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Die Wahrheit · 1906-06-22 · Heft 24 (22.6.1906) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 24 (22.6.1906)
Date
1906-06-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 24. Bürgermeister Dr. Lueger ist zum Besuch der Ausstellung nach Bukarest gereist, woselbst er, wie die Zeitungen berichteten, mit großer Aufmerksamkeit und Ehre emstfangen wurde. Abgesehen von dem politischen Zweck, der mit dieser Reise verbunden sein soll, sind wir überzeugt, daß ihn sein Herz nach dem klassischen Lande der Judenentrechtung zog und daß die Liebe, der er die Rumänen bei mannigfachen Anlässen versicherte, eine vollkommen aufrichtige sei. Für eine solche Reise war auch Mechaniker Schneider, der Schwärmer für Judenschußgelder, der richtige Begleiter und beiden wird es dort an kongenialen Gesinnungsgenossen nicht fehlen. 4- * Mit welchen Mitteln unter dem antisemitischen Regime die Wahlen in den Wiener Gemeinderat gemacht werden, trat in der vor kurzem durchgesührten Debatte über die Verifikation der letzten Gemeinderatswahlen neuerdings klar zutage. Bekanntlich hat der jüdische Gemeinderat Kleb in der bei diesem Anlasse in öffentlicher Sitzung Mitteilung von einem telephonischen Gespräch gemacht, welches ein höherer Magistralsbeamter am Tage der Wahl der Gemeinderäte und Bezirksräte aus dem zweiten Wahlkörper in der Leopoldstadl vom Gemeindeamte aus mit dem Präsidialburean geführt hatte. Das Gespräch hatte um %9 Uhr noch während des Skrutimnms stattgefunden. Hierüber wurde nun vor einigen Tagen der Vorsteher des zweiten Bezirkes, Herr Georg Niebauer, vor dem Magistrate als Zeuge vernommen. Bezirksvorsteher N i e b a u e r deponierte: Er sei nach 1/.1§ Uhr abends am Tage der Wahl aus dem zweiten Wahlkörper im Begriffe gewesen, sein Bureau zu verlassen. Als er zu der offenen Zimmertür kam, sah er einen Magistratssekretär, dessen Namen Herr N i e b a u e r zu Protokoll gab, das Zimmer betreten und aus das unmittelbar neben der bezeichnten Tür befindliche Telephon zueilen. Um nicht zu stören, sei N i e b a u e r aus dem Zimmer gegangen und bei der Tür stehen geblieben. Er hörte nun, wie dieser Sekretär das Präsidialbnreaü anrief und folgendes in das Telephon sprach: „Sondieren Sie den Herrn Bürgermeister, was ihm lieber ist, ein kleiner Sieg oder eine Stichwahl." Der Sekretär habe noch hinzugesügt, er werde später wegen der Antwort anrnfen. Diese Erklärung des Bezirksvorstehers N i e b a u e r wurde zu Protokoll genommen, welches dann von dem Zeugen unterfertigt wurde. * * ... Unter den aufregenden politischen Ereignissen der letzten Tage trat die Annahme des Pensionsversicherungsgesetzes für Privatangestellte seitens des österr. Herrenhauses völlig in den Hintergrund. Und doch ist dieses Gesetz nicht nur für die Allgemeinheit, sondern ganz besonders für die jüdischen Kultusgemeinden und die jüdischen Kultusbeamten von großer Bedeutung. In Oesterreich haben die jüdischen Gemeinden seit jeher der Fürsorge für ihre Angestellten wenig Interesse entgegengebracht und auch der österr. israel. Gemeindebund hat diese Gelegenheit, sein Scheinleben durch eine kraftvoll eingeleitete Aktion wirksam auszusrischen, achtlos vorübergehen lassen. Daher war es hoch an der Zeit, daß von staatswegen die Initiative zur sozialen Fürsorge auf diesem Gebiete gegeben wird. * In Deutschland haben die jüdischen Gemeinden für diese Pflichten gegenüber ihren Angestellten mehr Verständnis und Entgegenkommen gezeigt und nicht nur der deutsch-israelitische Gemeindebund hat schon seit Jahren nach dieser Richtung Ersprießliches geleistet, sondern auch gegenwärtig, wo der Plan einer einheitlichen Verfassung der preußischen Juden im Vordergrund der Diskussion steht, wird selbst von den Gegnern einer solchen Organisation, den Orthodoxen, einmütig betont, daß ein allgemeines Interesse dafür besteht, die Rechts- und Pensions- Verhältnisse und die Witwen- und Waisenversorgung der Kultusbeamten einheitlich zu regeln und zu sichern. * * * Der ungarische Kultusminister Gras Appo u y i hat gleich bei seinem Amtsantritte den Vertretern der jüdischen Korporationen erklärt, daß er in seinem Amte gegenüber den einzelnen religiösen Parteien des ungarischen Judentums vollste Objektivität zu wahren gedenke. Einen Beweis hiefür gab er nun in den letzten Tagen gelegentlich einer Aufwartung des Präsidenten der israelitischen Landeskanzlei, der in Vertretung der Neologen die Annullierung der bereits sanktionierten