Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 24 (22.6.1906)
- Date
- 1906-06-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24. Die Wahrheit. Seite 5. namentlich des Hauses Rothschild, unentbehrlich. Die großen , französischen Bankiers wußten gar wohl, daß das Publikum j ihnen nicht folgen würde, wenn sie der italienischen Regierung! die gewünsche Hilfe gewähren würde, ehe diese Beweise ihrer! veränderten Haltung gegeben. Billot kam nun eines Tages auf > die Cousulta gerade in dem Moment, als die Verireler der j Pariser haute fmance das Kabinett des Premierministers verließen. Rndini war nervös, aufgeregt und sagte zu dem französischen Gesandten, Herrn Billot: „Ihre Finanzmänner haben mich in diese Lage gebracht. Würden Sie es glauben, daß sie soeben gewagt haben.. . Sie halten uns für so heruntergekommen. O, sie kennen mich sehr schlecht. Sie haben mir ihre Hilfe zum Kauf angeboten. Sie haben sich erlaubt, von dem Dreibund zu sprechen; sie haben gewagt, mir Bedingungen zu stellen, mir! O diese Juden! Ich weiß nicht, wie ich mich habe znrückhalten können, sie zum Fenster hinauszuwerfen.' Billot erwiderte: „Pst! Herr Präsident! Sprechen Sie leiser! Herr Luzzatti und Herr Malvauo, Ihre Mitarbeiter und Freunde, sind doch sehr ehrenhafte und sehr ausgezeichnete Semiten. Wenn sie Sie hörten!' Der Ministerpräsident beruhigte sich, fing an zu lachen und entschuldigte sich wegen seines heftigen Ausfalls. — Und dennoch haben die jüdischen Bankiers ihre Bedingungen nicht als Juden, d. h. in irgend einem jüdischen, sondern als Franzosen, im französischen Interesse gestellt. Sie waren französische Patrioten, nicht Juden, Kosmopoliten. Aber die Inden können machen, was sie wollen, immer finden sich welche, sogar, wie gesagt, gebildete und hochstehende Persönlichkeiten, die bei jeder ihnen unbequemen Gelegenheit „O diese Juden!" ausrusen. Die Gefahre»» der Grwerbe»iovelle. Während in unserem Kaiserstaate die einzelnen Teile desselben auseinander- und gegen einander ringen, Ungarn eine chinesische Mauer gegen Oesterreich aufführen, Galizien eine Sonderstellung einnehmen und Böhmen die Deutschen aus seinem tschechischen Leibe ansschneiden möchte, gewinnt der Antisemitismus mittlerweile Zeit und Gelegenheit zu heinuücklscher Arbeit und wirbt die bösen Geister in allen Teilen .der Monarchie, um ungeahnt und unbelauscht die ärmeren Schichten unseres bedauernswerten Volkes, die Massen des Kleingewerbes, zu untergraben und sie in den Hungertod zu treiben. Da wir leider keine bodenständige Volksklasse, den Bauernstand, besitzen und Hunderttausende dem Kleinhandel und dem Kleingewerbe obliegen müssen, trifft jedes „Gesetz", welches die Herrschaften der Antisemitengilde von ihren sakrosankten Sitzen aus schaffen, um so verderblicher, oder offen gesprochen, judenmordender. In Galizien hat der Asemitismus, dank dem Rothschildscheu Kapital, ein neues Kunststückchen, das Spirituskartell, fertig gebracht, damit der verschwenderische Großadel mehr Tausende für die noble Demimonde zur Verfügung hat und die bigotte Schlachta männlichen und weiblichen Geschlechtes mehr Geld auf den Mädchenfang in Galizien an die verschiedenen heiligen Schwestern und Brüder hinausschmeißen kann. Händeringend und totenbleich begegnen wir hier den Schnapsvermittlern, welche seit Jahrzehnten einen wohlhabenden Stand repräsentierten und von welchen wieder je ein kleiner Kreis von ärmeren Stammes- und selbst Nichtstammesgenossen zu leben pflegte — mit den herzbeklemmenden Worten: »Wir sind verloren, unsere Nahrungsquelle versiegt; jüdische Großfinance und polnische Schlemmer haben ein Mordkartell abgeschlossen und uns dem Hungertod ausgeliefert. Was soll nun aus unseren Kindern werden?" Und 15.000—20.000 Familien wiederholen denselben Refrain. Diesen Judenmördern soll nun der Staat mit seiner allmächtigen Gewalt, mit seiner Gesetzgebung zu Hilfe eilen, und darauf zielen die Bestimmungen der neuen Gewerbenovelle ab. Wiederum stehen ungezählte Tausende jüdischer Familien vor der Verhungerungssrage. Das Kleinstgewerbe soll derart verbarrikadiert werden, daß der ärmste Jude, dem kaum ein paar Gulden (und diese sind zumeist geliehen) zur