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Die Wahrheit · 1906-06-08 · Heft 22 (8.6.1906) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 22 (8.6.1906)
Date
1906-06-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 22. Die Wahrheit. Leite 5. Paris und London von Czernowitz und Krakau aus, dann auch speziell für Rechnung der „Jewish Coi. Association“, aus Jassy und Galatz, über Wien nach Havre—Buenos-Ayres reiften und von unseren : Beamten regelmäßig empfangen, verköstigt und weiterbefördert wurden. Die Gesamtzahl der Emigranten, denen wir seit November v. I. Hilfe geboten haben, beträgt einschließlich der nicht registrierten rund 5000. Die Zahl der in Wien weilenden und unsere Unterstützung in Anspruch nehmenden Emigranten wurden nicht nur dadurch vermehrt, daß infolge der Sperre der preußischen Grenze gerade die mittellosen Personen ihren Weg über Oesterreich suchen mußten, sondern auch dadurch, daß beinahe täglich Emigranten, eintrafen, die mit Schiffskarten versehen in gutem Glauben nach westlichen Häfen gereist waren, aber da die betreffenden Schiffsgesellschaften in Deutschland nicht konzessioniert sind, durch die norddeutsche Polizei unnachsichtig von Leipzig oder von Bingerbrück aus nach der österreichischen Grenze und von dort nach Wien geschoben wurden. Diese Personen mußten dann regelmäßig von uns auf dem großen Umwege über Basel an ihr Ziel (Rotterdam oder Antwerpen) gesandt werden. Gegen diese für die armen Auswanderer grausame und die jüdischen Hilfsorganisationen um viele tausende von Kronen schädigende Behandlung schutzloser Ausländer war bis jetzt in Deutschland keine Abhilfe möglich. Nachdem in Rußland Ruhe eingekehrt war und sich konstatieren ließ, daß die bis Krakau und Wien noch immer vordringenden Emigranten entweder von den stattgefundenen Exzessen in keiner Weise berührt waren oder wegen Erwerbsunfähigkeit und physischer Fehler keine Aussicht hatten, in überseeische Häfen zur Landung zugelassen zu werden, so daß diese Aermsten ganz unnütz ihre letzten Mittel, oder die der Hilfskomitees, zur Reise hierher verschwendet hatten, entschlossen wir uns, im Einvernehmen mit den am Hilfswerke beteiligten anderen Organisationen, die Weitersendung Mittelloser ab Krakau oder Wien grundsätzlich zu sistieren und als Sichtungs-Komitees ausschließlich diejenigen von Brody und Czernowltz bestehen zu lassen, von wo aus die zur Weiterbeförderung Ungeeigneten am leichtesten zu repatriieren sind. Nach Brody entsandten wir im April einen eigenen Beamten, damit er bei der Abfertigung der besonders seit Auflösung unseres Komitees in Krakau dort zahlreich angesammelten Emigranten der Leitung unserer Filiale zur Seite stehe. Dort, sowie in Czernowitz, wird die Sichtung durch Herrn D. R o t t e r aus Wien im Einvernehmen mit den Vorständen unserer Filialen geleitet. Sämtliche von uns nach transozeanischen Orten expedierten Emigranten wurden von eigens bestellten Aerzten vorher untersucht und für gesund befunden. Diejenigen, welche in defekter Kleidung waren, erhielten in der Regel für unsere Rechnung Anzüge, Wäsche und Schuhe. Nächst Rußland nahm Rumänien die Tätigkeit der Allianz zumeist in Anspruch. Darüber heißt es im Berichte: Da in einem einzigen südwest-russischen Gouvernement mehr Juden als in ganz Rumänien wohnen, so ist es ganz natürlich, daß angesichts der Katastrophe in Rußland das Interesse für unsere Glaubensgenossen in dem benachbarten viel kleineren Lande sehr zurückgetreten ist. Es wäre jedoch ein Irrtum zu glauben, daß die Lage sich dort wesentlich gebessert hätte. Die Emigration dauerte auch im verstossenen Jahre fort und wurde in der wiederholt geschilderten Weise unter unserer Mitwirkung durch die I. 0. A. geleitet. Die Auswanderer, die wöchentlich in Wien in größeren Gruppen eintrafen, waren fast durchgehends Personen, die zu Angehörigen jenseits des Ozeans reisten und einen Teil der Kosten selbst zu bezahlen in der Lage waren. Der Förderung der Schulbildung unter der armen rumänisch-jüdischen Bevölkerung haben wir auch im vorigen Jahre unsere Aufmerksamkeit zngewandt und mehreren Gemeinden oder Schulkomitees nach eingehender Prüfung ihrer bezüglichen