neuen Verfassung der Orthodoxie und die Einberufung eines einheitlichen jüdischen Kongresses verlangte. Kultusminister Apponyi dankte für die Begrüßung, bemerkte aber, es wäre absurd, daß in einem Staate, in welchem Gewissensfreiheit herrscht, die Regierung in jüdisch-religiösen Angelegenheiten Partei ergreife. Die Gewissensfreiheit müsse leitendes Prinzip bleiben. Die Regierung werde mit größter Objektivität Vorgehen. * Die politischen Motive des D r e y s u s - P r o z e s s e sliegen nun klar zutage und der vor einigen Tagen vor dem Kassationshose begonnene Revisionsprozeß wird wahrscheinlich mit der endgültigen Rehabilitierung Dreyfus' endigen. Nicht weniger als sechs neue Tatsachen sollen der Revision zu Grunde liegen. Diese sind: 1. Die Rohrpostkarte (rpetit bleu“), welche der italienische Militärattache Panizzardi an den deutschen v. Schwartzkoppen richtete, soll nicht aus dem Jahre 1894 stammen, wie man in Rennes annahm, sondern aus dem Jahre 1895, also aus einer Zeit, da Dreyfus schon auf der Teufelsinsel war. Das Schriftstück lautete: „Ich teile Ihnen mit, daß ich die Organisation der Eisenbahnen haben werde". 2. Ein Konzept, betreffend die Verteilung der Artillerie-Regimenter auf die Armeekorps, das nach der Anklage aus der Kanzlei verschwunden sein sollte, ist in dieser Kanzlei wieder aufgefunden worden. 3. Es hat sich heransgestellt, daß in einem der Stadrtelegramme eines Militärattaches an seinen Kameraden der Anfangsbuchstabe des Namens des spionierenden französischen Agenten ausgekratzt und durch ein O ersetzt worden ist. 4. Seit 1899 ist die Entdeckung gemacht worden, daß eine Anzahl von Schriftstücken, die beweisen, daß Dreyfus an den ihm zur Last gelegten Verbrechen unschuldig ist, im Renneser Prozesse nicht figurierte. 5. Ebenfalls seit 1899 hat man ein Dokument entdeckt, äuT dem hervorgeht, daß Dreyfus niemals ein Geständnis der Schuld abgelegt hat. Es ist dies, wie wir kürzlich gemeldet, eine Depesche des Majors Guerin, der am Degradierungstage kommandierte, an den Militärgouvernenr von Paris, General Saussier. Sie lautet: „5. Januar 1895. 9 Uhr 20 i Minuten vormittags — Parade beendigt. Dreyfus hat gerufen : .Yive la France!“ und seine Unschuld beteuert. Kein anderer Zwischenfall". In Rennes sagte jedoch Oberstlieutenant Guerin, Unterchef im Generalstabe Saussiers, aus, nach der Degradierung Dreyfus' die Offiziere in der Militärschule versammelt zu haben, um ihnen mitzuteilen, was dieser dem Gen- . darmenehauptmann Lebrun-Renault änvertraut hatte, und dann habe er nach der Degradierungsparade dem General Saussier mündlich darüber berichtet. Unter Nr. 6 endlich sind die Beweise einer falschen Zeugenaussage im Renneser Prozesse gesammelt. Diese beziehen sich aus den oft genannten Czernuski. Der Senator Rane schreibt in der „Aurore" in betreff der vor dem Kassationshofe durchgeführten öffentlichen Verhandlung über die Revision des Dreyfus-Prozesses: Nach der von der Kriminalkammer des Kassationshofes durchgeführten Untersuchung bleibt von den Beschuldigungen, welche der frühere Generalstab und die Generale Mercier und Roger gegen Dreyfus erhoben haben, nicht das Geringste mehr übrig. Dies ist die Ansicht sämtlicher Räte des Kassationshofes. Es ist ziemlich sicher, daß das Urteil des Kriegsgerichtes von Rennes einstimmig kassiert werden wird. Es heißt auch, daß die Räte des Kassationshofes, welche aus juristischen Bedenken, entsprechend der Ansicht des Berichterstatters Moras, für die Ueberweisung der Angelegenheit vor ein Kriegsgericht stimmen wollten, diese Bedenken nicht mehr hegen. Es sei daher sehr wahrscheinlich, daß der Kassationshof die endgültige Rehabilitierung Dreyfus' aussprechen werde. * * Der frühere französische Gesandte in Rom, B i l l o t, erzählt in seinem kürzlich von ihm veröffentlichten Werke einen Vorfall, der so recht zeigt, wie selbst gebildete und hochstehende Männer sich zu Aenßerungen gegen Juden Hinreißen lassen, sobald diese etwas tun, was den hohen Herren wider den Strich geht, obgleich die Juden dies nicht als Juden getan haben. Als im Jahre 1891 Rudini an der Spitze der Regierung in Italien stand, waren die Beziehungen Italiens und Frankreichs nicht die freundschaftlichsten. Italien brauchte damals Geld sehr nötig, und um die eben ausgegebenen Eisenbahnobligationen zur offiziellen Kotierung an den französischen Börsen zuzulassen, war die Mitwirkung der großen französischen Bankinstitute,

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