der zweiten Klaffe der Volksschulen eine fakultative zweite Religionsstunde einzuführen, welche hauptsächlich zur Erteilung des Leseunterrichtes dienen soll. Eine Erweiterung des Lehrstoffes soll durch die Anfügung dieser Stunde nicht stattfinden. Das Plenum genehmigt unter Voraussetzung der behördlichen Bewilligung die versuchsweise Einführung in sechs Schulen im Schuljahre 1906/07 und die hieraus entspringenden Kosten.

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