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Die Wahrheit · 1906-05-25 · Heft 20 (25.5.1906) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 20 (25.5.1906)
Date
1906-05-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 20. Die Wahrheit. Seite 5. in Königsberg", antwortete Sonnenthal. „Wagner ist plötzlich auf der Probe erkrankt, ein anderes Stück ist heute nicht möglich", knurrte Laube weiter. „Spielen Sie also den Uriel!" Der verblüffte Künstler bat um eine Viertelstunde Bedenkzeit, ging in die Garderobe, überflog die Rolle und meldete sich binnen wenigen Minuten zu dem Wagnis bereit. Es fand sofort eine Probe statt und am Abend hatte er einen Riesenerfolg beim Publikum, das iu seinem geliebten Lustspielliebhaber nun auch den berufenen Tragöden sah. Ueberaus bemerkenswert ist die Kritik, die damals in der „Presse" über diese Vorstellung veröffentlicht wurde. Es heißt daselbst: „Auffassung, Haltung und Ausdruck trugen keineswegs das Gepräge einer improvisierten Leistung. Die mit Notwendigkeit sich anfdrängende Vergleichung zwischen Wagners „Uriel Acosta" und dem Sonnenthals fiel in manchem Betracht zu Gunsten des Letzteren aus. Derselbe hauchte nämlich der Gestalt mehr Wärme ein, ließ mehr das Seelenleben des Juden vorwalten, hatte etwas ausgesprochen Sinnendes und Träumerisches, während Wagner das Heldenhafte, Auflodernde besser betonte und dadurch zwar das Schwächliche des Gutzkow'schen Uriel zeitweilig verdeckte, dagegen aber den Mangel an einem wirklich tragischen Charakter erst recht erkennen ließ. Erschüttern kann uns Uriel auch in Herrn Wagners Darstellung nicht, wenn auch auf Augenblicke mit sich fortreißen; Herrn Sonnenthals Uriel erweckte Rührung, menschliche Teilnahme, machte uns den Zauber der Familie begreiflich, dem der Jude Uriel unterliegt, als der Bann der Synagoge den Denker Uriel getroffen." Bei einer anderen Uriel-Vorstellung war es, wo Sonnenthal etwas unsanft an fein Judentum erinnert wurde. Im Frühjahr 1889 absolvierte nämlich der Künstler ein mehrtägiges Gastspiel im Deutschen Theater zu Riga in Rußland und hatte bereits 3 Tage unbehelligt gespielt, als der Polizeimeister Wlastowski erfuhr, daß Sonnenthal Jude sei. Sofort erinnerte sich der edle Russe einer Verordnung des Ministeriums des Innern, laut welcher ausländische und zumal österr.-ungarische Juden ohne besondere Erlaubnis nicht länger als 3 Tage auf russischem Boden weilen dürfen, und kraft dieser Verordnung wurde dem vom Rigaer Publikum ho chgeseierten Künstler bedeutet, daß er sofort Riga zu verlassen habe. Ueber Intervention des telegraphisch angerufenen österr.-ungar. Botschafters in Petersburg wurde dieser Ausweisungsbefehl zurückgezogen und schon am nächsten Abende konnte der Künstler wieder auftreten. Für diese Vorstellung war zufällig „Uriel-Acosta" angesetzt, und Sonnenthal gab im zweiten Akte unter dem Jubel des überfüllten Hauses die bekannte Erklärung ab: „Ihr dürft mir fluchen, denn ich bin ein Jude! " Unzählige Episoden aus dem Leben und Wirken des Künstlers ließen sich wiedergeben, in denen Sonnenthal als Mensch und Künstler in gleich strahlendem Lichte erscheint, aber den Intentionen des Jubilars entsprechend, der mit der dem wahren Künstler eigenen Bescheidenheit öffentlichen Lobpreisungen gerne aus dem Wege geht, wollen wir uns diesbezüglich die nötige Reserve auferlegen. Aber eine Dankesschuld müssen wir dennoch dem großen Menschen und Künstler Sonnenthal abstatten, den Dank, daß ertrotz vieler Versuchungen, die in seinerglänzenden Laufbahn an ihn herangetreten sind, treu und unerschütterlich an seinem Judentum festgehalten und nicht, wie viele andere, in der Stunde der Gefahr sein Volk verlassen, sondern sich sogar freudig und tatkräftig an die Spitze desselben gestellt hat. Und darum erfüllt uns nebst innigem Danke auch der freudige Stolz, daß Adolf Ritter von Sonnenthal, die Zierde der deutschen Bühne, die „Stütze des Bnrgtheaters", wie er vom Kaiser auszeichnend genannt wurde, so ganz der Unsrige ist. Aus der Wiener Knlinsgemeinde. Die am 20. Mai. 10 Uhr vormittags, stattgehabte öffentliche Plenarsitzung des Kultusvorstandes, die der Genehmigung des Rechnungsabschlusses pro 1905 bestimmt war, wurde vom