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Die Wahrheit · 1906-06-22 · Heft 24 (22.6.1906) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 24 (22.6.1906)
Date
1906-06-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 24. Die Wahrheit Sette 9. Kiteratnr. Geschichte der Juden von Esra bis zur Jetztzeit, für Volksschulen und höhere Lehranstalten bearbeitet von Sladtrabbiner Dr. Theodor K r o ii e r, Kirchenrat zu Stuttgart Frankfurt a. M. I. Kauffmann. Mk. 1-60. Durch zweckmäßige Auswahl und Anordnung des Stoffes, durch zahlreiche Lileraturproben und eine übersichtliche Tabelle, sowie durch gefällige Ausstattung und Billigkeit empfiehlt sich das Büchlein als sehr brauchbar, und so erklärt es sich, daß es nach kurzer Zeit in zweiter Auflage vorliegt Und doch ist noch eine dritte Auflage notwendig, um das Buch wirklich empfehlen zu können, damit nämlich die zahlreichen Fehler berichtigt und ausgemerzt werden. Zunächst terls harmlose, teils sehr heikle Druckfehler: So S. 21 ein ehrgeizig: S. 143 seit der der Zeitz S. 40 ä t h o p i s ch e Fabel (soll wohl äsopische heißen), Wiederaufbau des H i m m e l s! S. 58 statt A b b a h u — Abraham! statt Schebiit — Schebiti! S. 60 Mischna 5 statt 8 — wohl ein Verwechslung des J3heth mit dem He! S. 96 Rabbiner Hai statt R a b b e u u! S. 134 R a m b a n statt R a m b a m, also statt Maimouides — Nachmanides! S. 145 begegnen wir gar dem Physiker Morse unter den jüdischen Gelehrten, gemeint ist aber — Mose von Concy! Noch schwerer ins Gewicht fallen die sachlichen Fehler. Zunächst aus dem Gebiete der hebräischen Grammatik. S. 87 S ch a a l v t, das ist leider das sehr verbreitete, fehlerhafte Wort für S ch e e l o t, n i ch t, wie Kroner S. 169 schreibt. Sche'ilot! Es gibt wohl Sche'iltot, aber nicht Sche'ilot. Ein ebenso weit verbreiteter Fehler ist es, zu schreiben und zu sprechen N o d a B i j e h u d g, selbst ein S t e i n t h a l begeht ihn! Und doch sollte ein modern gebildeter Rabbiner es wissen, daß das Schewa unter dem Jod wegfällt und es heißen muß : B i h u d a, biruschalajim u. dgl. Eine merkwürdige Nachlässigkeit zeigt Kroner gleich in der ersten Zeile seines Buches. Er beginnt: Am 24. Tischri 444 hielten Esra und Nehemia in Jerusalem eine Versammlung ab. Die Quelle dafür ist Nehemia, Kapitel 9. Existiert für Kroner nicht das vorhergehende Kapitel, wo von einer noch wichtigeren Versammlung am 1. Tischri berichtet wird? Ebenso nachlässig ist er bei den Kreuzzügen. Er beginnt S. 128: Im Monat Mai zogen die Kreuzfahrer nach Speier, vergißt aber zu sagen, in welchem Jahr es war! In den entgegengesetzten Fehler verfällt Kroner bei Wiedergabe einiger Sprüche der Väter, da will er sogar tüfteln — und das ist vom Uebel! Man sehe sich nur die Verballhornung der herrlichen Sprüche auf S- 19 an! Aus dem Spruche: „Beurteile jeden Menschen zum Guten," der von allgemeiner Menschenliebe zeugt, macht Kroner den ungeheuerlichen Spruch: Beurteile im Gerichte jeden Menschen mit der Absicht der Rechtfertigung! Aber der Richter soll keine andere Absicht verfolgen, als das Recht zu finden! Wie unzuverlässig Kroner ist, dafür noch zwei Beispiele. Als eine Lehre R. Jochanans führt er an (S. 56): Du mahnst mich, ziehe den Splitter aus deinen Augen; ich mahne dich, entferne den Balken aus deinen Augen Nun stammt erstens dieser Spruch nicht von R. Jochanan, da schon R. Tarfon ihn «anführt (Arachin 165), es war ein bekanntes Sprichwort, wie das Neue Testament beweist. Zweitens sagt es R. Jochanan gar nicht als Lehre, sondern erklärt damit so en passant den Ausdruck d'bdism sie:? (Baba b. 15b). Den Rokeach, ein Ritualwerk, nennt er „ein Buch der Sittenlehre", das ist soviel, als wenn man das Buch Chobath Halebaboth ein philosophisches Buch nennen möchte, da ja an der Spitze der Schaar hajichud steht! Und nun zum Schluß. Kennt Kroner nicht den Unterschied zwischen einer Geschichte der Juden und einer solchen der Israeliten? Gr ätz soll nach Kroner durch seine Geschichte der Israeliten berühmt geworden sein! Also schnell — eine dritte Auflage! Dr. K a h a n, Znaim. Der Weschumrned. Bon Martha Wolfensteitt in Cleveland. Uebersetzt von Doktor W o l f e n st e i n - Znaim. (Fortsetzung.) Nicht mein gottseliger Vater, der Friede sei mit ihm, auch nicht mein Großvater haben auch nur ein einziges Wort zu lesen vermocht, das nicht in ihrem Gebetbuche gestanden ist. Das waren fromme Männer, aber Peretz hat dies von seinem Vater, Gott verzeih mir, daß ich das bekennen muß." Der