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Die Wahrheit · 1906-06-08 · Heft 22 (8.6.1906) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 22 (8.6.1906)
Date
1906-06-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Die Wahrheit Nr. 22. Seite 8. Worten der Konfirmandinnen überraschten ebensosehr wie die verschiedenen Ansprachen derselben. Dann trug Herr Oberkantor N. G r ü n w a l d einen selbst komponierten Sologesang mit Orgelbegleitung vor, der allgemeinen Beifall fand. Mit der Abfingung der Volkshymne endete die erhebende Feier.; Szeniez, 8. Juni. Im Hause des hiesigen allgemein verehrten i Kaufmannes, HerrnMihaly Spitzer, wurde die Verlobung seiner Tochter ' Fräulein Sari mit Herrn Sandor B r i m s e l aus Pritesd gefeiert. Herr Bezirksrabbiner M a r m o r st e i n hielt aus diesem Anlässe eine sehr chöne Ansprache, nach welcher die Eltern das junge Paar als Verlobte erklärten. D. Efseg Unser Oberkantor, Herr Jakob S ch e ch t e r, wurde infolge seiner hervorragenden Leistungen auf dem Gebiete des Kantorates noch vor Ablauf seiner Probezeit vom hiesigen Vorstande einstimmig statutengemäß stabilisiert. Herr Oberkantor Jakob Schechter erwarb sich durch feine ungewöhnlich schöne, kräftige und umfangreiche Tenorstimme, sowie durch seinen wunderschönen Vortrag die Sympathie der ganzen Gemeinde, und seine Wahl rief allgemeine Zufriedenheit hervor. Berlin. (Die Juden in Deutschland.) Während die Bevölkerung des deutschen Reiches in den Jahren 1880—1900 sich um 24°/0 vermehrt hat, ist die Zahl der Juden im selben Zeiträume von 562.000 nur auf 587.000 gestiegen, also bloß um 4'4°/g. In Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen ist sie sogar zurückgegangen. Der Grund ist, daß die Zahl der Geburten aus jüdischen Ehen stetig sinkt, obwohl hiebei die Zahl der Eheschließungen unverändert geblieben ist. Im Jahre 1903 kamen auf 1000 Juden nur 18 Geburten, auf 1000 Christen 36 Geburten. Dieser Rückgang wird auf eine bewußte Beschränkung der Kinderzahl in der Ehe zurückgeführt. Literatur. Sefer Thillim. Die Psalmen für Haus und Synagoge, besonders als Erbauuiigslektüre für Kranke. Herausgegeben von Dr. Adolf Frankl- Grün, Rabbiner in Kremsier. — Im Titel ist zugleich der Zweck dieser Publikation angegeben. Während die erste Ausgabe im Anhänge mir einem trefflichen Wortlexikon versehen, mehr als Lehr- und Präparationsbuch für Studierende dient, soll diese zweite Ausgabe quasi ein Vademekum bieten für jeden religiös gesinnten Juden, der mit gewohnter Pietät dies altaltehrwürdige Buch in jeder kritischen Lebenslage zu Rate ziehen und zu Hilfe nehmen will. Er wird darin Erhebung und Aufrichtung in Not und Gefahr, Trost und Linderung im Schmerze finden. Dieses feste Gottvertrauen, das unsere Väter auszeichnete und sie zur Geduld und standhaften Ausdauer jederzeit ermunterte und ermutigte, muß auch die Heranwachsende Generation erfüllen und beseelen, wenn anders das Judentum seine Fortexistenz behaupten und seine Ehrenstellung in der Kulturwelt behalten soll. Dazu möge der öftere und richtige Gebrauch der altbewährten Psalmen auch der modernen Jugend die Kraft verleihen. —u. Ier Meschurnwer». Von Martha Wolfeustein in Cleveland. Uebersetzt von Doktor Wolfen st ein - Znaim. „Schneider, Schneider, meck, meck, meck!" Die sonst ruhige Straße widerhallte von diesen Schmährufen. Die Schreier waren halbwüchsige Buben, welche einen lang aufgeschossenen Jungen laufend verfolgten. Der Verfolgte flüchtete mit ängstlichem, stupidem Gesichtsausdrucke. An der in das Judenviertel einmündenden Straßenecke rannte er einen dicken Jungen an, von dessen Rückseite er wie eine Billardkugel abprallte. Im Nu waren auch seine Verfolger an seiner Seite. „Auf, Peretz! Laß uns sie verhauen!" schrie der angerannte Knabe. Doch Peretz stierte seine Ouäler herzklopfend an, ballte seine Fäuste, faßte seinen Genossen am Arme und rannte mit ihm durch die Judengasse in die offene Toreinfahrt des Synagogenhofes. Rasch schlug er das Tor zu und schob den Riegel vor. Da standen die beiden Jungen schnaufend und einander anglotzend. „Recht haben sie," platzte der Dicke heraus, ..Recht