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Die Wahrheit · 1906-06-08 · Heft 22 (8.6.1906) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 22 (8.6.1906)
Date
1906-06-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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ahrchsit Redaktion u. Adiniuistration: Wien, 11/, Novaragasse 27. Anakhängtge Aeitschrift für jüöische Telephon Nr. der Druckerei 15302. Interessen. Inserate 20 HeN. per Nonvareille-Zeiie. Erscheint jeden Kreitag. Abonnementsu.' Juserlionsbeträge sind in Wie» zahlbar und klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!** i Verngsp^ei»: ÄanzjLvrm ... ft. ,z.— |j Halbjährig . ft. Ö - || Für <£ultu«beamt«r: | Ganzjährig ... ft. tu — i i Für Ausland: j ttouujiäftrivi . . . 6 M»rk:j 6 Nudel oder 16 Fcs. U Ur. 22. Wien, 8. Inni l;»<>«. Inhalt: Aus der Woche. — Israelitische Allianz zu Wien. — Tolstoi über die russischen Juden. — Moses Kapsali und seine Zeitgenossen. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Feuilleton: Der Meschummed. — Zur Bereinsgründung in Ungarn. Ans der Woche. Oesterreich hat wieder einmal ein wenigstens zum Teile j parlamentarisches Ministerium, das der Ernst der Verhältnisse und die Notwendigkeit eines wirksamen Gegengewichtes gegen das das gesamte ungarische Parlament repräsentierende ungarische Ministerium geschaffen hat. In dem neugebildeten Ministerium, das die Rechte Oesterreichs gegenüber Ungarn und auch vor i der Krone energisch vertreten soll, sind sämtliche großen Pari teien des österreichischen Reichsrates vertreten. Die Anti- > semiten mußten vorläufig noch draußen bleiben. Ihre Führer; haben wohl mit großer Emphase verkündet, daß die Partei an i der Kabinetsbildung nicht teilzunehmen gedenke, aber trotzdem! scheint auch in diesen Kreisen ein leises Sehnen nach einem! Ministerfauteuil zu herrschen, denn kurz nach der Ernennung? des neuen Ministeriums wurde durch die antisemitischen Organe! die Nachricht lanziert, daß das Ministerium noch nicht komplett! sei und für einen späteren Zeitpunkt der Eintritt des Fürsten! Liechtenstein Vorbehalten bleibe.! * * * Eine Reminiszenz an Robert H a m e r l i n g, die jüngst Peter Rosegger veröffentlichte, hat ein hartes Urteil, das der erstere vor Jahren über den Antisemitismus fällte, zeitgemäß aufgefrischt. Rosegger hatte sich nämlich bei dem älteren Freunde Rat geholt, ob er aus einen antisemitischen Angriff öffentlich erwidern solle, worauf Hamerling folgende Aeußerung tat: „Das haben diese Herren wohl selbst nicht erwartet, daß ihr politischer Firlefanz Sie so niederschmettern würde. Ueber einen solchen Erfolg würden sie nur triumphieren. Sehen Sie denn nicht, daß das ganze nur auf eine Reklame für den tölpelhaften verfahrenen Antisemitismus hinausläuft? Sie sollen Ihre Landsleute verraten haben, sollen von Juden bestochen sein, sollen Ihre Ueberzeugung um dreißig Silberlinge verkauft haben? Ich bin, und das habe ich Ihnen mitgeteilt und sage es allen, die in dieser Zeit zu mir kommen, ja selbst auf das tiefste empört über die niederträchtige Art, mit der diese tollen Streithähne gerade an Ihnen, dem Leidenden, Sensitiven ihr Mütchen kühlen. Wenn das deutsche Kampfesweise sein soll, dann kaufe ich mir morgen eine tschechische Grammatik, will kein D e u t s ch e r m e h r s e i n. Aber im Grunde, gehts nicht hundert anderen hochehrenwerten Männern ähnlich wieJhnen?Lesen Sie doch einmal diese Fachblntter der politischen Verleumdung. Der Künstler wie der Gelehrte, der Minister wie der Richter, jeder, der nicht insBockshorn dieserLeutebläst, wirdumgebracht. Ihre milde, versöhnende Art muß ihnen ja natürlich ein Dorn im Auge sein, und je mehr Sie im Lande an Boden gewinnen, je lebhafter müssen diese Unfriedstifter schon berufshalber Ihren Boden zu untergraben suchen. So lange Sie die Passionen der Philister, als lottern, trinken, tanzen, kenlen und raufen in Schnadahüpfeln besungen haben, sind Sie bei diesen Leuten der „gottbegnadete Volksdichter" gewesen. Nun, da man sieht, daß Sie es auf ernstere und höhere Ziele abgesehen haben, hält man Sie für einen Verräter an ihrer Sache, der Gemeinheit. Vielleicht sollte man Ihnen zu diesen Angriffen nur gratulieren, dieselben sind ein vollgilriger Beweis Ihrer Bedeutung, der erste, den Sie erleben. Und jetzt wollen Sie sich öffentlich rechtfertigen! So schmerzlich es wäre, Sie auf dem Wege solcher Demütigung zu sehen, im Grunde müßte man doch lachen über die Naivität eines Dichters, der solchen Leuten Rede stehen will" * * * Ein Geschäft ist der Antisemitismus immer, sogar auf den Bergen, wo die Freiheit wohnt. Als Beweis dafür dient der Ort K i tz b ü h e l in Tirol, der schon seit Jahren auf der Liste der antisemitischen und judenreinen Sommeraufenthaltsorte steht. Wenn aber einer von der verfehmten Nation gleichwohl Lust hätte, gerade nach Kitzbühel zu gehen, so braucht er sich durch den Beschluß des Fremdenverkehrsvereins Kitzbühel nicht abschrecken zu lassen und wird mit Leichtigkeit Obdach finden. Denn nur als Korporation sind die Kitzbüheler antisemitisch, einzeln nehmen sie für ihre Wohnungen mit großem Vergnügen auch jüdisches Geld, wenn es nur recht viel ist. So haben sie den Vorteil, den Antisemiten wohl zu gefallen und dennoch nicht die Möglichkeit zu verlieren, daß etliche Juden, die speziell auf Kitzbühel versessen sind, in ihrem Orte ihr Sommerquartier nehmen. * * * In dem gewaltsamen Bestreben, zwischen Henrik Ibsen, als rein arischem Genie, und den in den Siebziger- und 'Achtziger- Jahren des vorigen Jahrhunderts angeblich von jüdischem Geiste beherrschten, tonangebenden literarischen Kreisen in Deutschland einen gewissen Gegensatz zu konstruieren, stellt die antisemitische „Deutsche Zeitung" in Berlin im Nachrufe für den Heimgegangenen norwegischen Dichter folgende mit der Wahrheit stark in Konflikt geratende Betrachtungen an: „Der Norweger Ibsen hielt seinen Einzug aus der deutschen Bühne. Wie er bespöttelt wurde, wie man ihn angriff, darf wohl als bekannt vorausgesetzt werden. Er paßte mit seiner nordgermanischen Eigenart eben nicht in den jüdisch-französischen Klüngel. Als unberechtigter Eindringling in die monopolisierten Tempel

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