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Die Wahrheit · 1906-06-01 · Heft 21 (1.6.1906) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 21 (1.6.1906)
Date
1906-06-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 21. Die Wahrheil Seite 7. Abteilung bilden, wählten 30 Mitglieder in das Unterhaus oder etwa ein Zwölftel der ganzen Zahl, und kein einziges Mitglied in den Senat. Die 250.000 Herrschenden wählten den ganzen Rest. Von diesen 250.000 würden alle Beamten genommen, und jeder Erwachsene unter ihnen bekleide einen Posten entweder unter der konservativen oder liberalen Regierung oder unter beiden. Wäre dem Berliner Vertrage entsprochen, und wären die Inden emanzipiert worden, dann würden sie. da siealle schreiben und lesen können und Städtebewohner sind, nach den Bestimmungen des Wahlgesetzes entweder zur ersten oder zur zweiten Wählerabteilung gehören und würden daher die Rechte der jetzigen privilegierten Klasse, deren Zahl genau mit der Anzahl der Juden übereinstimmt, genießen und mit ihr die Macht teilen, oder sie würden die privilegierte Klasse zwingen, ihre Vorrechte aufzngeben und die Gesetze so zu ändern, daß auch die große Masse des Volkes eine Stimme habe in der Verwaltung ihrer öffentlichen Angelegenheiten. So sei die Lage der Inden und die Lage des Volkes tatsächlich ein und dieselbe. Die Emanzipation der Juden bedeute nichts mehr und nichts weniger als die Emanzipation der 5 Millionen rumänischer Bauern und Produzenten und die Verdrängung der 250.000 fremden Parasiten aus ihrer Machtstellung. Das sei der Grund, warum man der Judenemanzipation so hartnäckig sich als einer Gefahr für die Nation widersetzt. Wenn die herrschende Klasse die Nation ist, dann sei die Emanzipation der Inden eine Gefahr für sie und zwar die größte Gefahr. Landesco schildert noch, wie die herrschenden Klassen lieber das Land in Armut und Elend belassen, als die Schranken niederzureißen und ihre Privilegien zu verlieren. Die Juden seien treue und loyale Bürger und hätten dies aus mannigfache Weise bewiesen, und wann immer sie eine Gelegenheit hatten. Der Rumäne sei kein Antisemit und die Beziehungen zwischen ihm und den Juden seien herzlich und freundschaftlich. Der Fluch, unter welchem Rumänien leidet, seien Gesetze, die sowohl die Rumänen, als die Juden von allen politischen Rechten und wirtschaftlichen Gelegenheiten ausschließen und die natürlichen Hilfsquellen des Landes unerschlossen halten. Unmaßgebliche Gedanken eines „andächtigen Zuhörers". Auf deu Träuensack der Zuhörer spekuliert man selten vergebens. Den andächtige Zuhörer meint immer, man denke nicht an ihn, sondern an seinen gleichfalls andächtigen Nachbarn. Es ist immer vorteilhafter, von der Not und dem Jammer der Gegenwart in der Synagoge zu reden, als von der allerdings großen Vergangenheit des Judentums. Irgend ein Dichter, wenn ich nicht sehr irre, war es Schiller, hat schon gesagt: „Der Jammer, wenn er nur naß ist, gefällt."! Ueber die Naturwissenschaften und den Atheismus loszuj ziehen, ist höchst pikant. Man kann dies tun, auch wenn man vor Aerzten und Atheisten spricht. Sie ärgern sich darüber, und schließlich bleibt alles beim Alten. Man spreche schön, nenne nie das Kind beim rechten Namen. Ist es nicht ästhetischer, von der kalten Hand des Schicksals zu sprechen, als vom Schicksal? i - Man reite nicht zuviel das Roß der Bibel, denn man muß modern sein. Tut man es aber, so weise man nach, daß Nietzsche auch nichts anderes gesagt hat, als in der Bibel steht. Das Organ ist das wichtigste, der Vortrag alles; aus den Inhalt der Rede kommt es weniger an. Man moduliere die Stimme und schreie nicht zu sehr. Fehlen