Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 23 (15.6.1906)
- Date
- 1906-06-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Pie Wahrheit Nr. 23. Lene 4. Kommission des Abgeordnetenhauses Beschlossene für das Gesetz noch zu retten." 4- * * Bei der durch das Trennungsgesetz bedingten Neuorganisierung der jüdischen Kultusverhältnisse soll an Stelle der bisher mir staatlicher Autorität ausgestatteten Zentralbehörde, ein freiwilliger Zusammenschluß der Gemeinden „Union a.880ciation8 cn1tne1Ie8 israelites“ treten, der sich jedoch auch zumeist an die Konsistorialorganisation anlehnen wird. Eine wesentliche Bestimmung dieses Gemeindebundes geht dahin, daß, um den unbemittelten Gemeinden die Abhaltung des Gottesdienstes und die Anstellung eines Funktionärs zu ermöglichen, die reicheren Gemeinden zu Beiträgen herangezogen werden. Die Einrichtung ist derart getroffen, daß jede Gemeinde mindestens 10 Prozent ihrer Einnahmen dem Verbände zuführt, jedoch soll dieser Betrag den kleineren Gemeinden, durch Zuschüsse erhöht, zurückerstattet werden. Für das erste Jahr bleibt das gegenwärtige Zentralkonsistorium an der Spitze des Verbandes. * * * ... Wie verlautet, soll den Juden in Rußland baldigst die Freizügigkeit gewährt werden, aber vorläufig werden sie noch mit allen möglichen Chikanen gequält. Der Minister des Innern hat dem Generalgouverneur von Kiew die Anweisung zugehen lassen, daß Juden, welche in dem ihm unterstellten, außerhalb des jüdischen Ansiedelungsrayons belegenen Gebiete „gesetzwidrig" sich niedergelassen Huben, daselbst „bis zur Lösung der Judensrage durch die Reichsduma wohnen bleiben dürfen". Um nur ja nicht in den entsetzlichen Verdacht besonderer Judenfreundschast zu geraten, beeilte sich Herr Stolypin, gleichzeitig ein Rundschreiben an die Leiter aller Fabrik-Etablissements der Regierung zu richten, welches verfügt, daß sämtliche jüdische Arbeiter zu entlassen sind und „Juden niemals wieder ausgenommen werden dürfen!" Ein Politiker soll nach einem bekannten Worte Bismarcks niemals „niemals sagen; umso schnurriger aber nimmt sich diese Anweisung für alle Zukunft im Munde einer Eintagsgröße aus, deren Ministerherrlichkeit auf so gebrechlichen Füßen steht. Männiglich bekannt, werden von dieser Maßregel nur wenige Juden betroffen und hätten auch ohnedies nur wenige Neigung verspürt, in Regierungssabriken Arbeit zu suchen. Mer nichtsdestoweniger bleibt dieser ministerielle Ukas eine Brutalität schmählichster Art und trägt er in der Gegenwart den ausgesprochenen Charakter einer geflissentlichen Provokation: Die Erbitterung innerhalb der jüdischen Arbeiterkreise soll gestachelt werden, damit man dann, wenn sie überschäumt, die stereotypen Unkenrufe über die ..jüdischen Revolutionäre" ausstoßen und das Gewaltregiment auch gegen ihre völlig unbeteiligten Glaubensgenossen „von Rechts wegen", „um der Sicherheit des Staates willen" sortsetzen kann. Zugleich wird ein Zweites erstrebt: Die Solidarität zwischen den jüdischen und den christlichen Arbeitern, die der Negierung natürlich sehr unbequem ist, soll gelockert werden, den letzteren das ganz besondere Wohlwollen des Staates durch die Beseitigung der jüdischen Konkurrenz demonstriert und so zur Erkenntnis gebracht werden, wie gut sie dabei fahren würden, wenn sie sich aus der Umgarnung durch die „Hebräer" in die weit ausgebrciteten schützenden Arme der herrschenden Gewalt flüchten. Dieses fein ausgeklügelte Kalkül, das zum eisernen Bestand des verendenden Tschinowniktums gehört und früher seine Wirkung rat, wird jetzt nicht mehr verfangen. Die Tage der Jgn atiew, Trepow und Konsorten sind unwiederbringlich vorüber; mit eisernem Besen fegt die Vollstreckerin der „geheimnisvollen Macht, die richtend im Verborgnen wacht", die Reichsduma, die verrottete Sippe, den Geist der Lüge, der Judenächtung und Judenknechtung, durch den sie ihr elendes Dasein fristete, in die Schandecke der öffentlichen Verachtung, und einhelliger Jubel der Besten innerhalb des Russenvolkes, durch deren Reihen es wie ein großes Aufatmen geht, begleitet dieses Titanenwerk der Säuberung, der Verjüngung, der