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Die Wahrheit · 1906-06-15 · Heft 23 (15.6.1906) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 23 (15.6.1906)
Date
1906-06-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 28. T3SS.. Die Wahrheit. Leite 5. Schußmethode als geradezu verwerflich bezeichnet und sich über j dieselbe folgendermaßen äußert: i „Die in Aussicht stehende Verordnung, daß in Berlin eine! Verfügung erlassen werden soll, wonach das Töten der Rinder vermittelst eines Schußapparats erfolgen soll, muß selbstverständlich alle diejenigen Kreise interessieren, welche gezwungen sind, auf dem Berliner Schlachthofe zu schlachten oder geschlachletes Fleisch vom Berliner Schlachthose zu beziehen. Eine solche Verfilzung aber muß llicht nur Berliner Interessenten, sondern auch das gesamte deutsche Fleischergewerbe interessieren. Aus diesen Gründen nimmt der Verfasser zu dieser Frage in nachfolgenden Ausführungen Stellung: „Es steht fest, daß die Tiere, die durch Schuß getötet werden, niemals so gut aus bluten, wie die Tiere, die j nach der guten alten Methode durch den Hammer betäubt und! denen dann mit einem Schnitt die Schlagadern geöffnet werden. j In dem betreffenden Tier, welches durch Schuß getötet ist, bleiben! hauptsächlich in den hinteren Teilen vom Vieh größere Blut-! reste zurück; der k l e i n st e blutige Teil aber genügt! schon, das betreffende Fleisch schnell zum V e r- > derben zu bringen. Auch wird das betreffende Fleisch von! solchen Tieren dunkel, weich, unansehnlich und ist in keiner Weise! widerstandsfähig (dies beweist ja das geschossene Wild). Ferner! wird das betreffende Fleisch von geschossenen Tieren sich nicht! zur Wnrstfabrikation eignen, weil Wurst von solchem Fleisch j hergestellt, keine Dauer und Haltbarkeit hat. Genau dasselbe j würde eintreten, wenn dieses Fleisch zum Salzen und zum; Räuchern verwendet wird. Es würde auch hier wieder das schnelle j Verderben eintreten. Dieser Schaden würde nach Millionen! zählen. Es ist nun wohl möglich, in Bezug ' auf die Schäden > ganz bestimmte Zahlen vor Augen zu führen. Angenommen, es > werden in Berlin und in den nächsten Vororten ca. 6000 Rinder! pro Woche geschlachtet; wenn diese Tiere durch Schuß-Apparate j getötet werden, so zerschlügt der Schußbolzen oder das betreffende j Geschoß erstens die Haut, die Hirnschale und dann das Gehirn,! dieses dadurch vollständig vernichtend resp. wertlos machend, l Der Preis jedes Gehirns stellt sich pro Stück auf 60 bis 80Ps.;! nimmt man nun den billigsten Preis von 50 Ps. an. so würde j das bei 6000 Schlachtungen pro Woche 3000 Mk. oder im? Jahre 150.000 Mk. machem. Würde nun sämtliches Vieh: Kälber. j Hammel und Schweine ebenfalls mit Schuß-Apparat getötet! werden, so würde der Schaden ungefähr wieder 150.000 Mk.; machen. Das wäre zusammen im Jahre 300.000 Mk. Es kommt! nun vor, daß durch den Schuß auch die Haut verletzt oder | entwertet wird. Es kommt hinzu, daß jedesmal eine Patrone! mit 5—6 Pfennig zu berechnen ist. Rechnet man nun noch die! Unkosten für die Angestellten, so ist die Summe nicht zu hoch gegriffen, wenn erklärt wird, daß durch die Vernichtung des Gehirns, das Durchlöchern der Haut und die Patronen ein Verlust von jährlich 500.000 und 600.000 Mk. zugefügt wird. Die Minderwertigkeit des Fleisches durch den Schuß-Apparat zählt aber nach Summen, welche in Zahlen schwer auszudrücken sind. Aus die Erschwerungen im Betrieb des Schlachtens überhaupt soll hier nur hingewiesen werden. Tatsache ist, daß unsere Meister und erste Gesellen, welche das Vieh durch den Schlag betäuben, sicher und gewandt sind, sodaß höchst selten ein Fehlschlag vorkommt. Es ist aber nachgewiesen, daß durch den Schnß-Apparat auch Fehlschüsse Vorkommen und dann bei demselben dem betreffenden Vieh die ganze Stirnhaut aufgerissen wird. Das Geschoß bleibt im Nasenbein oder in der Augenhöhle sitzen und die direkte Stichstamme resp. Pulvergase verletzen dem Tier das bloße Auge. Das Tier behält aber die vollständige B e s i n n n u g. Es ist nun erklärlich nnd selbstverständlich, daß das Tier bei diesem Fehlschuß einen ungeheuren Schmerz erdulden muß. Das Vieh wird dann vor Schmerz wie rasend und fängt furchtbar an zu brüllen und ist zum zweiten Schießen nur sehr schwer zu bändigen. Bei dieser ganzen verwerflichen Schnßmethode schweben die Gesellen in Lebensgefahr. Es ist zu berücksichtigen, daß das Gehirn für viele Menschen eine Delikatesse ist. Das Gehirn wird besonders in der feinen Küche verwendet. Würde