Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 20 (25.5.1906)
- Date
- 1906-05-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3063316-3063336--04266-3071092- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 20 hauptsächlich durch die Erträgnisse der Nathaniel Freiherr von Rothschildschen Widmung per L 2,000.000. Die Erhöhung der Ausgaben erklärt sich durch die Vermehrung des Belagraumes, durch die Verteuerung der Lebensmittel, durch verschiedene mit der Erhöhung des Belages in Zusammenhang stehende größere Neuanschaffungen rc. Der Zuschuß, den die Gemeinde zu den Kosten des Spitales leistete, betrug K 206.192, um rund K 13.000 mehr als im Vorjahre. Die ordentlichen Ausgaben der V e r s o r g u n g s a n st a l t find von K 136.481 auf K 146.653, um rund K 10.000 gestiegen, während die Einnahmen mit K 64.617 fast konstant geblieben sind. Verursacht wurden die erhöhten Ausgaben hauptsächlich durch Mehrausgaben an Gehalten und Löhnen, infolge Anstellung eines Primararztes und einer Oberschwester, durch erhöhte Ausgaben für die Gebäudeerhaltung, endlich durch die Steigung der Lebensmittelpreise. Die Ausgaben für Unterstützungen haben sich von K 161.867 im Jahre 1904, auf K 188.311 im Jahre 1905 vermehrt. Die Deckung dieser Ausgabe erfolgt, wie bereits erwähnt durch den Ueberschuß aus dem Kapitel „Beerdigungswesen", ebenso wie die Ausgaben für Subventionen an Wohltätigkeitsvereine im Betrage von K 46.760. Die Kultussteuer hat im Jahre 1905 nur eine unbedeutende Erhöhung, und zwar um rund K 6000 erfahren. Die Ausgaben für die allgemeine Verwaltung erhöhten sich um rund K 30.000, hauptsächlich hervorgerufen durch Gehaltserhöhungen, durch Personalvermehrung, endlich, und zwar mit einem Betrage von K 14.393, durch die Umgestaltung und Neueinrichtung von Lokalitäten im Hause Seitenstettengasse 2 für Bureauzwecke. Im Kapitel „Diverse Einnahmen und Ausgaben", dessen Gesamtausgaben K 31.725 betragen, sind K 15.000 als Beitrag an die „Israelitische Allianz" anläßlich der russischen Judenverfolgungen enthalten. Die ersten Kapitel des Referates wurden debattenlos genehmigt und erst beim Kapitel ..Religionsunterricht" entwickelt sich über eine Urgenz des Kultusvorstehers kais. Rat Sigm. Kauders betreffs baldigster Fertigstellung einer Präparation samt hebräischem Vokabularium für die Mittelschulen eine lebhaftere Debatte, an welcher die Herren Dr. Maximilian S t e in er, I. Vizepräsident Dr. Gustav Kohn, Dr. Markus Spitz er und S. Landau teilnehmen. Beim Kapitel „allgemeine Verwaltung" verweist der Vorsitzende auf eine vor 8 Tagen erflossene, prinzipiell wichtige Entscheidung des Berwaltungsgerichtshofes. Ein Fabrikant, der an dem Orte seines Fabriksbetriebes Kultussteuer zahlt, wurde von der Wiener Kultusgemeinde, da er auch hier vorübergehend domiziliert, zur Kultussteuer herangezogen und erhob gegen diese Leistung Beschwerde beim Verwaltungsgerichtshofe. Dieser wies unter Intervention des I. Vizepräsidenten Dr. Gustav K o h n, der den Interessen der Gemeinde zum Siege verhalf, den Beschwerdeführer ab. Dem vom Vorsitzenden an Herrn Dr. Gustav Kohn aus diesem Anlasse beantragten Danke wird lebhafte Zustimmung erteilt. Beim Kapitel „Versorgungshaus" beantragt der Präsident ein Dankesvotum für das Damenkomitee, das unter Leitung des Herrn Salo Cohn sich an der Verwaltung des Versorgungshauses in überaus ersprießlicher Weise betätige. Herr Salo Cohn konstatiert, daß dieser Dank zum großen Teile dem Referenten des Versorgungshauses, Herrn Oberfinanzrat Dr. Rappaport, gebühre. (Beifall.) In der nach Beendigung der öffentlichen Sitzung folgenden vertraulichen Sitzung wurde über die Verwendung des Rudolf A u s p i tz - Legates per K 200.000 für Wohltätigkeitszwecke Beschluß gefaßt. Nach mehrstündiger Debatte wurden, mit einigen Abänderungen, die Einträge des Vertreterkollegiums angenommen, wonach ein Betrag von K 90.000 als Fonds für die Erweiterung der israelitischen Versorgungsanstalt zurückgelegt, der verbleibende Betrag von X 110.000 au verschiedene Wohltätiakeitsvereine und Institutionen in Einzelbeträgen von K 100 bis K 