Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 24 (22.6.1906)
- Date
- 1906-06-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 24. neuer Sklepiki besitzen, während es wohl kaum Juden geben wird, welche ihre Kinder der Greislereikarriere widmen. Dies wird also den Bezirks-, Stadt- und Dorfpaschas und deren Chuliganen eine gesetzliche Handhabe bieten, die Juden auszutreiben, wozu die galizische Regierung sehr bereitwillig ihre Brachialgewalt leihen wird. Nimmt man noch dazu die Einschränkung des Hausierhandels, die Sonntagsruhe, das polnische Salzmonopol, das Spirituskartell, alles grundstürzend mitwirkende Kräfte im Verelendungsprozesse der Juden, und Galizien wird unter dem Schutze parlamentarischer, menschenmordender, unangreifbarer Faktoren zum ersten Chnliganenland vorrücken. Wir schweigen in diesem Aufsatze von dem Vertilgungskamps. welcher gegen die charaktervolle jüdische Intelligenz geführt wird, welche es verschmäht, chamäleonartige Gewissenselastizität sich anzueignen, um durch die Taufe in den Besitz einer Staatsanstellung zu gelangen. Wer sieht da nicht ein, daß es Aufgabe aller Juden, selbst der Großjuden wäre, sich der Gesetzwerdung jener unheilbringenden antisemitischen Gewerbegesetze entgegenzustellen und dem Uebel vorzubeugen, das zu einer Katastrophe für ungezählte Tausende jüdischer Familien führt. Im Reichsrate hätten alle jüdischen Abgeordneten die Pflicht, sich in die Vorderreihe der Diskussion zu stellen, und gewiß werden noch andere uichtjüdische Abgeordnete, wie unser Abgeordneter Ernst Breiter, Ritter v. Wassilko rc. sich ihnen anschließen. Wer von ihnen in jenem bedeutungsvollen legislativen Moment schweigt, wird als Mitschuldiger an der Verelendung unserer Brüder in und außerhalb Galiziens betrachtet werden; wir zitieren ihn vor das Gericht der öffentlichen Meinung und er wage es nicht, vor den Schranken einer neuen Wahlkadenz zu erscheinen, um ein Mandat zu erhaschen. Leider fehlt uns der so oft von uns angeregte nationale Zusammenschluß aller österreichischen Juden zu einem Zentralverbande. Welche eine glänzende Tat stünde ihm bevor! Allein die Zeit ist zu kurz für ein so erhabenes Werk jüdischer Konsolidierung und Konzentrierung; daher geht unser Mahnruf: caveant consules an die einzelnen Abgeordneten, als die derzeitigen Träger unserer nationalen Repräsentanz. Sie mögen mutig und beherzt am Kampfplatz vor dem Schottentor erscheinen und sie werden damit auch den bevorstehenden Wahlkampf für die neue Parlamentsära wirksam vorbereiten. Dr. Rüben Vierer. Die Siede eines jüdischen Abgeordneten in der Dnma. Aus Petersburg kommt eine wörtliche Uebersetzung der Rede des Abgeordneten L e w i n, welche dieser in der Duma anläßlich der Debatte über die Interpellation wegen Bialystok hielt. Man muß die Klarheit und kraftvolle Nüchternheit dieser Rede eines jüdischen Abgeordneten bewundern, die, von aller Sentimentalität frei, doch ein erschütterndes Bild von der traurigen Lage des russischen Judentums entwirft, und neben dem rhetorischen Interesse dieser Rede ist es politisch bemerkenswert, daß diese den wahren Grund der Judenhetzen in Rußland rücksichtslos enthüllende Darstellung in der Duma, in welcher die Vertreter des ganzen russischen Reiches sitzen, mit stürmischem Beifall ausgenommen wurde. Die Rede lautet, wie folgt: Äbg. Lew in: „Ich muß mit aller Kraft an mich halten, um nicht in einen Ton zu verfallen, der sich für dieses Haus nicht eignet. Denn die Leichen in den Straßen von Bialystok sind noch nicht gesammelt. Aber ich will nicht das Gefühl des Mitleids Hervorrufen; denn wo es sich um das Schicksal von sechs Millionen Menschen handelt, ist Mitleid nicht am Platze, nur Gerechtigkeit fordere ich. In Bialystok ist etwas Schreckliches geschehen. Es waren dieselben Erschießungen, die wir kennen, nur ohne-Kriegsgericht; und ihre Opfer waren nicht die, welche vom Standpunkt der Sicherheit die Schuldigen waren, sondern ruhige Bürger, wehrlose Greise, Mütter und Kinder. In dem Massaker von Bialystok sehen wir nicht einen