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Die Wahrheit · 1906-06-15 · Heft 23 (15.6.1906) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 23 (15.6.1906)
Date
1906-06-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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ahr'heit Nedaktion u. Sldmiiiisti alion: Wien, II/, Nonaragasse 27. Tklephvu Nr. der Druckerei 15302. Jnferatc 20 Hell, per Stouvareille-Zeiie. LlbonuemeutSu. JiisertiouSbeträije sind iu Wie» zahlbar und klagbar. Unabhängige Heitfchrift für j Jnierejfen. Erscheint jeden Kreitng. liäotto: „Vas 8ieZet Gotte* ist Wahrheit!“ | E>erugspr;eis '> i'i Ganzjährig ... fl. ia.— |j |i Halbjährig ... fl. 8 — | I Für Cnltnsbeainte: j; Ganzjährig ... fl. IU.— | Für Nnsland: Äan.zjährig ...» Mark 8 Diiibei oder I« Fc«. Wien, 15. Juni 1906. — Ans der Wiener Knlrusgemeinde. — Zur Präsidentenwaiil in der Budapester „Der Meschnmmed". — Fünfzigjähriges Amrsjubiläum. — Charakteristisches aus Inhalt: Ans der Woche. — Zur Schächchetze in Deutschland. Gemeinde. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: unserer Gesangsliteratur. Ans der Woche. Die Christlichfozialen und ihr übermütiger Führer Dr. Lueger, die sich immer gerne als die patentierten, kaisertreuen Patrioten aufspielen, haben sich wieder einmal in ihrer wahren Gestalt gezeigt. Nichts ist ihnen heilig, sofern es ihren dunklen Zwecken nicht dient. Wer den ungeziemenden Ausfall Dr. Luegers gegen die Krone im Abgeordnetenhanse, seine Brandrede in der antisemitischen Protestkomödie am letzten Sonntag, die darauffolgende pöbelhafte Demonstration in der Bankgasse und die aufdringliche Anbiederung der Antisemiten an den Thronfolger auf ihre eigentlichen Motive prüft, der wird zu dem Schlüsse gelangen müssen, daß der Antisemitismus, mag er sich wie immer drapieren, ein gefährliches, destruktives Element ist. Er muß, seinem innersten Wesen gemäß, gegen alle staaterhaltendeu Elemente sich wenden, sobald diese sich ihm entgegenstellen; er muß das Rechtsgefühl in der Bevölkerung untergraben und die Achtung selbst vor der höchsten Antorität nnterwühlen. Mögen die Antisemiten mit ihrem Hepp-Hepp-Geschrei gegen Inden und Ungarn die blöden Massen noch weiter betören, den denkenden und aufrichtigen Patrioten in Oesterreich werden die Vorgänge der letzten Tage doch die Augen geöffnet haben, und auch der österreichischen Regierung sollte es endlich einmal klar werden, wohin diese Bewegung führt, die nur Haß und Zwietracht nährt und unter heuchlerischer Maske die gefährlichsten Attentate auf den -Staat ausübt. In einem Aufrufe, den die antisemitische Parteileitung des zweiten Wiener Bezirkes an die christlichsoziale Bevölkerung richtet, wird darüber Klage geführt, daß die sogenannten Jntelligenzberufe von den Anhängern der Partei zu sehr vernachlässigt werden und zur Behebung dieses bedauernswerten Umstandes werden die Gesinnungsgenossen aufgefordert, ihre Kinder den Gymnasien des II. Bezirkes, die in dem durch Maneranschlag veröffentlichten Zirkular namentlich angeführt sind, in größerem Maße zuznführen. Es ist nicht zu leugnen, daß die Herren am betten wissen, wo sie der Schuh drückt; denn an Bildung und Intelligenz fehlt es faktisch unter den Anhängern der antisemitischen Partei. Aber absurd ist die Mahnung dennoch. Wahre Bildung und echter Antisemilismus können sich absolut mit einander nicht vertragen und der Wunsch der Parteileitung bedeutet eigentlich nichts anderes als, daß der Antisemitismus sich selbst verleugne. Die Gefahren, die der jüdischen Schule und dem jüdischen Religionsunterrichte betreffs ihrer jetzigem Rechtsansprüche durch das neue preußische Schnlunterhaltungsgesetz nach der Vorlage der Regierung drohten, sind Dank dem wackeren Eintreten der jüdischen Abgeordneten, und in erster Reihe des Justizrates Cassel wenigstens zum Teile gebannt worden. Zwar wurden nicht alle in der Schulgesetzkommission gegebenen Abänderungsantrüge in das Gesetz ausgenommen, aber manches Wertvolle wurde doch gerettet und von nicht unwesentlicher Bedeutung ist auch die Erklärung des Regiernngskommissürs, Ministerialrat Dr. Schwartzkopf, daß die Regierung ernstlich bemüht sein werde, für jüdische Schulen und jüdischen Religionsunterricht zu sorgen'. Der „Verband der deutschen Juden", der durch Abfassung einer Denkschrift und durch persönliche Intervention bei maßgebenden Mitgliedern der Schulgesetzkommission eine dankenswerte und eifrige Tätigkeit zum Schutze des jüdischen Unterrichtes entfaltete, gibt folgendes Commnnique aus: „Das preußische Schulunterhaltnngs-Gesetz ist am Dienstag, den 30. v. M., in dritter Lesung vom Abgeordnetenhause angenommen worden. DieBestimmungen über den jüdischen Religionsunterricht haben eine weitere Verschlechterung gegenüber den Kommissions-Beschlüssen erfahren. Einerseits ist die.Anwendung des § 21 auf jüdische Lehrkräfte gestrichen, morden. Es folgt daraus hauptsächlich, daß jüdische Lehrkräfte, welche in erster Linie zur Erteilung des Religionsunterrichtes berufen sind, nicht kraft Gesetzes, soweit es zu ihrer vollkommenen Beschäftigung nötig ist, in anderen Fächern unterrichten müssen. Damit ist die vollwertige Anstellung jüdischer Lehrkräfte auf die jüdische Konfessionsschule beschränkt, soweit nicht bisher schon anderweitige Anstellungen stattsanden. Im übrigen ist die Bestimmung in Wegfall gekommen, daß die politischen Gemeinden allgemein die Befugnis haben sollten, für den jüdischen Religionsunterricht zu sorgen. Es bleibt die Unklarheit bestehen, ob die Gemeinden, wo es bisher noch nicht geschieht, diesen Religionsunterricht übernehmen dürfen. Stehen geblieben ist nur die Vorschrift, daß die politischen Gemeinden für die Kosten eines von den Synagogen-Gemeinden einzurichtenden Religionsunterrichts nach Maßgabe des Gesetzes von 1847 beizntragen haben. Wenn auch an anderen Stellen des Gesetzes, insbesondere hinsichtlich der Zulafsung des Rabbiners zu den Schuldeputationen gewisse redaktionelle Verbesserungen erreicht sind, so bleibt für den Verband der Deutschen Juden, der die Angelegenheit nach wie vor im Auge behält, noch immer ein ergiebiges Feld der Tätigkeit. Das Herrenhaus tritt erst am 15. Juni wieder zusammen. sodaß eine letzte Hoffnung bleibt, wenigstens das in der

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