Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1906-06-29 · Heft 25 (29.6.1906) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 25 (29.6.1906)
Date
1906-06-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063316-3063341--04321-3071152
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seile 4. Die Wahrheit Nr. 25. als das geeigneteste Mittel zu benützen, um von der Gährung und dem Aufruhr im eigenen Lande abzulenken. Wo der arme russische Jude jetzt hinflüchten will, starren ihm Fremdengesetze entgegen, denn wo er mit seinem Leid hinkommt, züchtet er den Antisemitismus. Die einheimische Bevölkerung wehrt sich gegen die Masseneinwanderung der Proletarier, die, um nur das karge Leben fristen zu können, um Hungerlöhne arbeiten. Es bietet sich also nur ein Ausweg: die geregelte Answandernng in ein freies Land! Am VII. Baseler Kongreß hat sich eine Spaltung vollzogen, die von den segensreichsten Folgen für das jüdische Volk werden kann. Erbittert über die Ablehnung des Uganda-Projektes, hat Z a n g w i l l die territoriale Bewegung eingeleitet. Mit der außerordentlichen Hingebung und der Liebe zu seinem Volke, die diesen bedeutenden Menschen und Schriftsteller auszeichnen, mit der Energie und dem Temperamente, das wir an ihm kennen, hat Zangwill bereits Schritte eingeleitet und die Unterstützung der britischen Regierung zugesichert erhalten. Ja, die Juden sollen endlich eine Ruhestätte stnden, sie sollen ein Asyl haben, wo sie hinflüchten können, wo sie vor dem Wüten fanatischer Unholde gesichert sind, wo sie sich auf eigenem Boden ausleben, wo sie die nationale Idee pflegen können und der Welt die unverwüstliche Kraft und Ausdauer eines Volkes zeigen werden, das nicht untergehen will. Wer sein Volk liebt, wessen Herz bei den Nachrichten von den russischen Greueln sich im Schmerze zusammenkrampfte, wer in verzweiflungsvollem Aufschrei, wer in ohnmächtigem Grimme die Faust ballte ob der Hinschlachtung wehrloser Menschen, der erhebe sich, er arbeite und unterstütze Zangwills Pläne! Schaffet ein Asyl für die Hunderttausende gemarterter russischer Juden, vielleicht schaffet Ihr dadurch auch einen Zufluchtsort für Euch selbst, die Ihr Euch für sicher haltet. Glaube Keiner an diese Sicherheit! Ein Asyl für uns Alle! Wenn mir ein eigen Stück Land haben, wenn für uns die Bedingungen zu gedeihlicher Entwicklung geschaffen sind, die andere Völker in so reichem Maße besitzen, dann wird vielleicht eines Tages die Welt wieder in Erstaunen versetzt, durch die Klugheit und Tapferkeit des jüdischen Volkes, durch die Weisheit seiner Regierung. Paris, im Juni 1906. Rosa Feigenbaum. Rußlands Dank. Wenige Wochen nach dem Homeler Pogrom wurde das kapitalkräftige Publikum von den hervorragendsten Kreditinstituten der europäischen Kulturzentren zur Beteiligung an der russischen Milliardenanleihe eingeladen. Die Diplomateu, welche schon seit langem das Gras nicht wachsen hören, wußten ' die Finanzmagnaten für die russische Hilfsaktion zu gewinnen, und am Subskriptionstage wurde der limitierte Betrag zur allgemeinen Ueberraschung nicht einmal überzeichnet. Und nun kommt Rußlands Dank. Der moskowitische Raubzug macht in Bjelostok halt. Vorgeschichte und Verlauf des jüngsten Pogroms sind zur Genüge bekannt. Die russische Strategie, welche aus dem mandschurischen Schlachtfelde regelmäßig versagte, funktioniert im Heimatslande mit japanischer Präzision. „Seit dem Beginne der allgemeinen Gährung in Rußland hat," so sagte der Abgeordnete Lewin in der Duma, die Regierung kein anderes Mittel gegen den Freiheitskampf gefunden, als das bekannte Manöver, den Zorn der Massen auf die Linie des geringsten Widerstandes zu lenken. Dieses Opferlamm ist das aller Rechte beraubte Judentum." Die Duma tagt, aber in der russischen Bureaukratie herrscht egyptische Finsternis. Der Schatten Plehwes will nicht zur Ruhe kommen. Die Duma „fordert" Rechte für das Volk, aber der Himmel ist hoch und der Zar ist weit. Am Sonmag, den 10. Juni, wurde der liberale Polizeimeister Derkatschow, ein Erzfeind der schwarzen Bande, ermordet. Die jüdische Gemeinde von Bjelostok wollte ihrer Trauer durch Niederlegung eines Kranzes am Grabe des Verstorbenen Ausdruck geben, wovon die Familie Derkatschows dankbar Kenntnis nahm. Als sich nun die jüdische Deputation am Dienstag mit dem Kranze zur