Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 24 (22.6.1906)
- Date
- 1906-06-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24. Die Wahrheit Seite 7. des Mitleids hervorzurufen. Denn das Glück des jüdischen 'Volkes, wie auch das Glück des russischen Volkes muß auf den Grundlagen der Gerechtigkeit ruhen. Wir hatten nur vor Augen, wenigstens einen Zipfel dieses schrecklichen Bildes aufzudecken, das nufere Minister, Artisten dieser in ihrer Art, Analen. Die Farben dieses Bildes sind schwarz, mit Blut besteckt. Ich denke, daß die Herren nns verstehen werden, wenn wir sagen, daß wir doppelt entrüstet sind. Wie schmerzhaft ist es, daß sogar in einer freiheitlichen Bewegung wir als die Zielscheibe dienen! Die Negierung will die Freiheitsbewegung im Blute ersticken und beginnt mit uns. Darum bitte ich, daß die Duma die Dringlichkeit der Interpellation anerkenne, daß sie auf die Schandtaten reagiere, die vor unseren Augen zu Anfang des 20. Jahrhunderts im Angesichte von ganz Europa begangen werden." Karl Schar;. Der vor kurzem gestorbene Karl Schurz hat bewiesen, daß man gleichzeitig sein Geburtsland und sein Adoptiv-Vaterkand lieben kann, daß man gleichzeitig ein sehr guter Amerikaner und nicht minder guter Deutscher und daß man beides sein kann und obendrein sehr warm und, so oft sich eine Gelegenheit bietet, für die verfolgten Juden eintreten kann. Karl Schurz, der einer der angesehensten Bürger der Vereinigten Staaten, amerikanischer General und Minister war, den ein Bismarck empfangen und dessen Hinterbliebenen der deutsche Kaiser sein Beileid ausgedrückt hat, wird ja wohl nicht im Verdacht stehen, Jndenknecht gewesen zu sein, Aber er ist wie stets für ungerecht Leidende so auch jederzeit mit der ihm eigenen Wärme für die Juden eingetreten, die an ihm einen wahren und mächtigen Freund gehabt haben, und dessen Tod sie jetzt aufrichtig beklagen. -Wie sehr die amerikanischen Juden mit Karl Schurz und aus ihn rechneten, geht daraus hervor, daß sie ihn oft zu ihren öffentlichen Festlichkeiten und Feierlichkeiten als Redner einluden. Das geschah auch damals, als Eduard Lasker starb und die New-Iorker dem in ihrer Mitte gestorbenen deutschen Volkstribunen Ehren erwiesen, wie sie dort noch nie einem Juden erwiesen worden waren. Da war es Schurz, der die Ansprache hielt, in welcher er ausführte: ,/Es klingt wie eine Verleumdung der Menschennatur, wenn wir von jenseits des Ozeans hören, daß die Fanatiker dieser neuen Judenverfolgung, dieser unsinnigen Verhöhnung der vielgerühmten Aufklärung des neunzehnten Jahrhunderts, nachdem sie bereits seine (Lasters) letzten Lebensjahre verdüstert haben, jetzt noch, da er im Sarge ruht, zu schmähen 'sich bemühen, nur weil er ein Jude war. Laßt uns Mitleid mit ihnen haben, denn sie haben keine rechte Vorstellung von ihrer Schmach und Schande; man kann wahrlich von ahnen sagen: sie wissen nicht, was sie tun. Aber mit um so größerem Stolze stehen wir hier, amerikanische und deutsche Burger eines freien Landes, und auf unserer Seite steht jeder ehrenhafte Mann, der eines Mannes wahren Wert achtet, und indem wir an sein edles Herz, an seinen hohen Sinn und an den hochstrebenden Ehrgeiz des Verstorbenen denken, halten wir ihm die Bruderhand entgegen auch über das Grab hinaus." Der Antisemitismus war Schurz noch deswegen besonders verhaßt, weil es den Edlen schmerzte, daß er in seinem Geburtslande entstanden ist. Er betrachtete ihn als die niedrigste Aeußerung der Menschennatnr. Und dieser Ansicht gab er wiederholt den schärfsten Ausdruck. So sagte er bei der Einweihung des Montefiore-Home in New-Iork: „Ehre den Männern und Frauen, die dieses zustandegebracht haben, und die noch mehr zustandebringen werden. Sit machen der Gemeinde Ehre, die sie zu den ihrigen zählt; denn jede Gemeinde, wie hohe'Ansprüche sie auch mache, wird sich geehrt fühlen durch Mitbürger, die so hohe Ansichten von ihren Pflichten der Menschheit gegenüber haben. Und wer sind diese Mitbürger? Es sind Juden. Dieses ist nicht das einzige Monument, das die Inden von New-Pork ihrem Wohltätigkeitssinn und ihrem Gemeinsinn errichtet haben. Es sind noch andere da, von denen einige dieses an Geldwert und Großartigkeit übertreffen. Aber keines der von ihnen und keines der von irgend einer anderen Klaffe unserer Mitbürger errichteten übertrifft es, nein, kommt ihm auch nur gleich hinsichtlich der Schönheit