haben sie, wenn sie uns Juden Memmen nennen. Warum hast Du sie nicht verhaut?" Als Antwort drängte Peretz seinen Freund nach vorwärts, indem er ihn am Leibriemen faßte, gab ihm einen leichten Schlag auf den Kopf, schaute ihn an, wie ein Hund die Katze, und ließ ihn sanft zur Erde gleiten. Der zu Boden Geglittene — er hieß Jakob, im freundlichen Ghettojargone „Jaikew" genannt — lag einen Augenblick wie betäubt zu Peretz' Füßen. „Was ist das für eine Art von Verrücktheit bei Dir," fragte er zornig und sich langsam vom Boden ausrichtend. „Du scheinst gar nicht zu wissen, was Du für ein verrückter Kerl bist." „Glaubst Du noch immer, daß ich um meinetwillen in Angst war?" schrie Peretz. Dann kehrte er sich langsam gegen die Umfassungsmauer ab. Jaikew war über diese Veränderung bei seinem Freunde ungemein erstaunt, insbesondere weil er ihn heftig zittern sah. „Fehlt Dir etwas, Peretz?" fragte er ihn mit sanfter Stimme. „Hat Dir jemand etwas zuleide getan?" „Das ist immer so; all dieses Volk hält mich für einen Feigling!' war die mit zuckender Lippe gegebene Antwort. Jaikew zuckte die Achseln und fragte mit nachdenklicher Miene: „Warum müssen Sie dies von Dir denken?" Peretz warf einen ängstlichen Blick umher und holte aus seiner Bluse ein altes abgegriffenes Buch. „Sieh?" sagte er, indem er das Buch in die Höhe hielt, ..dies ist der Grund, weshalb ich mit den Rangen nicht raufe." „Was ist das? Was willst Du damit sagen?" fragte Jaikew. „Wenn ich mit ihnen mich balgen würde, würden sie mich da nicht am Hemde zerren und es finden?" „Was?" schrie Jaikew, „um ein altes, abgegriffenes Buch läßt Du Dich von ihnen quälen?" Jaikew nahm das Buch in die Hand, kehrte dessen gelbliche Blätter kopfschüttelnd hin und her und sagte endlich: „Was ist das für eine Schrift? Hebräisch ist sie nicht." „Das ist griechisch," lispelte Peretz. ..Griechisch?" wiederholte Jaikew. „Wo hast Du dies erlernt?" „Sch — , sch—," warnte angstvoll der andere. „Der Lehrer, welcher im vorigen Jahre sich zur Sommerfrische in der Mühle aufgehalten hat, hat es mir gegeben, weil ich ihm seine Schuhe putzte und immer frisches Wasser brachte. Am Abend las ich ihm aus dem Pentateuch vor und er las mir aus der Ilias vor." „Jli—as," äffte Jaikew lachend nach. „Da müssen feine Dinge in dem'Buche enthalten sein, daß Du es an Deinem Busen aufbewahrst." „Gott verzeih mir die Sünde!" schrie Peretz. „In unserer ganzen heiligen Schrift ist nichts so schön geschrieben, wie in diesem kleinen Buche. Ich könnte ohne dasselbe gar nicht leben. Wehe! Mein Lehrherr wollte es in einer Minute verbrennen, und meine Mutter, Jaikew — sie ist sehr bigott. Es würde sie sehr kränken, daß ich ein profanes Buch lese." Daraus legte er das Buch zärtlich auf die offene Hemdbrust und preßte seine Hände liebevoll auf dasselbe. Peretz war 15 Jahre alt und war seit zwei Jahren in der Lehre bei dem Stadtschneider. Seine verwitwete Mutter, das ärmste Weib der Judengasse, war zaundürr und ernährte sich kärglich von verschiedenen Beschäftigungen, die sie finden konnte. Sie hatte ihren Peretz in die Ghettoschule geschickt bis zur Barmizwah. „Dies ist der Zeitpunkt, daß er anfangen sollte, etwas zu erwerben, und er hat ohnehin keinen Kopf zum Lernen," sagte entschieden der alte Lehrer, denn Peretz träumte über die haarscharfen, logischen, schwierigen Stellen des Talmudtextes. Der große Schnittwarenhändler der Judengasse nahm ihn in seinen Laden, um ihm das Kausmannsgewerbe beizubringen; doch nach einem Monate sendete ihn Reb Noach nach Hause mit der Botschaft: „Sag Deiner Mutter, Du bist so geeignet für ein Geschäft, wie ich zu einem Seiltänzer." Da Reb Noach einen Klumpfuß hatte und 200 Pfund wog, war dieser Vergleich für Peretz gänzlich niederschmetternd. (Fortsetzung folgt.) Die geehrten Mitarbeiter unseres Blattes werden höflichst ersucht, die Manuskripte an den Chefredakteur unseres Blattes, Dr. M. Löwy, l., Wipplingerftraße IS direkt zu senden. Das beste Getränk u.MhrunMMWD fürfieb. erhd e Kra n MM Cere 5r;ÄR|eisift | d e r Nä h r m itte 1 wi rk e „ G E R ES" A u ss i g

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