Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 21 (1.6.1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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akr-beit Redaktion ». Sldiniiiistiatiou: Wien, II/, Novaragasie 27. Telepvvu Nr. der Druckerei 1530S. l> II lernt f L(I HeU. ver J!onvareiUe-.»tei>e. SlbonuemeutS- ». Jineitioiisbelrä>ie und iu Wien zablbar und klagbar. Unabhängige Aeitfchrift für jüdische Interessen.. Hrscheinl jeden Ireilag. I^otto: ,^Oas Liefet Gotte* ist Wahrheit!41 Vezngspvei»: Äanziährig ... st. ix.— Halbjährig ... St. 6 — Für Culrnsvemtttr: liliaurjäbrig . . >» -! Für Zustand: Ganzjährig . . . Mark 6 Rubel oder l» iu*. Ur. 21 Wieir. 1. Juni 1906. Inhalt: Aus der Woche. — Eduard Ritter von Gniewosz-Olexow. — Zum Prozeß Hilsuer. — Rumänien und die Juden.— Unmaßgebliche Gedanken eines „andächtigen Zuhörers" — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Ein poetischer Schadchen. Ans der Woche. Der ernste Konflikt, der zwischen Oesterreich und Ungarn entstanden ist und in dem die Krone sich für die Wünsche des letzteren entschied, hat den Ministerpräsidenten Prinzen Hohenlohe und sein gesamtes Ministerilim zum Rücktritte gezwungen. Die österreichischen Juden müssen dieses Ereignis umsomehr bedauern, als der scheidende Staatsmann nach seinem bisherigen Wirken zu den Hoffnungen berechtigte, daß er, ohne Rücksicht auf Nationalität und Konfession, dem Gesetze vollste Geltung zu verschaffen gewillt sei. Doch in dem Momente der schweren Krise, die Oesterreich heimgesucht hat, tritt dieses Bedauern völlig in den Hintergrund und die patriotische Pflicht, der sich die österreichischen Juden jederzeit selbst mit den größten Opfern willig unterzogen haben, gebietet nur den einen Wunsch, daß der Nachfolger Hohenlohes die Interessen Oesterreichs gegenüber den unbilligen Forderungen Ungarns mit Energie und Erfolg vertrete. * * & Die letzte Woche hat wieder einmal den Bürgermeister Dr. Lueger als Mann der großen Pose gesehen. In der Debatte, die im Abgeordnetenhause über die Demonstration der Lebensmittelhändler vor dem Parlamente durchgeführt wurde, trat er mit großer Emphase für das gleiche Recht aller Staatsbürger ein, indem er die Haltung der Polizei gegenüber den Demonstranten als Beweis dafür anführte, „daß in unserem Vaterlande Oesterreich jedwede Grundlage des Staates, und das ist das gleiche Recht, e r s ch ü t t e r t ist." Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung, und vielleicht leuchtet jetzt dem Herrn Dr. Lueger ein, welch' schwere Schäden dem österreichischen Staate durch seine Partei zugefügt wurden, deren ganzes Streben dahin geht, im Widerspruche mit den Staatsgrundgesetzen, die Rechte der jüdischen Staatsbürger auf allen Gebieten zu verkürzen und dadurch den Grundsatz der Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetze zu untergraben. König Karol von Rumänien begieng vor einigen Tagen sein vierzigjähriges Regierungsjubiläum und wurde bei diesem Anlasse überall als gerechter, edler und frommer Monarch und als Förderer der Kultur gefeiert. Wir würden wohl gerne in dieses Lob einstimmen, aber leider können wir an die entsetzlichen Judenverfolgungen nicht vergessen, die unter seiner Regierung bis in die neueste Zeit in Rumänien stattfanden, und wir haben bisher nicht gehört, daß er die Behandlung der Juden in seinem Staate, die wohl auch nicht mit den Lehren der Nächstenliebe, mit den Pflichten der Gerechtigkeit und mit den Anforderungen von Recht und Humanität in Einklang zu bringen ist, auch nur einmal in entschiedener Weise gebrandmarkt hätte. Schade, daß er dies nicht getan hat, da hätte doch seine königliche Gemahlin, die unter dem Namen Carmen Sylva so schön Menschenliebe und Duldung, Liebe und Idealismus! besingt, einen herrlichen Anlaß gehabt, ihren Gatten und König in einer begeisterten Dichtung zn preisen. Der Umstand, daß die sogenannten judentiberalen Blätter so überaus laut die Jubelfanfare bliesen, veranlaßte das „Wr. Mont. Journ." zn folgenden treffenden Bemerkungen: König Karol von Rumänien wird anläßlich seines Regierungsjubiläums von der gesamten Wiener Presse Weihrauch : gestreut. Einzelne Artikel tropfen so von Enthusiasmus, daß 1 man sie ordentlich auswinden muß, will man die gewisse wässerige Nässe aus ihnen herausbringen. Man liest plötzlich, welche kolossalen Herrschertugenden der Hohenzollernsprößling eigentlich besitzt und man greift sich dabei erstaunt an den Kopf: Unter dem Herrscher, dem Verständnis für Zivilisation und Kultur nachgerühmt wird, an dessen Ehrentage sich alle liberalen Schmocks den Bratenrock anziehen, für den sie ein Faß Ekstase frisch anschlagen, unter dem Regime dieses Herrlichsten unter den , Herrlichen wurden tausende arbeitsamer, braver Menschen nur - wegen ihres Glaubens und ihrer Religion ansgewiesen, wandelten : unzählige Glaubensgenossen der Herren, die sich ihre Finger zu! Karols Ehren wund schrieben, ins hoffnungslose, ewige Elend. Aber die liberale Journalistik, die sich vor königlichen Ehebetten! wegen Geheimnisse und vor Königen wegen Orden bückt, har! jedes Gefühl für Würde verloren und preist mit vollen Backen einen Regenten, dessen Gemahlin genau so dichtet, wie er human ist. Denn ein König, der im Lande bleiben kann, ist ihnen entschieden teurer als ein armer Jude, dem man es verwehrt,! sich daheim redlich zu ernähren. . . . * * Vor kurzem ist Dr. Heinrich Graf von Coudenhove, der Sprößling eines der angesehensten österreichischen Adelsgeschlechter gestorben, der durch seine fruchtbare literarische Tätigkeit es wohl verdient hat, daß ihm auch in jüdischen Blättern ein ehrendes Denkmal gesetzt werde. Mit hoher Bildung, gründlicher Wissenschaftlichkeit und durch große Reisen gewonnene Welterfahrung ausgestattet, und durch seine Abstammung und streng christlich konservative Gesinnung über den Verdacht etwaiger Liebedienerei erhaben, versuchte er es in seinem Hauptwerke „D a s W e s e n des Antisemitismus" (Berlin 1901)