der Empfindung und des Zweckes. Und für wen ist das getan? Hören wir die edlen Worte des Präsidenten der Gesellschaft, wie sie in dem Berichte des letzten Jahres zu finden sind: „Als Juden find wir durch die Verhältnisse gezwungen und werden wir von unserem Wunsche getrieben, Vorsorge zu treffen für die Bedürftigen unseres Glaubens, aber das darf uns nicht dazu führen, irgend ein menschliches Wesen seines Glaubens wegen von der Wohltat einer Institution auszuschließen, deren Zweck ist, körperliche Leiden zu heilen." So ist denn dies getan zum Nutzen der menschlichen Bruderschaft, und das ist so recht im Sinne des Mannes, dessen Namen dieser Bau führen soll." Im weiteren Verlaus seiner Rede sagte Schurz: „Wenn die alte Welt uns ihre Adelsschlösser und ibre Königspalüste zeigt, dann kann die amerikanische Republik, wie Cornelia einst aus ihre Kinder als ihre Juwelen hinwies, auf ihre Schulen, Hospitäler und Asyle, die durch die patriotische Generosität einfacher Bürger begründet worden sind, Hinweisen uild sagen: Das sind meine Schlösser und Paläste. Daß das amerikanische Volk zu solcher stolzen Auszeichnung berechtigt ist, dazu haben die Inden soviel wie jede andere Klasse von Bürgern beigetragen, nein, ich kann hier wiederholen, was ich an anderen Stellen gesagt habe: Die Juden haben im Verhältnis zu ihrer Anzahl weit mehr getan. Ich wiederhole dies um so lieber, als ich jüngst Gelegenheit gehabt, den Ursprung, den Charakter und die Ziele der sogenannten antisemitischen Bewegung zu beobachten. Angesichts dieser Bewegung, fuhr Schurz fort, die seit einigen Jahren etliche Länder in Europa in Aufregung versetzt und ihre Schatten über den Ozean bis zu uns geworfen hat, ist es für das menschliche Herz überaus erfreulich, den Präsidenten des Montestore-Home sagen zu hören, daß. während dieses Heim bestimmt ist, die Aermsten Israels zu beherbergen, kein menschliches Wesen wegen seines Glaubens von seinem Schutze ausgeschlossen fein solle. Er könnte die antisemitischen Schreier bei der Hand nehmen,' ihnen die Hospitäler, Waisenhäuser, Armenschnlen zeigen, die mit jüdischem Gelde gegründet, mit jüdischer Arbeit, jüdischem Gemeinsinn, jüdischer Wohltätigkeit und Hingebung unterhalten werden und ihnen sagen: Wenn Sie einen Kranken, einen Greis, Kinder haben, die nirgends Hilfe finden können, hier ist Platz für sie, hier sollen sie willkommen sein. Was könnte ein Antisemit daraus erwidern? Rein! Nein! Diese Bewegung kann nicht von Dauer sein. Sie muH in ihrer Scham ersticken. Die edelmütigen Impulse der Menschennatnr und der Zivilisation unserer Zeit werden ihr ein schmachvolles Ende bereiten. Was dagegen von Dauer sein wird, das sind der wohltätige Einfluß und die schöne Erinnerung, solcher guten Werke, wie Ihr und die brüderliche Menschheit sie geschaffen." Zu einer vom „American Hebrew" im Jahre 1890 veranstalteten Zusammenstellung von Meinungen über das Vorurteil gegen die Juden hat auch Schurz einen Artikel geliefert, in welchem es n. a. heißt: ..Eine lange Erfahrung und ausgedehnte Bekanntschaft mit Leuten der verschiedensten Klassen, Glaubensbekenntnisse und Stände haben mich gelehrt, daß in vielen Fällen diejenigen, welche am lautesten darauf dringen, die Menschen nach ihrer Religion oder Nationalität statt nach ihrem Charakter zu beurteilen, selbst nicht viel Charakter haben, ans den sie stolz sein können, und darum einen anderen Maßstab für die Beurteilung vorziehen. Es gibt Menschen so ohne jede Selbstachtung, daß sie glauben, sie stellen sich sel'ost aus ein höheres Piedestal, wenn sie einer anderen Volksklasse das Stigma der Minderwertigkeit anhesren, Menschen von so gemeiner Gesinnung, daß sie sich groß Vorkommen, wenn sie Jemand haben, den sie mit Füßen treten können." Man wird zngeben müssen, daß Schurz in diesen letzten Sätzen mit großer Menschenkenntnis in wenigen Strichen den Charakter einer ganzen, vielleicht der Hanptgruppen der deutschen Antisemiten gezeichnet hat. Und alles, was er, wie wir oben gesehen, gesagt hat, liefert den Beweis, daß er trotz seines langen Aufenthaltes in Amerika unendlich viel deutscher ist als die Teutobolde daheim, die in Wahrheit nur dem deutschen Namen im Anslande Schande bereiten. Es ist begreiflich, daß die amerikanischen Juden und die amerikanische jüdische Presse den erlittenen Verlust tief beklagen und dem Dahingegangenen die wärmsten Nachrufe widmen.