Vorsitzenden, Präsident Dr. Alfred Stern, mit einer Trauerkundgebung für den verewigten II. Vizepräsidenten kaiserl. Rat Moriz Hirsch eröffnet, die von der Versammlung stehend angehörr und dem Sitzungsprotokolle einverleibt wurde. Im Einlaufe befinden sich: Eine Spende der Familie des sel. Vizepräsidenten kais. Rat Moriz Hirsch zur Verteilung au arme Israeliten am Begräbnistage des Genannten X 1000. — Die Mitteilung, daß der Sekretär des verewigten Herrn Rudolf Auspitz, Herr Josef K o h n aus dem ihm vermachten Nachlaße das. vollständige stenographische Protokoll des österreichischen Reichsrates und der österreichischen Delegationen seit 1861, ferner die „Statistische Monatsschrift" und die „Mitteilungen des Finanzministeriums" und das komplette „Reichsgesetzblatt" seit 1848, der Kultusgemeinde geschenkweise überlassen habe. — Den Spendern wird der Dank votiert. Weiters befinden sich im Einlaufe Beileidskundgebungen anläßlich des Ablebens des II. Vizepräsidenten, kais. Rat Moriz Hirsch. Bei Uebergang zur Tagesordnung erstattet der I. Sekretär kais. Rat Dr. Theodor Lieben nachstehendes Referat über den Rechnungsabschluß pro 1905: Der Rechnungsabschluß für das Jahr 1905 schließt mit einem Fehlbeträge von K 78.021-59. Es stehen nämlich, nach Ausscheidung der Kapitel „Zentralfriedhof,, und „Beerdigungswesen" und der Kapitel „Unterstützungen" und ..Subventionen". denEinnahmenvonX 1,748.953-80, Ausgaben vonLI.826.975'39 gegenüber. Die Details zum Rechnungsabschluß weisen im großen nnd ganzen gegenüber dem Vorjahre nur geringe Aenderungen aus. Einzelne besondere Posten seien im nachfolgenden hervorgehoben : Das Bethaus JnnereStadt erforderte im abgelaufenen Jahre um K 6000 mehr als im Jahre 1904. Die Einnahmen erfuhren insbesondere aus „Trauungstuxen" und für „Betsitze" eine Erhöhung von rund K 4900. Die Herabminderung der Ausgaben für den Tempel H u b e r g a s s e um rund K 7000 ist nur eine scheinbare, weil nämlich unter den Ausgaben des Jahres 1904 K 6000 für größere Renovierungen enthalten waren, die 1905 selbstverständlich nicht mehr erscheinen; weiters gelangte die Stelle eines I. Kantors in diesem Tempel erst im Laufe des Jahres 1905 zur Wiederbesetzung, wodurch sich die Herabminderung der Post „Gehalte" erklärt. Die Einnahmen des Bethauses Schopenhauer st raße weisen eine Zunahme der Trauungstaxen um rund L 1000 aus. Die Subventionen für Vereinsbethäuser haben sich gegenüber dem Vorjahre um rund K 5000 erhöht. Die Ausgaben für Koscherfleisch sind wieder um mehr als K 5000 in den ordentlichen Ausgaben gestiegen. Auch die außerordentlichen Ausgaben erfuhren im Berichtsjahre eine nicht unwesentliche Erhöhung, infolge der Kosten, welche die Abwehraktionen gegen die neuerlich aufgetauchten Angriffe gegen das Schächten erforderten. Die im Jahre 1905 für größere Renovierungen der Mikwah eingestellte Reserve per K 12.000 wurde nicht in Anspruch genommen. Die Auslagen für den Religionsunterricht sind von K 158.225 im Jahre 1904, auf K 167.379 im Berichtsjahre gestiegen. Der vom Bezirksschulfonds geleistete Beitrag ist mit K 36.508 fast gleich geblieben. . Der Ueberschuß des Kapitels „Beerdigungswesen" im Gesamtbeträge von K 112.885 wird wie alljährlich dazu verwendet, um die Auslagen für U n t e r st ü tz u n g e n im Bettage von K 66.125 und für Subventionen an Wohltätigkeilsvereine im Betrage von L 46.760 zu decken. Ans dem Ueberschuß des Kapitels ..Zentralfriedhof" wurden K 41.951 dem Friedhof-Erwerbungsfonds. K 73.328 dem Pensionsfonds zur Tilgung des auf dem Hause, I., Seitenstettengasse 2, lastenden Darlehens in gleicher Höhe zugewiesen. Die gärtnerische Ausgestaltung des WähringerFriedhofes wurde im Berichtsjahre fortgesetzt und vollendet. Das diesbezügliche Erfordernis betrug im Jahre 1905 K 16.248, die Einnahmen hiefür bezifferten sich auf K 2367 aus der Liebettberg-Stiftung und L 1000 aus Spenden. Mit dem Restbettage per K 12.881 wurden im Sinne eines Plenarbeschlusses die künftigen Erträgnisse der Liebenberg-Stiftnng belastet. Die Ausgaben für das Spital stiegen von K 284.915 auf K 363.508, das ist um LI 81.593. Dagegen erfuhren die Einnahmen eine Erhöhung von L 88.137 auf K 157 315,

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