Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 24 (22.6.1906)
- Date
- 1906-06-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 24. Verschiedene Nachrichten. Wie«. Im Josefstädter Tempel, VIII. Neudeggergaffe 12, werden derzeit Adaptierungen vorgenommen, weshalb der Gottesdienst bis zum 1s. August d. I. an Wochen- und Feiertagen im Sitzungssaale des Tempelbau-Bereines (Tempelgebäude) abgehalten wird. Wie«. (Oesterr.- Ungar. Kantoren-Berein.) Dienstag, den 26. d. M., 4 Uhr nachmittags, findet im Bereinslokale, I., Seitens stettengasse 4, 4. Stock, eine Generalversammlung behufs Vornahme der statutarischen Neuwahlen statt. Wie«. Vorigen Samstag ist in Millstatt der ehemalige Wiener Gemeinderat Moritz E l t b o g e n, ein Bruder des Kultusvorstehers Hermannn Eltbogen, im 50. Lebensjahre gestorben. Er war schon längere Zeit schwer leidend: seit einigen Wochen hatte sich sein Zustand in bedenklicher Weise verschlimmert, so daß eine Genesung ausgeschlossen erschien. Herr Eltbogen hatte sich zuerst auf humanitärem Gebiete betätigt und als Vorstandsmitglied des Vereines gegen Verarmung und Bettelei und des humanitären Vereines im H. Bezirke eine sehr ersprießliche Tätigkeit entfaltet. Er wurde dann in den Armenrat und später in die Bezirksvertretung gewählt. Vor sechs Jahren wurde er von den Wählern des zweiten Mahlkörpers der Leopoldstadt in den Gemeinderat entsendet, dem er bis zu den Ergänzungswahlen des vergangenen Monats angehörte. Seine Betätigung in der Gemeindestube mußte sich entsprechend den engen Grenzen, welche der Arbeit der Opposition gezogen sind, aus Anträge, Interpellationen und mannigfache Anregungen beschränken, die sich vornehmlich aus die Armenpflege bezog. Eltb o g en war zwar kein hervorragender Redner, aber ein Mann von starkem Temperament und unerschütterlicher Ueberzeugungstreue. Vor etwa drei Jahren wurde er zum Obmannstellvertreter des Leopoldstädter Armenrates gewählt und in dieser Eigenschaft entwickelte er ein überaus verdienstvolles Wirken, wie er überhaupt im privaten und im öffentlichen Leben eine seltene Herzensgute bewies. Zahlreichen bedrängten und in Not geratenen Personen wurde dank seiner eifrigen Intervention werktätige Hilfe zn teil. Bei der letzten Wahlcampagne beteiligte sich Eltbogen noch mit großem Eifer an der Agitationsarbeit und hat sich hierbei so großen Aufregungen ausgesetzt, daß sein Zustand hiedurch ungünstig beeinflußt wurde. Der Verstorbene hinterläßt eine Witwe und zwei Töchter, von denen die eine au den praktischen Arzt Dr. Isidor Braun und die andere au den Advokaten Doktor Max I a k o b s o h n verheiratet ist. Wie«. Donnerstag, den 14. d. M., fand im festlich erleuchteten und mit Blumen geschmückten Tempel im VIII. Bezirke die Trauung des Frl. Frieda Beck, Tochter des verdienstvollen Präses des Tempelvereines, Herrn Hermann Beck, mit Herrn Julius R i p p e r statt. Das Gotteshaus konnte die große Zahl der Hochzeitsgäste kaum fassen. Unter den Anwesenden bemerkte man: Den Gesamtvorstand des Tempelvereines, den Vorstand des Frauen-Wohltätigkeitsvereines, die Vertretung des Vereines zur Hebung der Gewerbe, Abordnungen verschiedener Vereine, ferner die Kultusvorsteher Dr. Berger und H. E l t b o g e n, die Rabbiner Doktor Bach, Dr. A b e l e s und Reich, Oberkantor Bauer, Vorsteher Frankl vom V. Bezirk und viele Andere. Oberkantor Kmart in trug den Na Towu mit Orgel-, Chor- und Harsenbegleitung, ebenso den Ni Adir mit seinen brillanten Stimmitteln überaus wirkungsvoll vor. Die Trauungsrede hielt Rabbiner Dr. Bauer, welcher die hohen Verdienste der Brautcltern um die Institutionen im VIII. Bezirke und ihren ausgezeichneten Wohltätigkeitssinn im