Rabbi, ein junger Mann, welcher erst zwei Jahre in dieser Stadt weilte und, wie die älteren Leute sagten, neuere Ideen in seinem Kopfe hatte, war auf Peretz' Seite. „Sie müssen mir Glauben schenken, Frau Neuer," sagte er, „es ist viel Weisheit in den Büchern, welche Ihr so sehr verabscheut. Es würde viel besser um die Gaß stehen, wenn sich mehr junge Leute dem Studium derselben widmen wollten." Aber Schedel blieb schroff in ihrem Widerstande: „Das wird für uns nicht gut ausfallen," beharrte sie auf ihrer Meinung: „Wir dürfen dies von dem Grafen nicht annehmen!" Die jüngeren Leute hielten zu Peretz. I „Willst Du Dein gutes Glück mit Füßen treten? Die IZeiten haben sich geändert und Jnd und Christ sind jetzt gleich," »behaupteten diese. Die Alten schüttelten bedenklich die Köpfe und Isagten: „Der Jude und der Christ können nicht harmonieren; das wird nichts Gutes bringen." Doch der Schluß war, daß Peretz unter der Protektion des Grasen Reichenberg nach Wien ins Studium reiste. Seine Briefe waren voll von Hoffnung und Glück. Jede Sache, die er anfaßte, war angenehm und glücklich; er begann bereits Geld zu verdienen, da er einen Kurs für männliche und weibliche Handelsbeflissene eröffnet hatte, welchen er Unterricht im Lesen und Schreiben gab. Er sendete an seine Mutter von seinen Ersparnissen und bat sie, sich nicht mehr zu plagen. In zwei Jahren wurde Peretz zur Universität zugelassen und hernach war er in der Lage, seiner Mutter noch mehr Bequemlichkeit und Behaglichkeit zu verschaffen. „Nu Schedel." sagten ihr ihre jüngeren Freundinnen, „wünschest Du noch immer Deinen Peretz zu Hause zu haben und ihn des Schneiders Kinder pflegen lassen? Du lebst in Deinem Wohlstände wie eine Gräfin." Doch Schedel schaute bekümmert auf von ihrer Strickerei und sagte seufzend: „Was habe ich von meinem Sohne, wenn er in Wien ist und ich hier bin." „Schedel ist eine grämliche Brnmmlise," sagten diese; aber die alten Leute seufzten und sagten mitleidsvoll: „Sie hat ihre Sorgen." Eines Tages fanden die Nachbarn Schedel mit einem stark zerknitterten Briefe in ihrer Hand wie tot in der Flur hingestreckt. Sie legten sie auf ihr Bett und schickten um den alten Dr. Pinkns, doch trotz aller Bemühungen blieb sie bewußtlos. Dann schickte man um den Rabbiner, welcher den Brief vorlas. Sein Inhalt war folgender: „Meine geliebte Mutter! Es bricht mir nahezu das Herz, Dir dies zu schreiben, da ich weiß, wie sehr es Dich kränken wird. Wüßtest Du, welche Pein und welchen Seelenkampf ich durchgemacht habe, würdest Du mir verzeihen und mich nicht verdammen. Was ich zu tun im Begriffe bin, muß sein, da sonst all mein Streben und mein ganzes Leben vernichtet sein würden. Teure Mutter, es ist ja nur eine Formalität — ein leeres Nichts. Meine Seele hängt unlösbar an Dir. an unserer trauten Gasse, an unseren geliebten Freunden zu Hause. Willst i Du aber, daß ich heimkehre, um wieder für den Schneider zu 1 arbeiten, oder im besten Falle ein ärmliches Leben durch Er-- , teilung von Unterricht zu zehn Kreuzer die Stunde zu führen?! Soll ich wie Dr. Pinkus meinen Geist, meinen Körper, meine i Seele in den Mauern des Ghetto versumpfen lassen? Wäre er! nicht ein Jude, er könnte heute Professor an der hiesigen medizinischen Fakultät sein. Und der arme Aron Silberstein — ist er nicht vertümmert, grau geworden und verkommen in seiner kleinen Bude? Er könnte heute Präsident des obersten Gerichtshofes in Oesterreich sein, wenn er sich dazu verstanden hätte, i sich taufen zu lassen. Ich sage Dir. dies ist Eigensinn, nichts j als Eigensinn: eine geringfügige Zeremonie, einige Tropfen! Wasser, kann dies die Seele umändern? Oder besteht die wahre i Religion darin, was einer ißt, oder in den Riemen, die er sich! um die Stirne bindet, oder daß er in hebräischer Sprache betet? Schließlich sind beide einander gleich — Judentum und Christentum — beide für die Veredelung und die Seligkeit des Menschengeschlechtes. Alles übrige ist eine Lappalie, eine leere Form. Allein, wir können die Welt nicht umändern! Wenn aber die Mehrzahl der Menschen Vorurteile hat und darauf besteht, daß wir Christen werden, dann ist es widersinnig, sich dagegen wie trotzige Kinder zu wehren. (Fortsetzung folgt.) 9QT Die geehrten Mitarbeiter unseres Blattes werden höflichst ersucht, die Manuskripte an den Chefredakteur unseres Blattes. Dr. M. tzöwy, I., Wipplingerstraße IS direkt zu senden. £arantieit narurechtesj gS. feinstesj S^sPHanzem SFE®

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