Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 25 (29.6.1906)
- Date
- 1906-06-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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aki-heit i)dfbaftton 11. Sldmiiiistialion: Wien, II/, Novaragasse 27. Tklephvu Nr. der Druckerei I53»2 Iulernte 25 Heil. i>er No»vareiile»^eile. AdoiiiicmeulSu. Jnsertionsbeträqe sind iu Wie» zahlbar «nd klagbar. Unabhängige Aeitfchrift für j IniereA'en. Erscheint jeden Kr ei tag. Uoiio: „Das Siegel Glottes ist Wahrheit!“ |j Gerngspneis: ij Äanzjabrig ... ft. i*._ j| Halbjährig . . ft. 6.— Für Enlrnsbeaiilte: >K»,izjädrig ... ft. i» — Für Ausland: »«auziäbrig . . . s Mart Ü ^tnbel oder lü Fcs. Ur. 25. Wien. 29. Juni 1996. Inhalt: „Sie werfen Bomben in christliche Prozessionen". — Rußlands Dank. — Aus der Wiener Kultnsgemeinde. — Dr. Emil Byk. — Zur Präsidentenwahl in der Budapester Gemeinde. — Verschiedene Nachrichten. — Vorstandswahl im österr.-ungar. Kantoren-Vereine. — Protest- Versammlung in Berlin. Aie geehrten Kerren Abonnenten werden um umgehende Erneuerung des Abonnements für das am 1. Juli beginnende 3. Auartat ersucht, damit die regelmäßige Zusendung des Mattes keine Unterbrechung erleide. Vierteljährig Kr. 3.—, halbjährig Kr. 6.—, Probenummern stehen zur Verfügung. Aie UeöakLion. „Sie werfe« Kornbe« in christliche Prozessionen." Diese ungeheuerliche Beschuldigung im XX. Jahrhundert zu erheben, zu einer Zeit der Aufklärung und der Proklamierung der Menschenrechte, war einer Regierung Vorbehalten, die ihr auf Knebelung und Knechtschaft von Millionen Menschen basiertes, korruptes Regime nicht anders zu erhalten und zu befestigen glaubt, als indem sie in Strömen unschuldig vergossenen Menschenblutes watet und auf Hunderttaufenden wehrlos hingeschlachteter Judenleiber ihr Piedestal aufbaut. In Bjelostok hat in den jüngsten Tagen auf Grund dieser Beschuldigung ein neuerliches Judenmasfakre stattgefunden. In schamloser Weise schlägt Rußland der Menschlichkeit, der Gerechtigkeit ins Gesicht, und die zivilisierte Welt sieht noch immer tatenlos dem ungeheuerlichen Verbrechen zu, daß wehrlose, friedliebende Menschen wie wilde Tiere gejagt, gehetzt und barbarisch niedergemetzelt werden. Wie lange noch wird man, ohne einzugreifen, diesem aller Menschlichkeit hohnsprechenden Vorgehen zuschauen, diesem Abschlachten von Menschen, deren einziges Verbrechen darin besteht, daß sie Juden sind? Wie lange noch? Und wir anderen Juden, die wir in ruhigeren Verhältnissen leben, was tun wir, was können wir zu unserer Verteidigung tun? Wir weinen und klagen, fassen Resolutionen, protestieren und sehen schaudernd und in ohnmächtiger Verzweiflung zu, wie unsere russischen Brüder und Schwestern unter den furchtbarsten Martern, die nur ein perverses Gehirn, die nur Bestien von Menschen ersinnen können, hingeschlachtet werden, wir müssen zusehen, wie eine entmenschte Regierung diese Metzeleien organisiert und mit Hilfe ihrer Kosaken zur Ausführung bringen läßt! Da regt sich das Heldengeschlecht der Makkabäer in unseren russischen Brüdern, sie organisieren, in legitimer Verteidigung ihrer Menschenrechte, eine Selbstwehr, sie wollen kämpfend untergehen, sich nicht wehrlos abschlachten lassen! Aber das Auge des Gesetzes wacht! In teuflischer Berechnung verbietet man den Juden die Organisation der Selbstwehr, das Tragen von Waffen und, um der Sache ganz sicher zu sein, werden in den Tagen vor Ausbruch der organisierten Pogrome strenge Hausdurchsuchungen bei den Juden abgehalten, die Vorgefundenen Waffen saisiert und die Betreffenden wegen Ungehorsam gegen polizeiliche Verordnungen bestraft. Und so standen auch die russischen Juden dem Massakre in Bjelostok wehrlos gegenüber und so sind sie auch für alle Zukunft ausgeliesert. Wie haben wir im Juni 1903 geweint und geklagt um Kischenew, welch ein Schrei der Verzweiflung ging durch unsere Reihen! Wir hatten geglaubt, daß Aehnliches sich nie wieder ereignen könne! Und das Massakre von Kischenew wurde entsetzlich überboten durch die Massakres im Oktober 1905 in ganz Rußland. Doch der Würger will nicht zur Ruhe kommen, und der Juni 1906 bringt wieder das Massakre von Bjelostok mit der furchtbaren Beschuldigung. Und wir weinen und klagen wieder um unsere bestialisch hingemordeten Brüder! Sollen wir uns denn wirklich wie die Lämmer zur Schlachtbank führen lassen und können wir uns zu keiner befreienden Tat ausraffen? Am VI. Kongreß zu Basel überbrachte uns der unvergeßliche Dr. Theodor Herz! die Botschaft, daß die britische Regierung in Erkenntnis der furchtbaren Drangsale, denen die Juden ausgesetzt sind, geneigt sei, ihnen einen großen Lünderstrich in Ostafrika abzutreten, wo sie sich aus nationaler und staatlicher Grundlage mit eigener Verwaltung und unter britischem Schutze ansiedeln könnten! Aber das den Juden so großmütig zugewiesene Land wurde von der zur Erforschung desselben ausgeschickten Kommission als zur Ansiedlung nicht geeignet befunden, und die Majorität des VII. Kongresses zu Basel, nur die Sehnsucht nach Zion im Herzen tragend, hat das Anerbieten der britischen Regierung dankend abgelehnt. Ja, der nationale Gedanke ist schön und herrlich! Wir waren einst eine Macht, der Weisheit unserer Könige huldigten selbst fremde Fürsten. Warum kann es nicht wieder werden, wie es einstens war? Halten wir es uns stets vor Augen dieses Ideal, und es wird unser Selbstbewußtsein heben und uns stark machen. Aber die rauhe, die entsetzliche Wirklichkeit zwingt uns jetzt, das Praktische zu erfassen. Es muß ein Asyl geschaffen werden für die Hunderttausende russischer Juden, die vor den Massakres flüchten, die unstüt umherirren, und welche die anderen Staaten nicht aufnehmen wollen. Die Hälfte der aus der Welt existierenden Juden leben in Rußland, und dieses hört nicht auf, sie zu drangsalieren und die Veranstaltung von Pogromen