allgemeinen hervorhob. Den Trauungsakt vollzog Rabbiner Dr. Gelbhaus. Wie«. Gelegentlich der Enthüllung des neuen Bismarck-Denkmales in Hamburg veröffentlichte das „Berliner Tageblatt" eine längere Notiz über den Schöpfer des Denkmales, den österreichischen Bildhauer Lederer, der, abweichend von der bisherigen Schablone, mit genialer Konzeption ein hervorragendes Kunstwerk geschaffen hat. Diese Notiz wurde nun mit der einleitenden Bemerkung, „daß der Künstler bekanntlich ein Jude fei", von der „Oesterr. Wochenschrift" übernommen. Wie uns jedoch aus Znaim, dem Geburtsorte Lederers, mitgeteilt wird, entstammt derselbe einer dortigen christlichen Familie. Wie«. Sonntag, den 17. d. M., beging der ehemalige verdienstvolle Präsident der türkischen Gemeinde, Herr Markus M. Ruf s o, und feine Gemahlin, Frau Leontine Rufs o, im engsten Familienkreise das Fest der goldenen Hochzeit. Unter Führung des Präsidenten, Herrn Licco I. Adutt, erschienen der Vorstand und sämtliche Beamte und Funktionäre der Gemeinde in der Wohnung des Jubelpaares, um demselben ihre Gratulation zu übermitteln. Der Gemeindevorstand widmete eine Adresse, ebenso der Lehrkörper der türkischen Schule Rabbiner P a p o und Oberkantor Bauer hielten Ansprachen. Nebst zahlreichen Glückwünschen kamen auch sinnige und wertvolle Geschenke, namentlich vom Präses Licco Adutt und den Gemeindebeamten. Der Bezirksvorsteher des II. Bezirkes, Herr Nicbauer. übermittelte persönlich seine Gratulation. Der Jubilar war über diese zahlreichen, ehrenden Kundgebungen sehr erfreut. Wien. Die vormalige Präsidentin des Mädchen- und Frauenvereines „Krankenbesuch" (Bikur Chaulim), Frl. Gisela K o h n, ist vorige Woche nach langem schwerem Leiden in Görz gestorben. Die Leiche wurde nach Wien überführt und Sonntag, den 17. d. M., fand am Zentralfriedhofe das Leichenbegängnis statt. Der gesamte Vorstand des genannten Vereines, unter Führung der derzeitigen Präsidentin, Frau Rosa Stranskh, gab der Heimgegangenen das letzte Geleite. Wie«. Die Hörer an der isr. theol. Lehranstalt in Wien, Herr Moriz L ö w y und Herr Johann S t ö ß l e r, wurden zu Doktoren der Philosophie an der hiesigen Universität promoviert. Czernowitz. Dem zweiten Rabbiner unserer Kultusgemeinde, Herrn Dr. Benjamiit Weiß, wurde von Sr. Majestät dem Kaiser das goldene Verdienstkreuz mit der Krone verliehen. Budapest. D e r u n g a r i s ch e i s r a e l i t i s ch e H a n d w e r k snud A ck e r b a u v e r e i n hielt unter dem Vorsitze seines Präsidenten, Hosrates Dr. Armin N euma n eine Ausschußsitzuug. Vor der Tagesordnung dankte der Präsident nach seiner jüngst erfolgten Wiederwahl für die ihm während seiner sünszehnjährigen Präsidentschaft seitens des Ausschusses zuteil gewordene Unkerstütznng, sodann begrüßte er mit warmen Worten die Senioren des Ausschusses: Hosrat Berthold Weiß, Julius Adler, Ludwig Adle r, Dr. Emil Farkas. Samuel K r a m m e r, Moriz L e m b e r g e r, Moriz Mandl, D. H. S p i tz e r und Ein. I. Weiß, die über ein Vierteljahrhundert an dem segensreichen Wirken des Vereins tätigen Anteilnahmen; schließlich wendete er sich an die ueugewählten Ausschußmitglieder mit der Bitte, die philanthropischen und kulturellen Bestrebungen des Vereins durch ihre persönliche Mitwirkung zu fördern. Hierauf wurde die Neuwahl des Vorstandes vorgenommen, welche die Wiederwahl der bisherigen Vizepräsidenten Ludwig Adler und Hofrat Berthold Weiß ergab. In den Vorstand wurden gewählt: Julius Adler, Dr. Emil Farkas, D. H. Spitzer, Wilhelm Fuchs, Ladislaus Fürst de Maroth, Moriz Le m berge r und Hosrat Dr. Lazar Samuel. An Spenden sind dem Verein in der letzten Zeit zugekommen: Von Julius Winterberg II 500, von