dasselbe nun durch Schuß vernichtet werden, so würde auch unbestreitbar das beliebte Frikassee seinem Liebhaber entzogen werden. Alles dieses muß die zustehenden Behörden veranlassen, die Gründe und die Sache genau zu prüfen, mit den Juteresseuren und alten erfahrenen Fachleuten in Verbindung zu treten und deren Meinung und Gutachten zu hören. Bevor eine solche tief einschneidende Verordnung von großer Bedeutung erlassen wird, ist zu beachten, daß die Verhältnisse in Berlin nnd in den Vororten anders zu beurteilen sind, als die Schlachtverhältnisse der kleineren Stadt. Wo das Schießen schon eingesnhrt wird, wird es auch öfters wieder verworfen, und von allen Sachverständigen wird bestätigt, daß es unvraklisch nnd die alte Schlacht- und Betäubungsmethode in jeder Hinsicht die bessere ist. Mit Erstaunen haben die Interessenten davon Kenntnis genommen, daß der Direktor G ol tz den Schnßapparal in Berlin einführen will, ohne vorher auch nur die direkt Beteiligten um ihre Meinung gefragt zu haben. Es wäre wohl Pflicht, mit den betreffenden Interessenten, mir erfahrenen Fach- und Sachverständigen in dieser Sache in Verbindung zu treten, in allererster Linie aber mit dem Vorstand der Berliner Fleischer- Innung. Es ist daraus zu dringeu, daß den maßgebenden Behörden in dieser Sache im Beisein des Direktors Goltz, und und der beteiligten Sachverständigen Gelegenheit geboten wird, zu beweisen, daß d e r S ch n ß -Apparat di e s cd l e chl e st e n n d v e r w e r s l i chst e S ch l a ch r m e t h o d e i st. Es i st da r a u f z u dringen, daß die m a ß g eb e n d e n Behörden die altbewährte S ch l a ch t- Methode bestehen l a s s e n und den S ch u ß - A p p ar a t beim Schlachten niemals z n l a s s e n." Ueberaus peinlich hat es in jüdischen Kreisen berührt, daß trotz der autoritativen Urteile der berufenen Fachkreise die „Kölnische Zeitung" es mit ihrem „Liberalismus" vereinbar hielt, den Schächthetzern Helsersdieuste zu leisten nnd einem beschimpfenden rüden Ausfall gegen das Schächten Raum zu geben. Als Erwiderung aus diesen Artikel ist seitens des Rabbinates der Kölner Gemeinde folgende Erklärung veröffentlicht worden: „In der Beilage zur Abendzeitung der ..Kölnischen Zeitung" vom 22. Mai (Nr. 555) wird in dem Aussatz „Die Männer vom grünen Tisch in der Praxis" über den Besuch des hiesigen Schlackthofes seitens der Teilnehmer der Bereinigung für rechts- und staatswissenschastliche Fortbildung in Köln berichtet und über das rituelle Schächten ein überaus vernichtendes Urteil abgegeben, dasselbe als grausam, tierguälerisch und inhuman hingestellt und an die weitesten Kreise, christliche nnd jüdische, die Aufforderung gerichtet, mitzuwirken, „damit eine solche aus unserer Zeit der Humanität bald verbannt wird." Solche Urteile über das jüdisch-rituelle Schächten sind nicht neu, werden seit zwei Jahrzehnten durch die Antisemiten verbreitet, bildeten ebenso oft in den Tierschutzvereinen den Gegenstand der Verhandlung und haben sogar Veranlassung zu Petitionen an den Reichsrat gegeben, dahingehend, das Schächten nach jüdischem Ritus zu verbieten. Dem Berichterstatter scheint es unbekannt zu sein, daß es mehrere hundert Gutachten, erstattet von den hervorragendsten Vertretern der Physiologie und der Veterinärkunde, gibt, die alle sich nicht allein nicht gegen das rituelle Schächten aussprechen, sondern diese Methode geradezu als die unter den verschiedenen Schlachtarten humanste und dem Tiere am wenigsten schmerzbereitende hinstellen. Nicht weniger als 253 Gutachter, darunter 14 Direktoren nnd 24 Professoren von Tierarzneischulen, 150 praktische, zumeist beamtete Tierärzte, Großschlächter, Metzger-Innungen, ferner Männer wie Du Bois-Reymond, Virchow, Gerlach, Köster, Pettenkofer und andere haben sich zugunsten des Schlichtens ausgesprochen. Der Direktor des physiologischen Instituts der Berliner Universität, Geheimrat Pros. Dr. Engelmann, sagt, ..daß das Schächten die weitaus humanste und zweckmäßigste Tötungsart ist, welche allgemeine Einführung verdient." Auch die oberste Medizinalbehörde in Preußen, die königliche Wissenschaftliche Deputation für das Medizinalwesen, hat sich, wie Herr Abgegeordneter Dr. Lieber in der Reichstagssitzung vom 9. Mai 1899 mitteilte, in einem Gutachten von 1894 geäußert, „daß die Schächtmethode vom technischen, hygienischen und Humanitären Standpunkt den Vorzug vor allen anderen Schlachtarten verdient." In nähere Widerlegung der Details des Berichts

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