Gesuche auf Grund der Referate unserer Vertrauensmänner Subventionen bewilligt. Wenn man zu dieser Tätigkeit noch die Interventionen in Marokko und in der Türkei zu Gunsten dortiger Glaubensgenossen und schließlich auch das besondere, den jüdischen Unterricht und die jüdische Wissenschaft fördernde Wirken der Wiener Allianz im Jnlande ins Auge faßt, dann muß man gestehen, daß die Allianz sich den großen Aufgaben, die im abgelaufenen Jahre an sie gestellt wurden, vollkommen gewachsen zeigte, und es bleibt nur der Wunsch übrig, daß ihre hilfreiche Arbeit seitens unserer Glaubensgenossen allgemeinere und mnnifizentere Unterstützung als bisher finde. Tolstoi «der die rufstschen Indenmetzeleien. Bekanntlich hat vor einiger Zeit eine sehr große Anzahl der hervorragendsten Schriftsteller einen flammenden Protest gegen die Mißhandlungen der Juden in Rußland veröffentlicht. Weniger bekannt dürfte fein, daß ein russischer Literat, namens Rappoport, eine Sammlung von Aussprüchen und Urteilen der hervorragendsten bedeutendsten russischen Denker und Schriftsteller über die Juden in Rußland herausgeben wollte und daß die Zensur, die das einstimmige Lob dieser intelligentesten Russen über die Juden nicht vertragen konnte, sich nicht damit begnügte, nur den Verkauf zu verbieten, sondern die ganze Auflage verbrennen ließ. Ich habe, schreibt Michel Dennes im „Siöcle" vom 14. Mai d. I., gesehen, wie Turgeniew in Paris ein Jahr vor seinem Tode bittere Tränen über die Leiden seiner israelitischen Mitbürger vergoß, und ich habe ihn ausrufen hören: ..Ich schäme mich, ich schäme mich Russe zu sein." Nun kommt auch noch Graf Leo Tolstoi und gibt mit der ihm eigentümlichen Wucht sein Urteil über die Judenmassakres in Rußland ab. Wir finden diese bemerkenswerte Auslassung zum großen Teile gleichlautend in der „New Jork World" und gleichzeitig im „Siöcle". dessen Gewährsmann der Rechtsanwalt Teneromo in Elisabethgrad ist. Seit dem Schrecken der Sklaverei, sagt Tolstoi, weiß ich nichts Furchtbareres als diese ruchlose, gegen ein ganzes Volk verübte Grausamkeit. Menschen wie Tiere in einem Käfig einsperren, sie mit schändlichen Ausnahmegesetzen absondern, sie durch gemeine und nach Bestechungen gierige Aufseher überwachen lassen, sie von jeder vernünftigen und legitimen Beschäftigung und namentlich vom Landbau wegdrängen und alles dies zu tun einzig zu dem empörenden Zwecke, den Pöbel auf die Juden loszulassen, so oft dies für Petersburg dienlich erscheint, das ist genau dasselbe, was unter den römischen Zäsuren geschah, da die Bestien in den Zirkussen auf Verbrecher und Christen losgelassen worden sind. Das, ja das ist die Lage der Juden in Rußland. Es ist schrecklich, schrecklich! Genau so wie die Zäsaren und ihre schmeichlerischen Höflinge den Pöbel mit blutigen Schauspielen unterhielten und so die Augen der Massen von den Verbrechen der Regierungen ablenkten, genau ebenso hat die nicht minder listige, aber noch. mächtigere Bureaukratie einen ungeheuren Zirkus errichtet, den sie den Rayon der jüdischen Ausiedlungen nennt, und in diesem Zirkus hält sie die Gefangenen für dieselben blutigen Schauspiele und zu demselben niedrigen Zwecke, um nämlich die Augen des Volkes von den Verbrechen der Regierung abzulenken, so oft das Land zu erwachen sich anschickt, oder wenn die Lüge Allen die Augen zu öffnen droht. Um die Aufmerksamkeit des Volkes abzulenken, lädt sie das Land zu neuen Gladiatorenkämpfen und schickt sie Herolde von Stadt zu Stadt, um den verarmten Pöbel aufzufordern, die Läden und Wohnungen der Juden zu plündern. Lange Zeit habe ich es nicht geglaubt und lange Zeit habe ich nicht ein Urteil darüber gewagt. Ich konnte nicht denken, daß in unserer Zeit, nachdem wir so viele Jahre uns zur christlichen Religion bekennen, deren Hauptgebote der Duldung uns vertraut sind, und, ich will es ohne zu prahlen sagen, dem russischen Herzen so nahe sind — daß in dieser Zeit, wenn so verächtliche Ränke so leicht aufgedeckt werden können — ich habe es wahrlich nicht geglaubt, daß die Beamten sich heutzutage zu solcher schrecklichen Gemeinheit hergeben könnten.

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