Frau Witwe Heinrich Forrai K 200, im Wege des Damenkomitees von Frau Paul Braun, Frau Dr. Adolf Fried je K 200 und von Frau Alexander v. Lederer K 50. Den edelmütigen Spendern wurde der Dank votiert. Sodann berichtete der Sekretär über die Ackerbauzöglinge. Die Zahl derselben beträgt 27, von denen 15 in staatlichen Ackerbauschulen, 12 bei Oekonomen untergebracht sind. Die Neuaufnahme und Ausbildung von Ackerbanzöglingen wird hauptsächlich durch den Umstand erschwert, daß für die notwendige Probeproxis der aufzunehmenden Ackerbauzöglinge die Unterbringling derselben in Oekonomien mit großen Schwierigkeiten verbunden ist. Auf begründeten Antrag des Ausschußmitgliedes Josef v. Hatvany-. Deutsch wurde daher dem Präsidium die Ermächtigung erteilt, zum Zwecke der Errichtung einer landwirtschaftlichen Gärtnerei-Anlage ein vom Ackerbaukomitee in Vorschlag gebrachtes Landgut anzukaufen und zur Deckung des Kaufpreises Spendenbeiträge zu sammeln. Hiemit in Verbindung wurde dem Ausschußmitgliede Baron Moriz Leopold H erzog, welcher zur Verewigung des Andenkens seiner seligen Mutter zum Zwecke der geplanten Anlage eine Stiftung von K 60.000 dem Präsidenten zusagte, der tiefgefühlte Dank des Vereines ausgesprochen. Köln, 18. Juni. An das zionistische Zentralbureau lief heute folgende Depesche ein: Prostken 18./6. 11.25 nt. Antwortlich Ihrer Depesche in Bialystock veranstaltete. Behörde und Militär mit Hilfe niederer Volksschichten Anzahl Fabriksarbeitern auch verkleideter Schuljungen einen beispiellosen Pogrom, wütete drei Tage, 14., 15., 16. Juni. Gegen hundert gräßlich Ermordete liegen jüdischem Hospital, außer vielen in Häusern und umliegenden Feldern. Verwundete zahllos, fast sämtliche Geschäfte auf den Hauptstraßen vollständig kahl ausgeplündert, Nebenstraßen meistens verschont, wo weniger Militär, wodurch jüdischer Selbstwehr gelang, Hooligans zu vertreiben. Grenzenloser Jammer, unzählige Witwen, Waisen, unglückliche Krüppel. Dringend sofortige Hilfe notwendig. Ein noch schrecklicherer Pogrom wird den Nebenstraßen gedroht, endlose Panik. Handel, Erwerb für unabsehbare Zeit völlig gelähmt. Massenemigration bevorstehend, man appelliere an das europäische Gewissen zwecks Vorbeugung in Zukunft solch bestialische Greueltaten. Suchowolski. Der Absender wohnt in Bialystock und ist ein uns bekannter, sehr zuverlässiger Mann. Bunzlau. (Pr.-Schles.) Am 2. d. M. ist der vor einiger Zeit in den Ruhestand getretene, überaus beliebte Kantor, Religionslehrer und Prediger der hiesigen Gemeinde, Herr Moritz Tintn er, der mehr als 30 Jahre hier verdienstvoll gewirkt hat. nach längerem Leiden gestorben. Noch kurz vor feinem Tode ist ihm anläßlich seines Uebertrittes in den Ruhestand der Adler der Inhaber des Hausordens von Hohenzolleru verliehen worden. Der Verblichene war ein selten pflichttreuer Funktionär, ein ausgezeichneter Fachmann und ein für die Gesamtheit des Kultusbeamtenstaudes überaus warmfühlender Kollege. Seine reichen Erfahrungen hat er in dem von ihm herausgegebenen Sammelwerke synagogaler Melodien „Hadras Kodesch", sowie in seinen zahlreichen Artikeln, die er vor Jahren zumeist in der „Oesterr.-ungar. Kantoren-Zeitung" veröffentlichte, zum Besten der Allgemeinheit verwertet. Sein Andenken wird in seiner Gemeinde und in der gesamten Kollegeuschaft hoch in Ehren gehalten werden. 2' ri Nom. Ter neue i t a l i eni s ch e Finanzminister Carlo Schaurer soll einer alten jüdischen, in Galizien ansässigen Familie entflammen. Sein Vater Dr. Ludwig Schaurer war Advokat in Wien, ließ sich dort taufen, kehrte aber vor feinem Tode wieder zum Judentum zurück. Auch seine Mutter ist als Jüdin gestorben und in Rom begraben worden.