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Die Wahrheit · 1906-06-22 · Heft 24 (22.6.1906) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 24 (22.6.1906)
Date
1906-06-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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akrcheit Redaktion n. Slduiiiiisi, alion: Wien, II/, Novaragasse 27. Telephon Nr. der Druckerei I53VL. Jrrlerate 25 Hell, per Nonvareille-Zcite. AbonneinentSn. Znieruonsbeträge sind in Wie» zahlbai und klagbar. nakhängige Heitschrift für Mische Interessen. Erscheint jeden Kreitng. Motto : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!” i| Ke;nst»pveis: ■! ' i;i Ganzjährig . . . ft. 12 — ,|!| Halbjährig . ft 4 —!} 1 ';! Für Cultusbeaiiite: '! '«.»„jährig ... St. 10 - Für Ausland: tWau.iiativii} . . . s Mari J 6 Rubel oder lü Ke-. Kr. 24 Wien. 22. Juni 1906. Inhalt: Ans der Woche. — Die Gefahren der Gewerbenovelle. — Die Rede eines jüdischen Abgeordneten in der Duma. — Karl Schurz. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Feuilleton: „Der Meschummed". Wie uns seitens der „Israelitischen Allianz zu Wien" mitgeteilt wird, werden Spenden für die Opfer der Inden-Exzesse in Rußland täglich von 0—1 Uhr in ihrem Bureau, i„ Weihburggafse Nr. 10, gegen Bestätigung in Empfang genommen. (Poftsparkafsa-Konto Nr. 808.152.) Aus der Woche. Es klingt wie ein Hohn auf die Zivilisation, daß, während die russische Duma die Forderung nach Gleichberechtigung aller Staatsbürger aufstellte, die „schwarzen Hundert" in Bialystok eine zweite furchtbare Auflage der letzten Oktobertage veranstalteten und hunderte von Inden in bestialischer Weise massakrierten. Die Hooligans zogen mordend und plündernd durch die Stadt, und Polizei und Militär leisteten den Mordbanden willige Dienste. Die Prophezeiungen aller wirklichen Kenner der russischen Verhältnisse, die nach Durchführung der Millionenanleihe die Wiederkehr von Judenmassakres mit Bestimmtheit voraussagten, haben sich blutig erfüllt und schwer rächen sich an den armen Juden in Rußland die Sünden jener, die den Henkern der Reaktion reichliche Geldmittel zur Verfügung stellten, um ihre ins Wanken geratene Macht wieder aufzurichten. Mag sich auch das Herz zusammenkrampfen beim Lesen der schauerlichen Berichte, die von allen Seiten über die schauerlichen Missetaten in Bialystok eintreffen, so leuchtet es dennoch wie ein Hoffnungsstrahl in die finstere Nacht der russischen Anarchie, daß ein Jude, der Abgeordnete Lew in, in einer an anderer Stelle dieses Blattes wiedergegebenen flammenden Rede in öffentlicher Dumasitzung frei und unbehindert seine Stimme gegen die grausame Tyrannei erheben konnte. -i- * * Die Zeiten sind vorüber, daß sich Rußland in dünkelhafter Machtüberlegenheit über die öffentliche Meinung Europas hinwegzusetzen vermochte, und die Interpellationen, die in den letzten Tagen anläßlich der Bialystoker Massakres im englischen Unterhause an den Staatssekretär des Aeußern, Lord Grey, gerichtet wurden, sind ein deutliches Zeichen dafür, daß die Empörung , der gesitteten Welt sich gegen die Greueltaten der Hooligans und gegen die Duldung derselben seitens der rus-. fischen Behörden zu erheben beginnt. Auch andererseits regt sich das öffentliche Gewissen. Der päpstliche Nuntius am Wiener Hofe hat die Scheußlichkeiten von Bialystok mit folgenden Worten verdammt: „Was in Bialystok sich ereignet hat, muß einen jeden aufs schmerzlichste berühren, der menschlich fühlt. Als Mensch und a l s P r i e st e r m u ß ich dleses l e tz t e M a s s a k r e t i e f beklagen, wie ich bereits die früheren in K i s ch e n e w, Odessa und anderwärts schmerzlich bedauert habe. Ich nehme an, daß es keinen anständigen Menschen geben kann, der über solche Missetaten anders denkt als ich. Man muß gar nicht besonders edel oder hochherzig geartet sein, um solche Untaten zu verdammen. Jeder, dem nur die elementarsten menschlichen Empfindungen eigen sind, muß sich mit Schaudern von so unmenschlichen Vorgängen abwenden." £ * Auch im österreichischen Abgeordnetenhause richtete Abg. Graf Sternberg an den Präsidenten die Anfrage, ob er geneigt sei, im Hause eine Protestkundgebung gegen die Massakres der Juden in Rußland nach dem Beispiele des englischen Parlaments zu veranstalten. Man könne, sagt Redner, über die russischen Juden verschiedener Ansicht sein, aber bezüglich der Kultur könne man nur auf dem Standpunkte stehen, daß die Sicherheit des Lebens und des Besitzes die Grundlage des Fortschrittes und des Staates bilde. Deswegen liege es im Interesse aller Staaten, die Sicherheit des Lebens und des Eigentums in Europa gewahrt zu sehen. In derselben Sitzung interpellierten Abg. Breiter und Genossen den Ministerpräsidenten, betreffend das Verhalten der österreichisch-ungarischen Regierung gegenüber dem Massakre in Rußland. Die Greueltuten in Bialostok haben in ganz Europa schmerzlichen Widerhall gefunden, dies um so mehr in unserem Lande, wo zahlreiche Einwohner den Tod ihrer nächsten Angehörigen und Verwandten zu beklagen haben infolge der bestialischen Missetaten der „schwarzen Banden". Die Interpellationen wegen früherer Massakres seien leider unbeantwortet geblieben. Die österreichisch-ungarische Regierung scheint trotz oder vielleicht wegen der Entente cordiale mit Rußland keinen Mut zu haben, im Interesse der eigenen Staatsangehörigen etwas zu unternehmen, die ihr mindestens so nahe stehen sollten wie etwa die Mazedonier. Die Würde unserer Staaten erfordere es. von Rußland Genugtuung für die Menschenleben und den Vermögensverlust unserer Staatsangehörigen und Schutz für die Zukunft zu verlangen, um so mehr da jetzt, wie in früheren Fällen, die abscheulichen Greuel über Anstisten und unter direkter Mitwirkung der russischen Behörden, des Militärs und der Polizei verfügt wurden.! * . *

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