Verfügung stehen, , um seine dürftige Familie noch dürftiger zu ernähren, nicht j mehr hinein kann. Das bezwecken die famosen Greisler- und! Hausiererparagraphe mit dem Befähigungszwang und mit den ' unerhörten Quälparagraphen im Hausiergesetz. Wir haben seiner- > zeit den Entwurf in der „Drohobyczer Zeitung" besprochen, j wie dieser aus der Hand seiner antisemitischen Schöpfer hervorgegangen, nunmehr unter der Oberhoheit des Lemberger Oberasemiten Dr. Machalski seiner Vollendung entgegenharrt. Heute wollen wir uns den Spießrutengang durch die einzelnen Paragraphe abkürzen, und nur zu den in Nr. 34—35 der „Dr. Ztg." erschienenen Artikeln einiges hinzufügen. Zunächst über die Lächerlichkeit des Befähigungsnachweises bei der Greislerbranche. Wenn irgendwo der Befähigungsnachweis entbehrlich ist, erscheint er bei diesem Kleinstgewerbe geradezu lächerlich. Wer wird bei Juden Greisler? Ein Physisch und materiell starkes Individuum wohl kaum je! Man kann die biologische Struktur derselben wie folgt darstellen. Irgend eine Familie, welche bessere Tage gesehen, irgend eine unglückliche Witwe mit Kindersegen beglückt, welche nach dem Tode ihres Mannes vor die Frage gestellt wird: Was werden wir essen, woher unseren Lebensbedars beziehen? verfällt plötzlich auf den glücklichen Gedanken, eine Greislerei zu errichten, um ihre letzten paar Kreuzer in den Dienst ihrer unglücklichen Situation zu stellen, wobei dieselbe auf das Wohlwollen ihrer ehemaligen Freundinnen rechnet. Gelingt dieser heroische Entschluß. geschieht das Wunderbare, daß die betreffende Familie sich in ihrem Kalkül nicht getäuscht hat, dann erst folgen die Zeichen und Wunder, daß diese Familie wohl sehr karg, aber auch auf anständige Weise sich fortfretten kann. Was soll nun geschehen, wenn eine solche Familie den Befähigungsnachweis erbringen muß, wo es doch gewiß keinem Menschen einfällt, sechs Jahre zu praktizieren, wie man ein Quart Fisolen, Erbsen rc. zu verkaufen, oder eine Untersuchung auf die Güte der Eier mit Röntgen vorzunehmen Hai. In dem Falle müßten htinderte ja tanfende Familien dem gräßlichsten Elend, dem Hunger, der öffentlichen Schande, der geheimen oder öffentlichen Feilbietung lebendiger Ware anheimfallen. Muß man da nicht fragen: Wie weit soll die zöpfische Zünftelei, dieses Erbe des Mittelalters, die Hände des brodsuchenden Publikums binden? Soll denn alles unter der Zwangsjacke der Dressur, des Zeitverlustes und unnützer Geldvergeudung seufzen? Da lobe ich mir die Türken, welche noch nicht an jener Kulturbelecktheit leiden, dem nackten Leben die Erwerbsmöglichkeiten zu rauben. Man wird uns wohl von antisemitischer, resp. polnischasemitischer Seite entgegenhalten wollen, daß die Gewerbegesetze gar keinen konfessionellen oder nationalen Charakter besitzen, sondern allgemein bürgerlicher Natur sind. Allein wer nur einigermaßen mit den Verhältnissen in Galizien bekannt ist. wer da weiß, mit welcher Akribie und Konsequenz seit Beginn der Verfassungsära der bitterböse Kampf gegen die Juden nach Jan Dobrzanski, dem ersten galizifchen Haman, auf ökonomischem Gebiete geführt wird, wer mit klaren Augen schauen will, wie das Fußfassen der galizifchen Juden auf dem flachen Lande mit allen Mitteln stiller aber unwiderstehlicher Gewalt verhindert wird, der muß zugeben, daß das Gewerbegesetz, welches unter dem polnischen Obmanne Dr. Malachowski zurechtgebraut wird, den blutgetränkten Boden neuer und unaufhörlicher Kleinjudenverfolgungen in Galizien bilden wird. Jesuitismus und Asemitismus. jene zwei verwerflichen Höllenmächte, stehen ihm zu Gevatter. So z. B. ist heute schon tausenden jüdischen Familien das Leben auf dem Lande, dank der sklepiki (Läden), unmöglich gemacht. Der polnische Landpfarrer, vereint mit dem Bezirkspascha und den Gendarmen, stacheln von der Kanzel bis zur Schnapsbude herab das Volk an, bei Juden nicht zu kaufen. Die Auswanderung verbunden mit der Bettelei hat große Dimensionen angenommen, und soll nun noch behufs Eröffnung einer Greislerei eine sechsjährige Praxis nötig sein, dann werden die Kliquemänner der polnischen Hegemonie, welche über 8000 Sklepiki verfügen, das vorgeschriebene Material zur Eröffnung