Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 22 (8.6.1906)
- Date
- 1906-06-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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ICH Seile 4. Die Wahrheit 22. jüdisch-französischer „Kultur" wurde er schroff zurückgewiesen. Nach dem heutigen Urteil aber steht er turmhoch über den Theatergötzen der Siebzigerjahre." Dreister kann man die Wahrheit wirklich nicht auf den Kopf stellen. Bekanntlich war der einflußreiche Berliner Kritiker, der sich am schroffsten gegen Ibsen wandte, Karl Frenzel, der damalige Theaterrezensent der „National-Zeitung" und „Deutschen Rundschau". Ebenso bekanntlich war der erste und aufrichtigste Apostel Ibsens in Deutschland Otto B r a h m, also ein Jude, schon zu einer Zeit, wo noch Mut dazu gehörte, für den großen nordischen Gesellschastskritiker öffentlich einzutreten. Und ein jüdischer Verleger war es, der die Werke Ibsens schon damals, Mitte der Achtzigerjahre, in mustergiltigen Uebersetzungen einführte. Und der Verein ..Freie Bühne", der zumeist jüdische Begründer hatte, war es, der durch die denkwürdige ^Gespenster "-Aufführung vom Herbst 1889 - die ganze Jbsen- Aera der deutschen Bühne überhaupt erst einleitete. Ibsen selbst hat diesen ausschlaggebenden Anteil Berlins an seinem Durchdringen wiederholt anerkannt. Daß auch im Norden der entschiedenste Anhänger und Vorkämpfer Ibsens, der bekannte Literarhistoriker und Kritiker Georg Brandes ein Jude war, sei nur beiläusig hier erwähnt. Aber welches Faktum wäre bewiesen und feststehend genug, daß nicht ein antisemitischer Publizist es im geeigneten Moment zu unterschlagen wüßte! -i- * Bei den nunmehr abgeschlossenen Wahlen zur französischen Deputiertenkammer hat der Antisemitismus eine vollständige Niederlage erlitten. Im Jahre 1898, als die Dreysusaffaire das ganze Land in höchster Aufregung hielt, hätte es fast scheinen können, als richtete sich die ganze Wahlkampagne ausschließlich gegen die Juden. Und dreißig Antisemiten waren damals auch gewählt worden, die sich manchmal so geberdeten, als hätten sie über das Schicksal der französischen Juden zu entscheiden. Das Blatt wandte sich gar bald. Aber noch 1902 flössen die Wahlaufrufe über von gehässigsten Anklagen gegen die Juden. Dieses Mal dagegen war in den Maueranschlägen und sonstigen Wahlaufrufen, ja selbst in den Wahlreden kaum etwas von Antisemitismus zu merken. Die Judenfrage hatte in Drumonts „verjudetem Frankreich" tatsächlich aufgehört zu existieren. Die wütendsten antisemitischen Abgeordneten sind nicht wiedergewählt worden. Unterlegen sind beispielsweise Firmin Faure, Paulin Mery, auch Gastou Mery, einer der giftigsten Redakteure der „Libre Parole", Beauregard, der Deputierte von Nancy Gervaize u. a. m. Lothringen, wo der Antisemitismus sich besonders eingenistet zu haben schien, hat in diesen Wahlen sich von ihm losgesagt und sich wieder an seine liberale Vergangenheit erinnert. Gleichzeitig mit der antisemitischen Partei ist auch die n a t i o n a l i st i s ch e, die weiter nichts ist als eine Abart der antisemitischen, aufs Haupt geschlagen worden. Unterlegen sind namentlich ihre populärsten Führer wie Deroulede, Galli, Marchand, Auffray, Guyot de Villeneuve u. a. m. Im Gegensatz zu diesen Niederlagen der antisemitischen und nationalistischen Helden sind in die Kammer gewählt worden Männer, die dem Judentum große Dienste dadurch geleistet haben, daß sie in der Dreysusaffaire ihr Möglichstes getan haben, um dem Recht und dem Unglücklichen, in dem man das Judentum treffen wollte, Dreysus, zum Siege zu verhelfen. Gewählt find worden: die beiden Reinach, Josef und Theodor, Gast, der intime Freund des Oberst Picquart, Hippolyte Laroche, Hector Depasse, der wackere Redakteur der „Droits de FHomme“, und vor allem der unerschrockene Verteidiger Labori. Außer den beiden Reinach sind noch die beiden Juden Klotz und Louis Dreyfus in die Kammer gewählt worden. Unterlegen ist der inzwischen im Alter von 83 Jahren gestorbene, um die asttonomische Wissenschaft hochverdiente und wegen dieser seiner Verdienste in die Akademie der Wissenschaften berufene Raphael Bischoffsheim. Bischoffsheim war ein rechtgläubiger Jude und als solcher stimmte er gegen das Trennungsgesetz. Man nimmt an, daß diese Abstimmung die Ursache seiner Niederlage im Wahlkampfe gewesen ist. * * * Karl LamPrecht, der geistreiche Historiker der Leipziger Universität, hat in diesen Tagen ein neues Buch unter dem Titel: „Amerikana" erscheinen lassen. Es enthält „Reiseeindrücke, Betrachtungen und geschichtliche Gesamtansicht." Lamprecht kritisiert mit dem geschulten Blick des Kulturhistorikers Menschen und Zustände. Er weiß ins Herz zu sehen und die Impulse menschlichen Handelns aufzudecken. Höchst interessant schildert er eine:: Besuch im jüdischen Theater in der Grand Street zu New-Iork. Er schreibt: „Und nun ein letztes Bild. New - Iork, Grand Street, Jüdisches Theater. Man gibt vor dicht gedrängtem Publikum, das alle Ränge füllt, in Jiddisch-Deutsch ein Stück, das in Südrußland spielt, „Der Liebe Krost". Ich freue mich, daß ich den mit hebräischen Typen gedruckten Theaterzettel lesen kann: die erste praktische Anwendung früher erworbener Kenntnisse. Das Stück beginnt; man spielt vorzüglich; der Inhalt ist ernst: schwere sittliche und religiöse Probleme. Und mit welch heiligen Feiertagsmlenen lauscht das Publikum: alte ergraute Gesichter, manch eines mir dem Typ nach vom Brühl in Leipzig bekannt, manch junge Physiognomie, deren Träger schwerlich gleich, den Alten Galizien, Rumänien, Kleinrußland, die Ursprungsgebiete des New-Iorker Ghettos, gesehen hat. Die Stimmung wird immer ernster, gespannter; einige junge Leute, die in tragischen Momenten lachen, werden niedcrgezischt, müssen ihre Plätze verlassen, einer wird angespieen. Und was liegt in diesem Beifall nach dem ersten Akte? Nach dem letzten, nach Mitternacht — man hatte um 8 Uhr begonnen — weiß ich es: Erbauung, Frömmigkeit. Hier herrscht die Einmütigkeit sittlicher Vorstellungen bei Publikum, Schauspielern und Dichter. Hier ist Schauspiel noch Gottesdienst! In diesem äußerlich wenig anmurenden Raum, in einer Luft, die besser sein konnte, unter Leuten, für deren Mission im europäischen Osten als deutsche Kulturträger ich er st bei dieser Gelegenheit Respekt gewann, ist mir klar geworden, was auch hellenisches Schauspiel einst gewesen sein muß, solange es Gottesdienst war, und dieser Eindruck steht mir in mehr als einer Htnstcht ebenbürtig neben so außerordentlich religiösen Eindrücken wie dem des Kölner Doms oder dem der erhabenen Ruinen Pästums." Israelitische Allianz;n Wien. Je trauriger sich die Lage der Juden auf irgend einem Teile der Erde gestaltet, desto größer die Anforderungen, die an die großen Hilfsorganisationen gestellt werden, und desto intensiver die Tätigkeit, die von ihnen geleistet wird. Dies zeigt auch der soeben erschienene Bericht der . Israel. Allianz zu Wien", der fast ganz von den schrecklichen Ereignissen in Rußland zu Ende des vorigen Jahres beherrscht wird. Die furchtbaren Massakres, die internationale Hilfsaktion für die Opfer derselben, die wie eine Sturmflut hereinbrechende Emigration aus Rußland, die Regelung derselben seitens der internationalen Organisationen, alles findet darin eingehende Darstellung und fordert in retrospektiver Betrachtung zu ungeteilter Anerkennung für alle jene Faktoren auf, die an dem großen Hilfswerke sich beteiligten. Von einen: besonderen lokalen Interesse ist das Hilfswerk, das speziell in Wien geleistet wurde, daher wir diesen Teil des Berichtes auszüglich wiedergebe::: Die Hauptarbeit bei Ansturm der Emigranten hatte, ebenso wie im vorigen Jahre, unser Bureau in Wien zu bewältigen. Die Räumlichkeiten unseres Bureaus erwiesen sich als viel zu klein, um auch nur einen beträchtlichen Teil der Hilfesuchenden zu fassen, die sich täglich an uns wandten, und die gewöhnlichen Geschäftsstunden reichten selbst bei Hintansetzung aller laufenden Angelegenheiten für die durch mehrere Mitglieder unserer Exekutive geleitete Emigrantenabfertignng nicht aus. Der Vorstand der T o y n b e e h a l l e in der Brigittenau stellte uns mehrere Wochen hindurch in dankenswerter Weise die sehr geräumigen Säle der Anstalt für die Nachmittage zur Verfügung, um dort unsere Sichtungen und die Verteilung von Unterstützungen vorzunehmen. Später wurden uns für diesen Zweck geeignete Räumlichkeiten von dem, unsere Hilfsaktionen stets mit der größten Bereitwilligkeit fördernden Vorstand der Kültusgemeinde zur Benützung überlassen. In der Zeit von Mitte November 1905 bis Ende April 1906 wurden durch unser Bureau in Wien einzeln zirka 1500 Emigranten expediert. In dieser Zahl sind die vielen Personen nicht enthalten, die Barunterstütznngen zur selbständigen Weiterreise oder — oft mehrere Monate hindurch — während ihres Aufenthaltes in Wien erhielten. Nicht eingerechnet sind auch die großen Gruppen russischer Emigranten, je 100 bis 300 Personen umfassend, die auf Grund unserer Vereinbarungen mit