Zerstörung und Wiederaufrichtuug. Und wenn sich die unrettbar dem Tode Geweihten mit der Zähigkeit des um sein Leben Kämpfenden noch so verzweifelt dagegen stemmen — „das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, und neues Leben blüht ans den Ruinen". Die Tage sind nicht mehr fern, wo Regierungsverfügnngen gleich der letzten des Ministers des Innern wie ein schneidender, fossiler Anachronismus in jener Rumpelkammer angestaunt werden wird, in der aller Unrat der Vergangenheit als Warnzeichen für die Zukunft aufbewahrt wird. „Und sie bewegt sich doch!" * * Auch bei unseren Glaubensgenossen in Amerika findet die in Deutschland und Oesterreich bereits bestehende Institution eines Gemeindebundes viele Anhänger und wird daselbst die Gründung einer derartigen Organisation unter dem Namen „The American Jewish Conference“ angestrebt. Das zu diesem Behufe eingesetzte Komitee hat folgenden Entwurf vorgelegt: Die Juden der Vereinigten Staaten sollen eine Organisation begründen, deren Zweck es ist, die Angelegenheiten des Judentums zu vertreten, die bürgerlichen und religiösen Rechte der Juden überall da zu sichern, wo sie verletzt oder gefährdet werden, und die aus 150 Delegierten bestehen soll. Zu diesem Zweck sind neun Distrikte abgeteilt worden, die je nach ihrer Bevölkerungsziffer Delegierte in die Konferenz zu entsenden haben. Die übrigen Punkte betreffen meist die Ausführungsbestimmuugen für den ganzen Plan. * * * Wie religiöse Vorurteilslosigkeit und Toleranz im freien Amerika überall und bei jedem Anlasse gerne proklamirt wird, das zeigte sich auch jüngst bei der Grundsteinlegung zur neuen Synagoge in Worchester (Massachusetts), woselbst Dr. G. Stanley-Hall, Präsident der Clark-Universität, eine Ansprache hielt, in welcher er die Juden ermahnte, ihre Abstammung nicht zu verbergen, im Gegenteil sich ihrer zu rühmen, stolz auf ihre Rasse, auf ihren Namen, ihre Religion zu sein. „Erhalten Sie", so führte der Redner aus, „Ihren Kindern die großen alten Namen Israel, Abraham, Moses, Rebekka u. s. w.! Erziehen Sie Ihre Kinder, indem Sie ihnen von den großen Ueberlieferungen Ihrer Vergangenheit erzählen und lassen Sie sie im Hebräischen unterrichten, in der jüdischen Geschichte!.In unseren amerikanischen Gymnasien und Universitäten gibt es Juden und Christen. Unsere Gelehrten studieren semitische Sprachen Schulter an Schulter mit den Ihrigen. Wir graben Babylon, Niniveh und Jerusalem aus, wir entziffern alte Inschriften, sammeln archäologische Reliquien und veröffentlichen gemeinsame gelehrte Studien. Es ist jetzt für uns an der Zeit, alle alten Verschiedenheiten zu vergessen und nicht weniger herzlich und ehrenvoll in allen anderen Dingen Zusammenarbeiten. Endlich sind wir Bürger eines Vaterlandes und schlingt die Erinnerung an die patriotischen Taten Ihres Stammes in der Geschichte dieses Landes ein gemeinsames Band um uns." Zur Schiichthetze in Deutschland. Die Schächthetzer, die allerorts unter der Maske der Tierfreundlichkeit auftreten, aber in Wirklichkeit sich nur von antisemitischen Motiven leiten lassen, sind in Deutschland wieder stark an der Arbeit und unter dem Schlagwort „Schuß- Betäubung" wird von dieser Seite ein neuerlicher Sturmlauf gegen das rituelle Schächten unternommen. An der Spitze dieser Bewegung steht der bekannte Dr. v. S ch w artz, aus dessen Agitationsschrift auch die Antisemiten des Wiener Gemeinderates bei der im Vorjahre gegen das Schächten eingeleiteten Aktion ihre Weisheit holten. Ueberaus bemerkenswert ist nun, daß gerade die berufenen Fachkreise in Deutschland, so die Metzger-Innungen und die ihr nahestehenden Korporationen als Verteidiger des jüdisch-rituellen Schlachtverfahrens auftreten und aus Humanitären und finanziellen Gründen sich ganz entschieden gegen die geplante Zwangseinführung der Scbuß- Betäubung auf dem Berliner Schlachthofe wenden. Diesen Standpunkt vertritt auch ein jüngst in der ..Allgem. Fleischer- Zeitung" veröffentliches Gutachten des Hofschlächtermeisters und gerichtlich beeideten Sachverständigen am Berliner Landgericht Hübner, der von fachmännischen Gesichtpunkten aus die