10.000 aufgeteilt wird. Schluß der Sitzung Uhr nachmittags. Unter ungemein zahlreicher Teilnahme fand Donnerstag, den 17. d. M., 10 Uhr vormittags, das Leichenbegängnis des am 15. d. M. so jäh aus dem Leben geschiedenen Vize-Prüsidenten der Wiener Kultusgemeinde, Herrn kais. Rat Moriz Hirsch, statt, und der großen Verehrung, die der Verblichene in den weitesten Kreisen genoß, entsprach auch das aufrichtige und tiefe Beileid, das seiner tiefgebeugten Familie allgemein bekundet wurde. Im Trauerhause waren außer vielen hervorragenden offiziellen Persönlichkeiten, die Vertreter aller Kreise der Wiener Kultusgemeinde, mit dem Kultusvorstande an der Spitze, erschienen, und ein fast endloser Trauerzug folgte dem Leichenwagen nach dem Zentralfriedhofe. In der Zeremonienhalle daselbst stimmte Oberkantor Singer unter Assistenz der ersten Kantoren Schiller und Jurberger und des gesamten Chorpersonales das „Hazur tomim' an, und als der wehmütig ernste Gesang verklungen war, schilderte Oberrabbiner Doktor Güdemann die hohen Tugenden und Verdienste des Verblichenen mit folgenden Worten: „Er geht nach einem Leben voll rüstiger, unverdrossener Arbeit und gewissenhaftester Pflichterfüllung zur Ruhe, und es wird sich die Verheißung an ihm erfüllen: „Ihr werdet schlafen und nichts wird euch schrecken." Wenn einer so gelebt hat, wie der Dahingeschiedene, dann braucht er den Tod nicht zu fürchten. Wer die Familie kennt, die in ihm ihr Haupt, ihren Stolz verliert, wird ihren Schmerz begreifen, denn er war der beste Vater, und wie er mit seiner Gattin in der glücklichsten Ehe lebte, so bewirkte seine väterliche Liebe, daß alle seine Kinder in innigster Harmonie sich um ihn scharten und verehrungsvoll zu ihm aufblickten. Es ist aber nicht bloß die Pietät hervorzuheben, die ihm seine Kinder entgegenbrachten, er hatte es auch verstanden, den frommen Sinn, der ihn selbst auszeichnete, auf seine Kinder zu übertragen. Wenn er an heiliger Stätte erschien, da war er umgeben von seinen Söhnen und Töchtern. Gereichte diese Einmütigkeit dem Vater zur Freude, so gereicht sie jetzt den Kindern zum Tröste. Aber mit der engeren Familie beklagt seinen Hingang auch die größere Familie, unsere Gemeinde. Es ist nicht bloß ein Bild, wenn ich von der Gemeinde als von seinergrößeren Familie rede. Denn er hat auch an ihr väterlich, mit väterlicher Teilnahme und Gewissenhaftigkeit gehandelt. Als er sich von seinen Geschäften zurückzog, da widmete er sich mit viel größerem Eifer, als er diesen je zugewendet hatte, den Angelegenheiten der Gemeinde. Buchstäblich war er früh und spät in ihrem Dienste tätig, und obgleich er mit der Genauigkeit des umsichtigen Haushalters sein Amt verwaltete, so war er doch immer bestrebt, berechtigten Wünschen zu entsprechen, denn neben der strengen Rechtschaffenheit bildete die Herzensgüte den Grundzug seines Wesens. Dies erklärt, daß so manche angesehenen kaufmännischen Körperschaften seine Mitwirkung begehrten und ihn durch ihr Vertrauen auszeichneten. Wenn man dieses so vielfach verzweigte und gemeinnützige Leben überblickt, dann hat es etwas Tröstliches, daß es nicht langsam hinwelkte, sondern in seiner edlen Entfaltung endete. Wie ein mit reichen Früchten beladener Baum, so stand er in unserer Mitte, so hat ihn der Tod gefällt und so wird er in unserer Erinnerung fortleben. Er ziehe hin in Frieden." In tiefer Ergriffenheit trat nun der Präsident der Kultusgemeinde, Dr. Alfred Stern, an die Bahre und hielt folgenden Nachruf: Für das Präsidium, für den Vorstand unserer Kultusgemeiude ergreife ich hier an dieser Bahre das Wort, um Dir, dem hochverehrten, dem innigst geliebten Freunde und Kollegen ein Lebewohl, ein letztes Abschiedswort zu sagen. Soll ich Dir sagen, wie tief schmerzlich ich, der weit ältere Arbeitsgenoffe, wie wir alle, alle ergriffen waren, als plötzlich, unerwartet uns die Kunde traf, unser lieber, lieber Freund, Vizepräsident Hirsch, er, der noch vor wenigen Stunden in unserer Mitte das Wort führte, dem wir alle aufmerksam lauschten, sei uns entrissen. Nicht Worte, nicht der ganze Sprachschatz, über den ich v-r , WMM IH