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Die Wahrheit · 1906-06-08 · Heft 22 (8.6.1906) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 22 (8.6.1906)
Date
1906-06-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
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»Ul Seite 6. ii.- Die Wahrheit. dir. 22. Ich habe mir die Judenfrage historisch, wirtschaftlich und sonstwie zu erklären versucht, aber niemals bin ich auch nur auf den Gedanken gekommen, daß die Sache so schrecklich einfach, so offenbar verbrecherisch ist. Jetzt, nach den Schrecken von Kiew, Elisabethgrad und Dutzenden anderen Orten, jetzt, da ich weiß, wie es gemacht, wie das Feuer entzündet und wie es gelöscht worden ist, sehe ich ganz deutlich, daß es ihrer Hände Wer! ist. Zu einer bestimmten Stunde kamen Leute, die von der Polizei aufgehetzt, bestochen und der Straflosigkeit versichert waren, schreiend und johlend aus den Marktplatz, vernichteten und brannten alles nieder, mordeten und entehrten öffentlich Frauen. Sie zerrissen Kinder. Sie zwangen schwangere Frauen in Badewannen, verbrühten sie und warteten in kaltblütiger Fühllosigkeit auf die Entbindung, zerrissen dann das neugeborene Kind in Stücke und warfen die Stücke zum Fenster hinaus. Und die Soldaten standen in Waffen dabei und riefen der Menge zu: Schneller! macht fertig! macht fertig! seid nicht so langsam! Und sie teilten die Beule mit der Polizei. Die Offiziere schwiegen, die Polizeiinspektoren liefen umher, die Generale ritten von einer Stelle zur andern, und alles schien vorbereitet und programmgemäß ausgesührt und alle schienen befriedigt. Diese furchtbare und dabei ruhige Haltung der Organisatoren, die ihre Arbeit ohne Hast und Unruhe verrichteten, ist der beste Beweis, daß die Verbrechen verübt worden sind von den Hütern des Friedens, entweder von der Polizei selbst in Verkleidung, oder von dem Volke mit ihrer Zustimmung. Und nun bemerke man die Einfachheit, mit welcher diese Metzeleien organisiert werden. Ein weißgekleideter Mensch marschiert an der Spitze der Bande und schwenkt statt einer Fahne ein schwarzes Tuch oder rührt eine Trommel. In einem bestimmten Augenblick gibt er ein Zeichen mit der Hand, und sofort stürzen sich die mit entsprechenden Instrumenten versehenen Leute auf die Läden, sprengen die Türen, zerschlagen die Fenster und ziehen sich alsdann zurück. Sofort folgen ihnen andere aus der Bande und stehlen und plündern methodisch, ohne die fieberische Hast von , Räubern, die fürchten müssen, von der Polizei verfolgt zu werden.! Wenn die Diebe ihr Geschäft vollendet haben, kommen die Brandstifter an die Reihe. Diese tragen mit Petroleum getränkten Zündstoff herbei, verteilen ihn in den Läden, zünden ihn an und ziehen sich dann zu der Bande zurück, deren Vortrab bereits mit der Plünderung anderer Läden beschäftigt ist. So ist man in Balta vorgegaugen, in Kiew und in! anderen Städten, und das ist die Methode, nach der man in! allen diesen Orgien verfährt — die Weintonnen werden der > Menge zur Verfügung gestellt. Diese kühl ausgetnstelte Verrucht- > heit der Organisatoren, die ihr Werk ruhig und ohne Hast vollj bringen, ist der augenscheinlichste Beweis, daß diese Ungeheuerlichkeiten von den Hütern der Ordnung, von verkleideten Polizisten oder von Leuten verübt sind, die mit dem Segen der Polizei Vorgehen. Vor einiger Zeit sprach ich über diese Metzeleien mit dem Gouverneur einer Provinz, in welcher die Juden am meisten mißhandelt worden waren. „Das wird nicht wieder geschehen," erwiderte er mir. Der sichere Ton, mit welchem er dieses sagte, hat ihn vollständig verraten. Denn diese Sicherheit kann nur dadurch erklärt werden, daß alle jene Verbrechen das Werk der Prooinzgouverneure sind. Wenn sie wollen, dann finden Metzeleien statt; wenn sie nicht wollen, dann gibt es keine Metzeleien. Das ist so klar, daß die Bureaukratie bereits eine andere Formel ausgearbeitet hat, die sie nach Bedarf anwendet. Wenn der Gouverneur einer Stadt die Metzeleien ersparen will, dann schreibt er dem Polizeichef: „Sie sind verantwortlich für die Aufrechterhaltung der