vereinzelten Fall, nicht eine abgesonderte Monographie, das ist nur ein Kapitel des vielbändigen Buches der Jndenmassakers, deren Autor ein Anonymus ist, den das Polizeidepartement genau kennt. Bialystok ist ein Glied in der langen Kette der jüdischen Leiden. Das ist die Folge jenes Systems, mit welchem Sie, meine Herren, kämpfen wollen. Die russische Regierung muß einige Millionen schwacher Bevölkerung haben, die keine Rechte hat. Ich sage mehr: Wenn es keine Juden in Rußland gäbe, müßte die russische Regierung aus anderen Ländern irgendwelche Bevölkerung hieher bringen, die ohne Recht und Hilfe ist, um im kritischen Moment den Zorn der Volksmassen auf die Linie des geringsten Widerstandes lenken zu können. Dieses Opferlamm ist bei uns das der Rechte beraubte Judentum. Die Massen wissen, daß es bei uns Bürger erster, zweiter und dritter Kategorie gibt. Zur letzten Kategorie werden die sechs Millionen Juden gezählt. Die Massen sind in dieser Ueberzeugung erzogen, daß gegenüber den Juden alles möglich ist, weil sie Bürger niederer Kategorie sind, weil sie keinen Schutz finden, wenn sie ihn brauchen. Die Massakres sind ein ganzes System. In den Oktobertagen, als das russische Volk wie ein Mann.sich von seinen Fesseln zu befreien begann, hat die Regierung kein anderes Mittel gegen den Freiheitskampf gefunden, als das bekannte Manöver, den Zorn der Massen auf die Linie des geringsten Widerstandes zu lenken. Ihr wißt, meine Herren, wie dieser Abschnitt der Geschichte geendet hat. Jetzt wiederholt sich dasselbe. Das ist die zweite verbesserte Auflage. Man hat die Duma einberufen, in ihr ist der Wille des Volkes ausgedrückt, wir alle streben nach Freiheit, und dieser Wille des Volkes stößt auf Widerstand. Ich fürchte, Bialystok ist die erste Seite des zweiten Kapitels. Dieses System war vorbereitet, in allen Details durchdacht. Und wir wissen, wer diese Massakers vorbereitet. Wir kennen die Gouverneure, welche die Greise unter der jüdischen Bevölkerung zu sich riefen und ihnen sagten: „Wenn es euch nicht gelingt, eure Jugend zu beruhigen, so werden wir uns mit euch nach unserer Art auseinandersetzen." So können nur Leute sprechen, die bar jedes Gewissens und der elementarsten Begriffe der Gerechtigkeit sind. Nicht bloß die Gouverneure, auch die Polizeikommissäre, diese kleinen Tyrannen, veranstalten Massakers gegen ihre Untertanen, weil auch sie wissen, daß ihre Untertanen in Kategorien zerfallen, und sie mit der letzten Kategorie verfahren können, wie sie wollen. Wir kennen die Erschießungen, die von den Kriegsgerichten vorgenommen werden, aber dort ist wenigstens der Schatten einer Gerichtsform, hier fehlt sogar das, hier ist der Richter die wilde Masse, die gern von dem Rechte der Straflosigkeit Gebrauch macht. Die Regierung hat uns in den Bürgerrechten eingeschränkt, sie nimmt uns das Recht der Freizügigkeit, aber sie will, daß wir zweifach eingeschränkt werden. Sie kann unsere Teilnahme an der Freiheitsbewegung nicht ertragen und will uns in die ideellen Grenzen der Ansiedlung sperren. Aber vergebens. Die Ansiedlungsgrenze kann man auf der geographischen Mappe durchführen, aber dort kann sie nur bis zu einem gewissen Zeitpunkte bestehen. Es gibt kein Volk, bei welchem die Erreichung der Freiheit nicht, mit dem Sturze der Mauern des Ghetto verbunden wäre. Wenn das russische Volk seine Freiheit erlangen wird, werden auch diese Mauern stürzen. Wir werden mit der Freiheitsbewegung sympathisieren, ohne Rücksicht darauf, wie viele Opfer das uns kostet. ’ In den Vorgängen von Bialystok müssen wir eine indirekte Antwort auf die Interpellation der Duma sehen, auf welche die Regierung zu antworten nicht für notwendig gehalten hat. Mit einem Telegraphen ohne Draht hat sie uns die Antwort auf alle unsere Interpellationen geschickt, sie spricht mit der Sprache der Leichen, sie schreibt ihre Antwort auf unsere Interpellationen mit dem Blute unschuldiger Opfer. Als wir die Interpellation über Bialystok unterschrieben, hatten wir nicht die Absicht, bei irgend jemandem das Gefühl