Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 21 (1.6.1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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S Seite 4. Die Wahrheit Nr. 21. die mannigfachen Vorurteile, die namentlich in gebildeten Kreisen gegen das Judentum verbreitet sind, zu entkräften. „Mein Zweck bei der Herausgabe des Buches", so schrieb Graf Coudenhove im Vorworte, „ist ausschließlich, durch die Gerechtigkeit auch gegen Israel zur Friedfertigkeit beizutragen. Ich weiß wohl, welche Schwierigkeiten sich einem derartigen Versuche entgegentürmen. Wer über Juden nur das Geringste sagt und schreibt, das nicht ungünstig lauter, wird gleich als Jude und Freimaurer verschrieen. Doch bei mir würde das Mittel nichts nützen. In meinem Stammbaum findet sich nicht die geringste Spur jüdischen Blutes. Wäre dies aber der Fall, würde ich dies nicht nur nicht verschweigen, sondern es geradezu freudigst bekennen, weil ich stolz wäre auf eine mögliche Stammesverwandtschaft mit den heiligsten Männern und Frauen, die je auf diesem Planeten gewandert sind." In seiner Jugend war Coudenhove selbst Antisemit. Der Wandel der Anschauung war ein Produkt eingehender Spezialstudien, von denen jede Zeile seines Buches Zeugnis ablegt. Er beherrscht die einschlägige Literatur und die tatsächlichen Verhältnisse mit einer geradezu verblüffenden, bei einem Nichtjuden. zumal seiner sozialen Stellung doppelt bewundernswerten Sicherheit. Vor Allem aber offenbart er einen Wahrheitsdrang und Wahrheitsmut, wie er in unseren Tagen und namentlich in dem antisemitisch vergifteten Oesterreich nur äußerst selten angetroffen wird. ..Warum", so schrieb Coudenhove an anderer Stelle, „vergessen Christen und Mohammedaner immer, wie viel sie dem Judentum und seinen heiligen Schriften verdanken? Die jüdische Religion ist die Mutter, aus deren Schoß Christentum und Islam geboren wurden. Christus, welchen die Offenbarung Johannis den Löwen vom Stamme Juda nennt, und die Apostel waren Juden; die seligste Jungfrau war eine Jüdin. Der Jude Petrus ist der Fels, auf welchem nach dem Glauben der Christen, Christus seine Kirche aufgebaut. Jakobus, der erste Bischof von Jerusalem. Johannes, der Lieblingsjünger des Heilands, Paulus, der Völkerapostel, Stephanus der erste Blut-. zeuge, sie waren Juden. Philo, der einen so gewaltigen Einfluß auf die christliche Theologie ansgeübt, war Jude, und die ganze Bedeutung des Maimonides für die scholastische Philosophie des Mittelalters, des Spinoza für die neuere Philosophie ist noch lange nicht genügend verstanden und gewürdigt." Anläßlich des Ablebens des großen nordischen Dichters Henrik Ibsen sei an ein an Georg Brandes gerichtetes Schreiben des Dichters erinnert, in welchem folgende Stelle besondere Aufmerksamkeit verdient: „Der Staat ist der Fluch des Individuums." Womit ist Preußens Stärke als Staat erkauft? Mit dem Aufgehen der Individuen in den politischen und geografischen Begriff. Der Kellner ist der beste Soldat. Und auf der anderen Seite das Volk d e r I u d e n, d e r A d e l d e s Menschengeschlechtes, wodurch hat es sich in Absonderung, in Poesie erhalten trotz aller Roheit von außen? Dadurch, daß es sich nicht mit einem Staate herumzuschlagen brauchte . . ." Die antisemitischen Blätter wußten, als dieses Schreiben vor etwas mehr als Jahresfrist unter den Ibsen-Briefen publiziert wurde, nicht recht, wie sie sich nunmehr gegen Ibsen verhalten sollen, den sie früher als einen der größten und erhabensten Geister feierten. Daß auch Georg Brandes ein Jude i st, machte den Antisemiten die Pille noch bitterer. Als Ausweg aus diesem Dilemma begegnete man damals den ganz auffälligen Bemühungen der antisemitischen Blätter, Ibsen als einen nunmehr geistig gebrochenen, der Paralyse verfallenen Menschen hinzustellen, und daran wurde mehr oder minderdeutlich die Bemerkung geknüpft, daß in diesem geistigen Verfall Ibsens seine Auffassung über die Juden ihre einzige Erklärung finde. Dem gegenüber kann nicht genug entschieden daran