die Gedanken, so lasse man es wenigstens nicht an Anlehen und schönen Worten fehlen. Merkt man, daß jemand von den andächtigen Zuhörern gähnt, oder gar saust eingeschlafen ist, oder daß irgendwelcher ein Zeitnngsblatt sachte hervorzieht, darin liest, oder zu einem j Nebenmanne eine Bemerkung macht, dann kann die Stimme erj hoben werden. Gut ist es, der Rede Fluß dann auszuhalten, j falls es möglich ist, ohne aus dem Konzevt zu kommen und,! Gott behüte, stecken zu bleiben. j - | Erdbeben, Ausgleich mit Ungarn, Grubenunglückssälle, j russische Auleche, Nationalitätenstreit, ja selbst die Wahlresorm,! das sind Ereignisse, die, in delikater Form gebracht, immerhin j die etwas weniger kurzweiligen Abhandlungen über die Religion i zu würzen vermögen. Man lasse sich ihre Nutzanwendung nicht entgehen. Sie sind der Pfeffer selbst für fade Reden. I Der Redner zeige, daß er ein vielgewandter Mann sei. i Er beweise, daß er die neuesten Phasen der Politik ebenso kenne,! wie z. B. die neuesten Erscheinungen auf dem Gebiete der j Belletristik und Aegyptologie. Nur nicht oberflächlich zu sein scheinen! Die Gottheit ist heute ein unmodernes Thema geworden und doch Hilst sie über manche Schwierigkeiten hinweg. Ueber Wohltätigkeit zu reden, ist immer am Platze, aber! man werde nicht anzüglich; nicht jeder vertrügt es, an seine! schwache Seite gemahnt zu werden.! Moderne Literatur liefert einen ausgiebigen Stoff. Nur! schone man die Gefühle der Frauen, deren Gatten daran labo-! rieren, daß ihre Gefährtinnen infolge des allznandächligen Lesens! der bekannten „grünen Bücher" des Leibes Atzung, im gewöhni lichen Leben Küche genannt, allzusehr vernachlässigen. j Wird während der Rede geschwätzt, so kann dies gerügt j werden, aber nicht sehr hart. Schließlich meinen doch die Meisten, z während der Andacht ruhig zu sein, sei Chukkat ha - Goi. i Komplimente können und sollen gemacht werden, ohne! Unterschied, ob sie der großen Zuhörerschaft, den Herren Vorstehern oder den Vorbetern gelten. Bibel, Talmud und Midrasch sind für den Redner nicht so ergiebige Fundgruben, wie Feuilletons und Leitartikel viel gelesener „Weltblätter". Es ist gut, wenn der Redner den Frauen schmeichelt. Zuhause lesen sie zwar mit Andacht „Das Tagebuch der Verlornen", im Bethause hören sie aber gerne, wenn man aus ihre Bedeutung für die Religion hinweist. Zitate aus Dichtern machen immer einen guten Eindruck; mit dem Wortlaute muß man es nicht allzu genau nehmen. Moderne Kindererziehung ist für den Redner ein sehr dankbarer Stoff; hat er keine Kinder, desto besser für ihn. Mode und Luxus sind ergiebige Themata; man spreche nur darüber schonend; es wird auch besser sein, wenn der Redner ledigen Standes ist, oder, wenn verheiratet, seine Frau auch nicht gerade immer der neuesten Mode huldigt. Ein schlechter Vortrag läßt sich reparieren. Wozu gäbe es auch Schauspieler? Verfeinden möge sich der Redner mit Niemand: der Friede leide niemals durch die Wahrheit. Wahrheit ist ein schönes Wort, aber doch nur ein idealer Begriff. Wohin käme mau, wenn man sie jedermann ins Gesichtsagte? Schöner noch ist von der Liebe zu reden. Liebe versteht ein jeder und jede. Man hört so gerne von der Liebe reden. Dieser Stoff bringt am wenigsten in Verlegenheit. Für die Liebe interessieren sich ebenso Greise, die nach Gastein fahren müssen, wie die Jungfrauen, die im Ballsaale entzücken; sie erfreut die Männer, die des Tages Sorge drückt, wie die Frauen, die sich von dem Kummer wegen der Toilette zu erholen wünschen. Rede schön und klug. Man hat doch auch etwas anders zu tun, als deine Reden anzuhören. Zopheh.

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