Ordnung in Ihrer Stadt." Der Polizeichef versteht die Formel, und es gibt keine Massakres. Der Minister bedient sich derselben Sprache den Gouverneuren gegenüber, und es handelt sich nur darum, daß man die offiziellen Dokumente zu lesen versteht. Die Grausamkeit dieser heuchlerischen Sprache ist besonders hassenswert in der Formel, welche Massakres anbefiehlt. Alsdann telegraphiert nämlich der Gouverneur^ an den Polizeichef: „Verhindern Sie nicht die Aeußerung des nationalen Gefühls." Tolstoi versichert, daß ihm von absolut vertrauenswürdigen Personen mitgeteilt wurde, daß diese Forme! in mehreren Städten angewendet worden sei und darauf sofort Metzeleien stattgefunden hätten. „Das nationale Gefühl!" ruft Tolstoi aus. Das russische nationale Gefühl soll darin bestehen, Läden zu plündern und Greisen und Frauen die Köpfe einzuschlagen! Mein Gott, der Zorn kocht in mir, mein ganzes Wesen empört sich über diese Verleumdung unseres Volkes, dessen Führer nicht wert sind, ihm die Schuhriemen zu lösen, den Saum des Gewandes zu berühren. In Kiew wurde ein einfacher Polizist plötzlich von Mitleid ergriffen, verteidigte einen Juden und jagte seine Angreifer davon. Sofort kam ein Vorgesetzter auf ihn zu und ermahnte ihn mit folgenden Worten: „Du darfst nicht die Aeußerungen des Volkszornes verhindern." Ein ganzes Volk, ein so altes Volk, welches der Welt so viel gegeben hat, wird in einen Zuber verwandelt, in den sich der Zorn der Russen ergießen soll, wird ausgepreßt und zur Verzweiflung gebracht durch das Joch der Bureaukratie. Die Juden sind der Kanal geworden, der den Lauf der russischen Volkswut ablenken soll. Ein solcher Fluch ist von den Propheten niemals vorhergesehen worden. Seit meiner Kindheit, sagt Tolstoi, wohne ich in einem ganz und gar russischen Dorfe, und niemals habe ich etwas bemerkt oder gehört was auch nur im entferntesten zu dem Gedanken berechtigte, daß unsere Bauern den Juden feindlich gesinnt seien, sei es gegen ihre Religion oder gegen ihre Rasse. In der Unterredung mit dem Gewährsmann der „New Jork World" sagte Tolstoi noch u. a.: Man mache doch nicht unser Land gleich einem Eishause, in welchem unterworfene und gefangen gehaltene Völker, durchtränkt von Haß und verhärtet durch die Grausamkeit, als die Säulen dienen, die Mauern und Decke tragen. Man erwärme das erstarrte Herz und strecke den Verfolgten und Unterdrückten die Hand entgegen, und vor allem strecke man die Hand aus den Juden, weil niemand mehr leidet als sie, und keiner so verfolgt und so unterdrückt ist wie sie. Moses Kapsali und seine Zeitgenossen. Von Dr. M. H. Friedländer. (Schluß.) Die Juden haben gar keine Bedrückungen von den Arabern in diesen Ländern auszustehen. Meiner Ansicht gemäß, könnte ein Mann, der die Staatsverwaltung verstünde, sich leicht zum ,Oberhauptist der Juden sowohl, als der Araber hier machen! Ich bin Totengräber in Jerusalem geworden, da man keinen hier findet, der die Toten trägt und ihnen die letzte Begleitung zuteil werden läßt. Eine Frau starb, und da mußte man Frauen rufen, um sie zu Grabe zu bringen; es war durchaus kein Mann mit uns. Wenn nicht die Frauen und einige zurückgekommene .Neuchristeist der Bahre gefolgt wären, so würde die Tote nicht bestattet worden sein, denn die Bewohner selbst bekümmern sich gar nicht darum. Noch ein größeres Uebel: Wenn ein Fremder krank wird, so scheuen sich dessen Freunde und Nachbarn, zu ihm zu kommen, aus Furcht, die -Vorsteher^ könnten ihnen zumuten, daß sie manches von der Habe des Fremden mit sich genommen hätten. Die ,Vorsteher^ können nämlich kaum den Tod eines Fremden erwarten, um denselben zu beerben; denn sie nennen sich ,Verwalter der Stiftungeist. Es fallen täglich mehr oder weniger Erbschaften von den alten Leuten, die in Jerusalem sterben, den Stiftungen zu; die ,Vorsteheist nehmen Alles und sagen, daß sie damit die Schulden, die für die Bauten der Synagogen vor Jahren gemacht wurden, bezahlen; aber die Schulden werden nicht getilgt, denn heute zeigen sie noch eine Schuld von 1000 Goldstücken auf.

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