erinnert werden, daß der in Rede stehende Brief Ibsens an Brandes aus dem Jahre 1870 stammt, aus einer Zeit also, in der Ibsen auf der Höhe seines Schaffens stand. * * * Die Duma berät und beschließt, aber der Zar und seine Regierung kümmert sich blutwenig um ihre Beschlüsse und Forderungen. In der Adreßdebatte verurteilte der jüdische Abgeordnete W i u a w e r aus Petersburg das Schweigen des Ministeriums über die Volksrechte und sagte unter anderem, Freiheit und Ordnung seien unmöglich, bevor nicht die bürgerliche Gleichheit geschaffen sei. Zur Ministerbank gewendet frug er: „Warum haben Sie über die Summe von sechs Millionen Menschen nicht gesprochen, welche aller Rechte beraubt sind, die ihre Glaubensgenossen nicht bloß in konstitutionellen, sondern auch in weniger zivilisierten Staaten genießen?" Die Antwort darauf sind natürlich die Minister schuldig geblieben. Eduard Ritter von Gnirwos;- Ein Edelmann in des Wortes schönster Bedeutung hat am 24. Mai d. I. seinen Geist ausgehaucht, und wir Juden haben einen unersetzlichen Verlust erlitten; denn mit Eduard Ritter von G n i e w o s z ist uns ein Freund dahingeschieden, der mit seltener Leidenschaftlichkeit und Feuereifer sowohl auf der öffentlichen Tribüne wie im Privatleben für uns eingetreten ist. Seine Abkunft von einem alten polnischen Adelsgeschlechte, das für Freiheit und gegen ungerechte Unterdrückung immer zu kämpfen bereit war, hat er stets hochgehalten, und selten findet man jetzt Männer, die über anderen zugesügte Ungerechtigkeiten derart m Harnisch geraten könnten, wie der Verblichene, und so hatte er bei seinem stark ausgeprägten Sinn für Recht und Gerechtigkeit es nicht begreifen können, daß Bürger wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer Religion, die der Welt ihre Religion gegeben hat, entrechtet und verfolgt werden sollen. Noch als junger Mann trat Ritter von Guiewosz im ersten galizischen Landtag für die Emanzipation der Juden ein, und später als er im österreichischen Abgeordnetenhause mit großem Erfolg wirkte, hatte er den Mut, gegen den Strom zu schwimmen, und überall wo es galt uns Juden zu verteidigen, war er der erste am Platze. So kam es sehr häufig vor, daß er mit den Führern der antisemitischen Partei in Streit geriet, und der Ausspruch, daß die Flagge unter der die Antisemiten kämpfen, nicht rein sei, ist von ihm geprägt worden. Als der berühmte Gelehrte Prof. Dr. Nothnagel den Verein zur Abwehr des Antisemitismus ins Leben ries, war Sektionschef von Gniewosz der erste, der dies mit Freuden begrüßte und als Gründer sich mit Erfolg betätigte. Als Referent für jüdische Angelegenheiten im Unterrichts-Ministerium war er stets bestrebt, dem Kleinsten wie dem Größten gegenüber objektiv und gerecht vorzugehen. Bei dem Gesetze über die Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der Judengemeinden hat er als Referent Ersprießliches geleistet, und daß dies gerade zu jener Zeit nicht leicht war, ist jedem Eingeweihten zu Genüge bekannt. Als Baron Hirsch seine Millionenstiftung gründen wollte, wandte er sich zuerst an Sektionschef von Gniewosz, bei welchem er auch das freundlichste Entgegenkommen fand. Auf seine Veranlassung ist die Stiftung zur Gründung von Schulen in Galizien und Bukowina ins Leben gerufen worden, in der er auch als Kurator und Vizepräsident bis vor kurzem wirkte. Besonders diese Ehrenstelle nahm der Verblichene sehr genau, und wenn nicht außerordentliche Hindernisse dazwischen traten, war er bei den Sitzungen, in denen er wiederholt mit großer Sachkenntnis das Wort ergriff, stets anwesend. Ueberhaupt faßte er eine Ehrenstelle viel ernster auf als ein bezahltes Amt und er konnte nie begreifen, wenn andere Persönlichkeiten so viele Ehrenstellen anuahmen, daß sie voraussichtlich den Pflichten derselben nicht Nachkommen konnten. Noch zuletzt, als er eine schwere Krankheit zu überstehen hatte, scheute er sich nicht, seine Meinung in Form eines Briefes an den Präsidenten zu äußern und denselben auf eigene Kosten drucken zu lassen. Von dem