Witwe des ermordeten Polizeimeisters begeben wollte, wurde sie von dem Gehilfen des Polizeimeisters Scheremetjew ungehalten. Er schrie der Deputation entgegen: „Von euch Blutsaugern werden wir keinen Kranz annehmen, ihr habt unseren Polizeimeister ermordet und nun wollt ihr das Blut mit den Blumen verdecken. Ich verbiete euch den Kranz niederzulegen, wenn ihr es doch wagt, sollt ihr am Donnerstag sehen, was wir mit euch machen werden." Scheretmetjew hatte somit einen Pogrom für Donnerstag offiziell angekündigt. Der Donnerstag, als Tag des Frohnleichnamsfestes, war mit Vorbedacht gewühlt. Der gefürchtete Feiertag war gekommen. Um 2 Uhr begann die katholische Prozession, an der etwa 10.000 Personen teilnahmen. Eine griechisch-orthodoxe Prozession von 500 Personen, die in ihrer Mehrheit nicht aus Bjelostoker Bürgern, sondern aus Bauern der Umgegend, Chaussee-Arbeitern aus Mittelrußland, welche für den Pogrom gemietet worden waren, und einigen Beamten bestand, zog in entgegengesetzter Richtung durch die Straßen. Plötzlich entstand eine Verwirrung in der orthodoxen Prozession. Ein leichter Knall wurde hörbar. Eine Petarde soll aus eiueui Hause der Alexanderstraße in die Prozession geschleudert worden sein. Damit war von den Hooligans das Signal zum Beginne des Pogroms gegeben worden. Das Drama von Kischenew wiederholte sich. Die Hooligans, deren Vorhut Polizeileute und deren Nachhut Soldaten bildeten, begannen ihr Mord- und Zerstörungswerk. Sie plünderten jüdische Wohnungen und Geschäftsläden aus und mordeten alles nieder, was ihnen in den Weg kam — Greise, Männer, Frauen und Kinder. Männern wurden Augen ausgestochen, man vergriff sich an Frauen und jugendlichen Mädchen und schlitzte ihnen sodann den Bauch auf. Der berühmte Schächterschnitt des Dr. Baxa (bei uns ist die Affaire Hilsner trotz des Alarmsignals des Professors Lißt wieder eiugeschlafen) findet sich allerdings bei den Bjelostoker Opfern nicht, dagegen haben die Hooligans eine neue Schlachtungsmethode eingeführt, das Pfählen en miniature. Männern, Frauen und Kindern wurden Nägel in den Kopf geschlagen und die Leiche sodann buchstäblich zerstückelt. Der Rassentheoretiker Houston Chamberlain, ein würdiger Nachfolger des Grafen Gobineau, mag an diesen arischen Metzgermeistern seine Freude haben! Wir müssen aber angesichts solcher Vorfälle Schopenhauer recht geben, der einmal in einerbösen Stunde erklärte, er wolle einen Hund nicht Mensch nennen, denn das wäre eine Beleidigung! Und Europa schweigt noch immer. Entrüstungsrufe kosten doch kein Geld! Bisher brachte der Draht nur aus Amerika eine Sympathiekundgebung des Präsidenten Roosevelt und des Senates aus Washington. Aber die europäischen Diplomaten, die die russische Anleihe so warm befürworteten, sparen jetzt sogar mit Worten der Teilnahme. Bei uns hat allerdings Doktor Kramarz in der österreichischen Delegation die russischen Greueltaten in ziemlich kühler Weise bedauert, aber die kaum als Sympathiekundgebung zu bezeichnenden Worte gleich dadurch abgeschwächt, daß er mir besonderem Nachdrucke auf den revolutionären Charakter der jüdischen Jugend hinwies. Mit Emphase rief er aus: „Geradezu Kinder machen dort Revolution. Ja, wer Wind säet, der erntet Sturm, und ich glaube, daß es die Pflicht aller in der ganzen Welt wäre, sich nicht nur einseitig zu entrüsten, sich nicht nur gegen diejenigen zu entrüsten, die diese grauenhaften Metzeleien machen, sondern sich auch gegen jene zu entrüsten, die auch auf der anderen Seite die Erde Rußlands mit Blut tränken." Wäre die Sache nicht gar so traurig, man müßte fast lachen darüber, wenn man den russischen Juden die Tränkung des russischen Bodens mit Menschenblut vorwirft. So sprach also der freiheitliche Dr. Kramarz. Dr. Kramarz konstatiert eine allgemeine Entrüstung über die russischen Greueltalen. Nun, in Europa ist davon blutwenig zu verspüren. Warum streicht er aber die Teilnahme der russischjüdischen Jugend an der Revolution — einer so kleinen Minderheit — gar so dick an! Sicherlich nicht, um Sympathie für sie zu erwecken! Vom jüdischen Standpunkte ist wohl die Teilnahme der Juden zu verwerfen, aber vom menschlichen Standpunkte ist sie begreiflich. Und Dr. Kramarz hat gewiß nicht vom jüdischen Standpunkte aus gesprochen. Fänden sich, keine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.